Cloud Atlas Kritik

CLOUD ATLAS“ von Tom Tykwer, Lana (vorm. Larry) + Andy Wachowski (B+R; USA/D/Hongkong/Singapur 2011/2012; K: Frank Griebe, John Toll; 172 Minuten; Start D: 15.11.2012); am Anfang stehen “Warnungen”: Achtung, lieber Kritiker, dies ist – wieder einmal, siehe kürzlich “Die Vermessung der Welt” – die Adaption eines Bestseller-Romans, der “eigentlich” gar nicht zu verfilmen ist. Was soviel bedeutet, solch ein Verfilmungswagnis ist, bitte schön, entsprechend zu würdigen. Kritik-mildernd. Dann lautet die weitere Finanzbotschaft – Achtung, dies ist, mit einem Produktionsvolumen von 100 Millionen EURO, der „bislang teuerste deutsche Film“ („Berliner Zeitung“/3. August 2011). Abgesehen davon, dass es sich hier um eine internationale Großproduktion handelt und keineswegs um einen reinen deutschen Film, seit wann bedeutet, macht „Summe“ Qualität??? Zudem – mal ist von EURO, mal ist aber auch von einem 100 Millionen DOLLAR-Budget („Berliner Zeitung“/10./11. November 2012) die Rede. Egal, auf jeden Fall also teuer. War und ist hier annonciert. Soll „Anerkennung“ erzeugen? Weil man doch so viel Geld investiert hat? Für einen einzigen „deutschen“ Film? Leute. Bitte.

Am Anfang also – der Roman. „Der Wolkenatlas“. Vom britischen Schriftsteller DAVID MITCHELL. 2004 in London veröffentlicht, 2006 bei uns erschienen. Ein 670 Seiten-Schmöker um sechs miteinander verwobene Geschichten. Von seelenverwandten Menschen. Über die Jahrhunderte. In der ersten Buchhälfte werden diese Begebenheiten hintereinander erzählt, um dann im zweiten Buchteil in umgekehrter Chronologie zu Ende gebracht zu werden. Die Regisseure entschieden sich dagegen für das parallele Häppchen-Format. Sechs verschieden Menschen und ihre Schicksale innerhalb eines Zeitraums von 500 Jahren: 1849, 1936, 1973, 2012, 2144 sowie 2346. Als philosophisches wie kryptisches Groß-Abenteuer. Mit überhöhtem Pseudo-Geschmack („Was aber ist ein Ozean anderes als eine Vielzahl von Tropfen“). Oft als unklar oder beliebig oder beides zu deuten. Auszumachen. Motto: Begebenheiten in vergänglichen Zeiten und verschiedenem Raum. Um Geburt, Leiden, Sterben. Um Liebe, Existenz, Tod. Und Wiedergeburt. Reinkarnation. Und Erleuchtung. Um junge Dynamik und alternden Zynismus. Um Zartheit und Grobheit. Um Zivilisierung und Zivilisation. Um Charakter und Macht. Um Mord und Totschlag. Um Verrat und Chaos. Oder so. Und umgehrt. Alles ist möglich, denkbar, interpretierbar. Unsere Gestern-Heute-Morgen-Welt als bemühtes, spannungsloses Wirrwarr von Historienfilm und Liebesdrama. Als Krimi-Betrachtung. Mit Abenteuer-Erlebnissen. Und Science-Fiction-Elementen. Durchgeschüttelt, gerührt. Aber ohne Würze.

Um die ewige Wiederkehr bzw. Rückkehr von „immer denselben“ Protagonisten (in verschiedenen Klamotten natürlich) zu verkünden, werden diese sowie einige Nebenakteure von immer denselben namhaften Schauspielern in mehreren Rollen und in mitunter grässlichem Fratzen-Ausdruck gespielt: TOM HANKS, HALLE BERRY, der stets zu faszinieren verstehende Briten-Oldie JIM BROADBENT („Oscar“-Ehemann von Judi Dench in „Iris“), HUGO WEAVING und sogar HUGH GRANT und JIM STURGESS. Allerdings, da sind sich manche Kommentatoren einig: „Trotz des hohen Budgets wirken Tricks und Maske etwas billig“ („Hör Zu“); „Trotz des Riesenbudgets wirken Tricks und Maske oft peinlich“ („TV Digital“). Was ich ebenfalls dermaßen empfinde, behaupte, denn visuell ist das hier nur gängige, ordentliche Computerware aus dem „Blade Runner“- bzw. neulich „Total Recall“-Blickfeld. Mit anonym bleibenden, lediglich „behaupteten“, also seelenlosen Raum-Zeit-Figuren. Mit wenig Charakter-Tiefe. Nur um ständig überschriftsmäßig dick festzuhalten – unsere Existenz ist verbandelt mit Vergangenheit und Zukunft. Aha. Mit fettem Ausrufungszeichen ! Aber ohne Staunen und Mitnahme für uns, weil weniges wirklich mal anspricht und „erhebliche“ Figuren leblos wirken, in diesen jeweiligen kurzen Essays. Die im Schnelldurchlauf hoppla achselzuckend vorbeidüsen. Langweilen. 90 Minuten mehr intellektuell porös, mit der bekannten „theoretischen“ (Belehrungs-)Handschrift von Tom Tykwer („Das Parfüm“), dann mit bekannten filmischen Blutgrätschen aus dem robusten Imperium der Geschwister Wachowski („The Matrix“). Bei dem wieder „zünftig“ Köpfe rollen. Gesamteindruck: Passt nicht. Zusammen. Ermüdet. Schnell. Deutsches und „Hollywood“. Gedanken und Spektakel. Das ambitionierte Thema hat bald ausgepustet: Von wegen Prinzipien des Schicksals. Und seine assoziativen Folgen. Im Kräftemessen. Wie bitte???

„Cloud Atlas“ ist kein starker Erlebnisfilm. Ganz im Gegenteil. Man hat sich hier aufwändig verhoben. Das szenische Kaleidoskop ist völlig unübersichtlich. Die Figuren entwickeln keine Identitätsnähe. Das Geschehen ist als Puzzle bemüht aneinandergereiht. Weder sinn-klar noch visionär. Von Magie keine emotionale Spur(en). Stattdessen viel kalte Bombastik, verkündet als komplexes Gedankenspiel um die komplizierte Existenz von Sein und Seele. Als großkotzige Kopfgeburt. Einer aufwändigen Dauerwanderung. Über die Jahrhunderte. Ohne Spaß und Spannung. Dichte. Selbst dann in den „beweglicheren“ Action-Motiven. Viel zu viel Beliebigkeitsgeschmack.
Da vermag auch ein zweifacher „Oscar“-Hero wie Tom Hanks in Rollen wie mörderischer Schiffsarzt, schmieriger britischer Absteigen-Betreiber, moderner Schriftsteller oder betagter Mann, der auf einem entfernten Planeten am Lagerfeuer über das einstige irdische Leben resümiert, wenig (eigentlich gar nicht) zu gefallen. Mit einer süffisanten Ausnahme – wenn er als heutiger Buch-Autor in London einen unliebsamen Kritiker kurzerhand vom Hochhausdach „befördert“. Nach unten schmeißt. Das hat doch was. Von unterhaltsamer Kunst-Aktion. Ansonsten: „Cloud Atlas“ ist dürftiger Magerbrei. Komplett: Beim Schauen, Hören, Denken. Und Fühlen (= 2 PÖNIs).