Charlie Bartlett Kritik

CHARLIE BARTLETT“ von Jon Poll (USA 2007; 97 Minuten; Start D: 26.06.2008); einem Cutter, der hier seinen Regie-Erstlingsfilm abliefert.

Als thematische Schublade dient der Begriff “Teeniefilm“, doch da es unter diesem “Markennamen“ schon so viele dumme wie platte Movies gab, darf erfreut ergänzt werden: Ein doch “besonderer“, sprich außergewöhnlicher amerikanischer Teeniefilm. Er handelt von einem schlauen 17jährigen aus reichem Hause, den die Privatschulen ob seiner “Pfiffigkeit“ (wie z.B. zuletzt den Massenverkauf von gefälschten Führerscheinen an “begeisterte“ Mitschüler) reihenweise rausgeschmissen haben. Jetzt beschließt die nett-überforderte und vorübergehend alleinerziehende Mama (= Papa sitzt wg. Steuerhinterziehung im Knast), ihren Charlie auf eine öffentliche Schule zu schicken. Dort eckt er ob seines “feinen Äußeren“ erst einmal an, bekommt sofort den Stempel des “Außenseiters“ aufgedrückt und wird erst einmal
vom hauseigenen Ober-Rüpel verdroschen. Doch Charlie lernt schnell. Erweist sich als Meister der Anpassung. Vereinnahmt den, der ihn vermöbelt hat, indem er ihn am schwunghaften Handel mit begehrten, von seinen Psychiatern gerne verschriebenen Psychopharmaka lukrativ beteiligt; außerdem heuert er den aggressiven Punk-Man sogleich auch als seinen Bodyguard an. Als Gratis-Zugabe, man hat ja schließlich seine diversen privaten Erfahrungen bereits, gewährt er seinen gestressten Mitschülern gerne ein offenes Ohr und steigt – auf dem Schüler- Klo – zu einem “beliebten Therapeuten“ auf, dessen Ratschläge mehr und mehr gefragt sind. Na klar reagiert der Direktor sauer, zumal Charlie nun auch ein Techtelmechtel mit seiner emanzipierten Tochter angefangen hat (allerdings auf IHRE Initiative hin).

Was sich so lockerflockig-kess anhört, zeigt sich in der filmischen Betrachtung voller Charme und angenehm geistreich. Dieser Charlie Bartlett ist ein sympathischer Anarchie-Nachfahre des legendären Ferris Bueller aus d e m Teenie-Film der 80er Jahre, aus “Ferris macht blau“ von John Hughes, mit Matthew Broderick als gewitztem School-Boy (USA 1986). Weil die Erwachsenen mit ihren eigenen Problemen schon mehr als genug zu tun haben – Charlies Mutter ist psychisch so labil, dass der Sohn im Grunde AUF SIE aufpassen muss; während der autoritäre Direx selbst große Mühe hat, seine eigenen Alkoholexzesse zu verkraften – müssen die Kinder schneller begreifen, verstehen, lernen, erwachsen-werden. Dank seines unerschütterlichen Optimismus und seiner ausgebufften Cleverness vermag “Seelsorger“ Charlie dennoch “stabil“ zu bleiben. Aber: Ein Teeniefilm, der Drogen propagiert?

In den USA war die Aufsichtsbehörde überhaupt nicht amüsiert und verpasste dieser wunderbar zotenfreien Komödie das sog. “R-Rating“, nach dem Jugendliche unter 17 Jahren nur mit erwachsener Begleitung Kinoeinlass finden. (Bei uns ist der Film “ab 12 Jahren“ freigegeben). Dabei demonstriert dieser fulminante Schelmenstreich das genaue Gegenteil. Lässt Charlie unaufgeregt und ohne moralischen Zeigefinger erkennen, dass (wenn auch legale) Drogen auf Dauer auch kein Allheilmittel für Business und Körper sind. Doch Debütant Jon Pol wollte für diese Erkenntnis nicht den hollywoodschen blöd-moralischen Holzhammer auspacken bzw. die sonst in diesem Genre übliche dramatische Schwarzmalerei betreiben, sondern entwickelt eine erstaunlich souveräne, köstlich schwarzhumorige und vor allem die Kids ernst nehmende Feel-Good-Komödie. Mit vielen ironisch-sarkastischen Pointen und Spaß-Motiven.

Der hierzulande bislang ziemlich unbekannte Hauptakteur ANTON YELCHIN als Charlie Bartlett schafft die vergnügliche Balance, einerseits ziemlich intellektuell und manchem Erwachsenen weit voraus zu sein, andererseits aber emotional (natürlich, als 17jähriger) unausgereift aufzutreten und viel (aus-)probieren zu wollen, um Erfahrungen zu sammeln. Ein Klasse-Auftritt von Jungspunt-Persönlichkeit. Um ihn herum aber sind aber auch die Ensemble-Kids wie auch die Erwachsenen überzeugend besetzt: HOPE DAVIS als Mama Marilyn Bartlett, die immer auf Vergnügungswolke 9 schwebt, wirkt nie überzogen, sondern augenzwinkernd-liebenswert “verzückt“; während ROBERT DOWNEY Jr. (einst Glanzauftritt als “Chaplin“; kürzlich der spannende “Iron Man“) als Schulleiter Gardner sich überhaupt nicht scheut, seine einstigen privaten Alkohol-Eskapaden süffisant-nachdenklich einzubringen bzw. zu karikieren.

Ein erstaunlicher, ein toller, ein SEHR unterhaltsamer, zu den besten seines Genres zählender Teenie-Film (= 4 PÖNIs).