Chappie

CHAPPIE“ von Neill Blomkamp (Co-B + R; USA 2013/2014; Co-B: Terri Tatchell; K: Trent Opaloch; M: Hans Zimmer; 120 Minuten; Start D: 05.03.2015); mit seinem 3. Kinofilm, nach dem beeindruckenden Südafrika-Debüt „District 9“ und dem künstlerisch letztlich enttäuschenden Hollywood-Debüt „Elysium“ (s. Kino-KRITIK) katapultiert sich der 35jährige Filmemacher NEILL BLOMKAMP mit diesem heißen Stoff und seiner verblüffenden Fiction-Show in die erste Riege der phantasievollen Utopisten des besseren Unterhaltungskinos. Das gemeinsam mit seiner Ehefrau TERRI TATCHELL entworfene Drehbuch jedenfalls ist voller überraschender Ein- wie intelligenter Denk- und Gefühlsüber-Fälle.

Johannisburg, Südafrika. In naher Zukunft. Der ewige Kampf zwischen Recht und Böse um die städtische Herrschaft hat längst 50 : 50-Qualität angenommen. Erst seitdem die Polizeibehörden Roboter-Drohnen von einem börsennotierten Waffenkonzern angekauft haben, den die coole Business-Lady Michelle Bradley (SIGOURNEY WEAVER) profitabel leitet, begegnen sie dem gigantischen Verbrechen in der Großstadt „auf Augenhöhe“. Sind die polizeilichen Attacken erfolgreich. Hat das „Gute“ wieder die gesellschaftliche Oberhand übernommen. Wie die TV-Nachrichten stolz vermelden.

Sein Name: Deon Wilson (der „Slumdog Millionär“-Star DEV PATEL). Deon ist ein ehrgeiziger junger Ingenieur in der Roboter-Branche. Hat eine neue Software entwickelt, mit der er die Maschinen-Akteure mit künstlicher Intelligenz und mit „echten Gefühlen“ auszustatten vermag. Kurz vor der letzten Erprobung wird er von der wenig wagemutigen und einzig an ihrem Gewinn orientierten Chefin zurückgepfiffen. Natürlich macht Deon weiter. Insgeheim. Und schafft es tatsächlich, aus einem an sich ausgebotenen, weil total beschädigten Roboter einen neuen aufzupixeln. Einen „echten“. Nunmehr „lebenden“. Mit Empfindungen. Und Sprache. Der seinem Erbauer-Herrn vertraut. Jedoch völlig „von vorne“ anfangen muss: „Chappie“, wie er genannt wird, besitzt erst einmal das Bewusstsein eines Kindes. Das ebenso „behütet“ wie angelernt werden muss. Und will. Das Problem: Chappie wird von „den Falschen“ er- bzw. aufgezogen. Denn: „Papa“ Deon ist out.

Sie sind Gangster. Asoziale Typen, die immense Schulden beim großen Boss haben. Und ihre Chance darin sehen, Deon und seinen Maschinen-Kumpan zu entführen. Um dann Chappie für ihre kriminellen Zwecke benutzen zu können. Allerdings müssen sie dafür den naiven Chappie „adoptieren“. Quasi. Um seine Sympathie und Zuneigung zu gewinnen. Die groben Kerle, Ninja und Yankie, sind dazu kaum in der Lage. Aber die Dritte im Bunde, Ninjas Freundin Yolandi, kriegt „Mutter-Kontakte“ zum schnell aufwachsenden „Maschinen-Boy“ hin. Seit Jahren ist Neill Blomkamp mit dem südafrikanischen Trash-Rave-Duo „Die Antwoord“ befreundet. Ihren Musikstil bezeichnen sie selbst als Proletenmusik, und in der Rolle als „Hinterwäldler“, wie sie sich auch im Künstlerdasein benennen, sind WATKIN TUDOR JONES (als Ninja) und YOLANDI VISSER (als Yolandi) eine spannende Wucht-Wonne. Wie ihre Bühnen-Charaktere. Nie eindimensional, sondern immer mit vielen rüden Ecken, Kanten und Stimmungspolen. „Fest“ hat man sie nie. Im Gedankengriff.

Verbleibt Vincent Moore. Ein Saukerl. Der im Konzern so eine Art Aufpasser mimt. Für die Chefin. Doch hinter seiner lächelnden Fassade zeigt er sich als übler, gieriger Waffen-Lobbyisten-Großkotz. Mit eigenen Machenschaften. Vincent (HUGH JACKMAN) will die neueste, aber noch nicht probierte und schon gar nicht freigegebene Supermaschine „in den Handel“ bringen. Deshalb löscht er alle Software-Daten der Polizei-Drohnen. So dass in Johannisburg ganz schnell Anarchie, Chaos und Verbrecher-Gewalt „neuen Schwung“ bekommen. Und das neue teure „Ding“ doch zum Einsatz freigegeben wird.

Währenddessen wird Chappie manipuliert, benutzt, eingesetzt. Hin und her gejagt. Geschunden. An „Seele“ und „Körper“. Zum Abschuss freigegeben.

Nicht irritieren lassen, DAS clever zusammengemixt ergibt: Der Fiction-Hammer „Chappie“ ist das verblüffendste, faszinierendste, spannendste Film-Originellste, was in den letzten Fantasy-Jahren fürs Kino entwickelt wurde. Entstand. In keinem Moment kann man sich sicher sein, dass man weiß wie es weitergeht. Abseits von Eindimensionalität und Schreckensszenarien feuert Regisseur Blomkamp eine aufregende Überraschungssalve nach der anderen. Ab. Weckt und mischt Genre-Erinnerungen an – natürlich – „Mad Max“, „Nr.5 lebt“, Frankenstein als RoboCop oder E.T., jetzt auf Punk und Speed. Mal knallen die bedrohlichen Rhythmen von Hans Zimmer akustisch-hart, dann wird es klang-mild. Zärtlich. Melancholisch. Zum Thema: Der Mensch ist eigentlich nur noch überkandidelt, gemein oder behämmert. Oder alles zusammen. Im Grunde überflüssig. Hat längst seine Chancen auf der Erde vertan. Durch Protz, Gier, durch Dummheit und ständige Gewalt-Eskapaden. Aber wie wäre es, wenn es gelänge, aus primitiven, dämlichen, schmutzigen Homo Sapiens „gute“ Menschen-Maschinen zu produzieren? Wäre das vielleicht eine neue Chance für die Menschheit???

Ein herrlich emotionaler Hochkaräter! Von außergewöhnlichem (An-)Spannungskino. Was für ein ständig anregender, innerlich aufregender, abgefahrener, wunderbar an die Birne knallender, ständig packender Spitzen-Rotz. Kunst-Trash sozusagen. In bärenstarker Kraft, Qualität und Atmosphäre. Mit SHARLTO COPLEY („District 9“; „Maleficent“) als Titelheld Chappie. WIE der in „diese Uniform“ hineingekrochen, hineingekommen ist, ist mir schleierhaft. Und auch egal. Denn Chappie ist künftig der Innbegriff vom besseren Pixel-Menschen-Ich. Jedenfalls im Kino.

Hammer-Irre, dieser superfetzige phantastische Film „Chappie“ (= 4 ½ PÖNIs).