Café Belgica Kritik

CAFÉ BELGICA“ von Felix Van Groeningen (Co-B + R; Belgien 2014/2015; Co-B: Arne Sierens; M: SOULWAX; 126 Minuten; Start D: 23.06.2016); man achte auf die Belgier. Nicht nur im Fußball, sondern speziell auch beim Licht-Spiel. FELIX VAN GROENINGEN ist einer ihrer herausragenden Spezies. Mit „Die Beschissenheit der Dinge“ (s. Kino-KRITIK) bleibt er unvergessen kultig. Für „The Broken Circle“ gewann er 2013 den „PanoramaPublikumsPreis“ auf der Berlinale. „Café Belgica“, sein fünfter Spielfilm, ist eine neuerliche Erlebnis-Show, die aber so etwas von fetzt. Abgeht. In die Körper-Poren rotzt. Und rockt. Als Family-„Entertainment“ und „Musical“ mit der belgischen Milieu-Kult-Band „SOULWAX“. Die den Rock’n’Roll punk-t. Mit hämmernden Arrangements von Kraut-Techno über Neo-Soul, von Psychobilly bis zu Hardcore (feat. Igor Cavalera von Sepulatura). Am Siedepunkt.

Zwei Brüder. Jo, der Schmächtige (STEF AERTS) und Frank, der Bullige mit der ständigen Unruhe (TOM VERMEIR). Eigentlich verbindet sie schon eine Weile nichts mehr. Jo, der Solist, der nur auf einem Auge sehen kann, hatte einst künstlerische Ambitionen, doch die Liebe zur Musik ließ ihn schließlich die Pinte „Café Belgica“ übernehmen. Frank ist ewig rastlos. Steht immer unter Spannung. Bald wird er zum zweiten Mal Vater, betreibt mit einem Kompagnon einen Gebrauchtwagenhandel, ist aber unzufrieden, will mehr. Taucht bei Jo auf, der ihn mit ins Café-Team aufnimmt, und beginnt mit dem Flusen. Was wäre wenn….man diese Schuppen umgestalten würde. Zu einem Club. Mit harter Live-Musik und viel angesagtem Dampf. Und Jo, der eigentlich auf Sicherheit setzt, lässt sich vom Bruder Draufgänger überreden. The Beat goes on. Und wie! Binnen kürzester Zeit wird der Café-Club zur angesagtesten Stätte in Gent. Vollgewienert mit Sex & Drugs & heißen Klängen. Und mittendrin in der Party: Die Brüder. Was kostet die Welt!?! Immer mehr.

„Cafe Belgica“ rumort wie ein „New Hollywood“-Exkurs von Scorsese & Co. aus den 1980ern: Wild, ungezügelt, Direkt-Kamera heran. Stimmungsexplosionen. Zuhauf. Die Lebens-Lust. Zügellos. Regeln? Konsequenzen? Pflichten? Arrangieren? Warum, verdammt nochmal? Wenn dieser süße Sog des extremen Fühlens, des „besseren“ Empfindens, so dauer-verlockend ist? Kann „das“ nicht immer SO berauschend sein?

Zwei Brüder. Auf ungehemmter Exkursion. Während IHRER 15 Lebens-Minuten. Intensiv, wild, ungezügelt. Hemmungslos. Authentisch. Und: So heiß war der Punk-Rock schon lange nicht mehr im ungefilterten Kino-Dunkel. Als gäbe es kein Morgen. Dabei gibt es schließlich einen. Einen ziemlich schlichten. In Kater-Laune.

Felix Van Groeningen und: Keine Besserwisserei, keine Kommentare, keine Rechtfertigungen. Eine wüste Geschichte. Eine heiße Geschichte. Mit einigem Selbsterlebtem. Und zwei sensationellen „James Dean“-Helden: Labil wie zerstörerisch. Neu-gierig wie besoffen. Vor Lust. Und Gier. STEF AERTS & Debütant TOM VERMEIR spielen teuflisch gut. Lange nachhallend.

Belgien 2016 auf „Easy Rider“-Kurs: Wie grandios-bekloppt ist das denn? (= 4 PÖNIs).