Brügge sehen…und sterben? Kritik

BRÜGGE SEHEN…UND STERBEN?“ von Martin McDonagh (B+R; GB/Belgien/Irland 2008; K: Eigil Bryld; M: Carter Burwell; 107 Minuten; Start D: 15.05.2008); einem in London geboren irischen Star-Schriftsteller und Dramatiker vom Jahrgang ’70, den die “New York Times“ einmal als den “möglicherweise originellsten irischen Schriftsteller seit Jahren“ hofierte. 2006 bekam er
einen “Oscar“ für seinen Kurzfilm “Six Shooter“ (mit Brendan Gleeson). Dies hier ist sein Spielfilm-Erstling und immerhin war er im Januar Eröffnungsfilm beim renommierten Sundance-Festival in den USA.

Eine Autostunde von Brüssel entfernt liegt eine der reizvollsten europäischen Städte, nämlich die einst so bedeutende Handelsmetropole BRÜGGE in Flandern. Wirtschaftlich hat Brügge heute vor allem touristische Bedeutung, denn seine Schönheit mit vielen Kanälen, Kunstsammlungen und dem bestens wie komplett erhaltenen mittelalterlichen Stadtkern ist enorm. Dieser übrigens wurde im Jahr 2000 von der UNESCO zum WELTKULTURERBE erklärt; 2002 war Brügge (= 117.000 Einwohner) Europäische Kulturhauptstadt. “Neapel sehen und sterben“ heißt bekanntlich ein italienisches Sprichwort. “Venedig sehen und sterben“ ist ein berühmter Kriminalroman von Edward Skiepowich betitelt. Eine hübsche (TiteI-)Variante bietet nun diese schwarzhumorige Killer-Komödie, deren deutscher Verleihtitel allemal witziger ist als der Originaltitel “In Bruges“ (“In Brügge“).

Zwei britische Typen erreichen um die Weihnachtszeit diese feine Gegend: RAY und KEN. Sie sind britische Berufskiller, haben kürzlich einen Auftrag erfolgreich ausgeführt, dabei aber auch “Mist“ gebaut. Neben einem Londoner Geistlichen wurde auch ein kleiner Junge – “versehentlich“ – mit-getötet. Nun parkt Boss Harry sie erst einmal an diesem kulturellen Pracht-Ort. Während dem jungen, forschen Ray dies überhaupt nicht passt, er gibt sich ungeduldig, aufbrausend, kulturell völlig desinteressiert, hat der ältere Ken kulturell “Blut geleckt“. Ken ist gelassen, neugierig, interessiert und will die Gegend entdecken, sie genießen bzw. gerne auf sich wirken lassen. Zwei völlig gegensätzliche Kerle-Pole, die nun auf Harrys Anruf warten, um zu erfahren, wie und wo es denn nun weitergeht.

Zwei schlechte Kerle treffen auf “gute Kultur“. Daraus fabriziert der Autoren-Regisseur eine packende wie britisch-komische Kumpel-Komödie als temporeichen Thriller. In dem Mix aus pointiertem Verbal-Humor, lockerer Augenzwinker-Action und pfiffigen Gaunerwitzen unterhalten vor allem süffisante Betrachtungen über Reue, Sühne und den Überhaupt-Sinn des Lebens von gekonnt-amüsant bis prächtig. Zudem punktet die schwungvolle Inszenierung nicht nur mit feinen Vor-Ort-Ansichten, sondern auch mit einer Reihe herrlich skurriler Nebenfiguren wie einem zwergenhaften Darsteller einer amerikanischen Filmproduktion (mit hohem Frauenverbrauch) oder einem halbblinden Kleinganoven (mit Eifersuchtswahn). Spiel, Spaß, Spannung, Pointen sowie Wendungen zuhauf und Kultur- wie Krimi-Atmosphäre pur. COLIN FARRELL (“Nicht auflegen!“, “Miami Vice“), bald 32, mimt den andauernd explorierenden Unruhegeist; während der zuletzt, als Professor Moody, aus den Harry- Potter-Filmen “Feuerkelch“ und “Orden des Phönix“ bekannte korpulente Ire BRENDAN GLEESON; 53, den besonnenen Gegenpol-Partner fein-bildet. Zwei wie Pech und Schwefel natürlich, zu denen sich schließlich – in einem furiosen Schluss-Duell-Totentanz – Star-Mime RALPH FIENNES (“Schindlers Liste“; “Der englische Patient“) als sadistischer Boss Harry und wütender Gentleman-Schurke gesellt.

Ein ebenso ungewöhnlicher wie brillanter Ironie –Thriller (= 4 PÖNIs).