Broadway Therapy

BROADWAY THERAPY“ von Peter Bogdanovich (Co-B + R; USA 2013; Co-B: Louise Stratten; Co-Produzenten u.a.: Wes Anderson, Noah Baumbach; K: Yaron Orbach; M: Ed Shearmur; 93 Minuten; Start D: 20.08.2015); die Lebensgeschichte des PETER BOGDANOVICH, geboren am 30. Juli 1939 in Kingston, New York, ist mindestens genau so aufregend wie es seine Filme waren und sind. In den End-Sechzigern des vorigen Jahrhunderts zählte er zu den bedeutenden Kreativ-Köpfen der New Hollywood-Bewegung und befand sich in einem erlauchten Kreis mit Anfangs-Filmkünstlern wie Martin Scorsese, Francis Ford Coppola, Michael Cimino oder George Lucas. Kultstatus erlangte bereits sein Filmdebüt, „Targets – Bewegliche Ziele“, von 1968, als er beim Billigverwerter-Produzenten Roger Corman binnen kürzester Zeit eine grandios spielerische Hommage an den damals 81jährigen „ewigen“ „Frankenstein“-Darsteller“ Boris Karloff schuf.

Danach folgten Meisterwerke wie „The Last Picture Show – Die letzte Vorstellung“ (1972: 8 „Oscar“-Nominierungen) und natürlich d i e klassische und urkomische Screwball-Filmkomödie überhaupt: „Is‘ was, Doc?“ mit Barbra Streisand und Ryan O‘ Neal (1972/s. Kino-KRITIK). Der Rest im Leben des hochverehrten Peter Bogdanovich sind berufliche Spitzenfilme, die – zunächst – keinen Erfolg brachten („Paper Moon“; „Daisy Miller“; „Nickelodeon“), und private Tragödien, die Schlagzeilen machten. Anlass zu letzterem, die traurigen Geschehnisse um die Herstellung des hervorragenden Films „Sie haben alle gelacht“ (s. Kino-KRITIK). Einem meiner privaten Best Off-Filme. Stichwort: Wenn das Leben extrem brutal und gemein ins Kino eingreift.

Das Comeback heute bedeutet: Herzklopfen. So sehr bin ich in Peter Bogdanovich und in sein Handwerk „vernarrt“. Filmkritik ist nie objektiv, doch so subjektiv „frohlockend“ wie hier ist sie selten. Bei mir. Die Wiederbegegnung mit einer Komödie von ihm bedeutet auch die hocherfreute Wiederbegegnung mit einem Künstler aus einer anderen und eigentlich längst vergangenen = gleich abgeschlossenen = Zeit. Eigentlich. Beim Filmfestival von Venedig vor einem Jahr jedenfalls waren Hochachtung und Gute-Laune groß. „Es scheint so, als hätte Peter Bogdanovich einfach dreißig Jahre lang Gags gesammelt“, war in der „Süddeutschen Zeitung“ (vom 2. September 2014) zu lesen.

SCREWBALL: Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Baseball-Sport und bezeichnet dort einen angeschnittenen, unberechenbaren und schwer glatt einzufangenden Ball. Für die Neuauflage einer exzellenten Screwball-Komödie benötigen wir Personen mit etwas eigenwilligen, sprich skurrilen Angewohnheiten. Fangen wir also mit Izzy aus Brooklyn an (IMOGEN POOTS). Das hübsche Escort-Girl, härter: Call Girl, hangelt sich von einem Job zum nächsten. Möchte Schauspielerin werden. Begegnet dem berühmten Broadway-Regisseur Arnold Albertson (OWEN WILSON). Der hat, sagen wir mal, eine nette Macke. Mag Izzy, lädt sie zum Essen ein und schenkt ihr großzügig 30.000 Dollar, damit sie ihre Bühnen-Träume verwirklichen mag. Und aus ihrem Verdienst-Treiben aussteigen kann. Izzy hat sich bei einer Broadway-Produktion beworben und landet ausgerechnet bei … Arnold. Der verdutzte Lover der Nacht ist nicht unbedingt amüsiert, schließlich spielt Ehefrau Delta (KATHRYN HAHN) die Hauptrolle im anstehenden Stück. Und ist vom Izzy-Talent ganz begeistert. Versteht ihren Gatten nicht, warum der zögert. Mit ihrem Engagement. „Was für ein Talent!“

Weitere auftauchende und höchst eigenwillige Player: Der Autor Joshua Fleet (WILL FORTE), der sich prompt in Izzy verknallt und deshalb seine durchgeknallte Freundin Jane, eine „extreme“ Psychotherapeutin (JENNIFER ANISTON), vernachlässigt. Was die natürlich auf die Psycho-Palme versetzt. Ein alter notgeiler Richter und Izzy-Kunde muss auch noch erwähnt werden, Pendergast mit Namen (AUSTIN PENDLETON), der keine emotionale Ruhe gibt und einen überhaupt nicht „unauffälligen“ Privatdetektiv-Freund in Altersbewegung setzt, damit dieser herauskriegt, was eigentlich los ist. Mit „seiner“ Izzy. Dieser Arthrose-Schnüffler, Detektiv Fleet (GEORGE MORFOGEN), ist aber zugleich der Vater des frisch verliebten Autoren Joshua. Man trifft sich – zufällig, versteht sich – beim Italiener. Wo es natürlich zünftig „ab“ geht. Körpersprachlich wie überhaupt. Auch noch mit von der bewegten Party: Schauspieler Seth Gilbert (RHYS IFANS), der die Frau von Arnold, also Delta, ständig offen anbaggert und von der Izzy-Affäre ihres Gatten, seines Regisseurs, weiß. Und dies genüsslich „zu benutzen“ bereit ist. Alles klar? Egal. Jetzt sind die Positionen eingenommen und das beziehungsreiche Figuren-Karussell kann flott und originell gestartet werden.

Der klassische Swing. „Cheek to Cheek“. Von Irving Berlin. Mit dem berühmten Anfangsvers…“Heaven, I’m in Heaven“…; aus „Top Hat“/1935; (dtsch. Titel: „Ich tanz‘ mich in dein Herz hinein“); mit der schwungvollen Erinnerungs-Vorspannlust aus der Fred Astaire/Ginger Rogers-Ära geht es gleich in die emotionalen und beziehungsreichen Vollen. Also das ganze Bewegungsprogramm. Missverständnisse, zweideutige Verwicklungen, Deutungsdefizite, hübsche peinliche Zufälle, diffuse Komplikationen, das Telefon als dauerhafter Pointen-Urknall, sogar wieder die verwechselten Hotelzimmer: der Taumel der Gefühle und der verwirrten, vernebelten Sinne. Das ewige komische Duell der liebeshungrigen Geschlechter. In Spitzen-Timing und flottem Mundwerk-Tempo.

„BROADWAY THERAPY“: Peter Bogdanovich auf den Spuren von Howard Hawks („Leoparden küßt man nicht“), Ernst Lubitsch („Ninotschka“) und Frank Capra („Es geschah in einer Nacht“/1934). Oder auch: etwas Billy Wilder, bitte („Eins zwei drei“). Nuancen, Gerüche, scheinbare Ausweglosigkeit, jeder mit und gegen jeden. „Broadway Therapy“ als charmante, atmosphärische Turbulenz. Und mit Quentin Tarantino als lakonischem Gag-Rausschmeißer!

„Is‘ was, Izzy?“: Bogdanovich zieht noch einmal die süffisant-frivolen Unterhaltungs-Strippen. Klasse ulkig in Sachen Timing, Schwung, Spiel & Spaß. Berührungen. Das volle Ja: „Wer diesen Film nicht komisch findet, hat Depressionen“ (Susan Vahabzadeh in der „SZ“). It’s funny Entertainment (= 4 ½ PÖNIs).