THE BREAKFAST CLUB – Der Frühstücksclub

THE BREAKFAST CLUB — Der Frühstücksclub“ von John Hughes (B + R; USA 1984; K: Thomas Del Ruth; George Bouillet; M: Keith Forsey; D: Emilio Estevez, Paul Gleason, Anthony Michael Hall, Judd Nelson, Molly Ringwald; 93 Minuten; BRD-Start: 05.07.1985)

Es ist Samstag, der 24. März 1984: “Willst Du Deine Chance verpassen und Dir alles kaputtmachen? Kriegt doch keiner ein Stipendium, der Schwierigkeiten mit der Disziplin hat“. So wird Andrew (EMILIO ESTEVEZ) freundlich aber bestimmt von seinem energischen Herrn Erzeuger an diesem schönen schulfreien Samstag-Morgen vor der Penne verabschiedet. Andrew muss nämlich in die Schule. Auch an diesem ansonsten freien Schultag. Genauso wie John, Claire, Brian und Allison. Sie haben kürzlich Scheiße gebaut, also heißt es: nachsitzen. Der diensthabende Lehrer ist ein Richard Vernon (PAUL GLEASON), mit 22 Berufsjahren auf dem Buckel, einem sicheren 51.000 Dollar Jahresgehalt in der Tasche und viel Frust und noch mehr Wut und Zynik im Gehirn. Er ist sauer, stinksauer auf solche Typen wie die Fünf, obwohl die doch aus völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen Familien kommen. Die alles kaputtmachen, was er und seinesgleichen – “Ich bin, ein angenehmer Mann und alle mögen mich“ – in langen, harten, entbehrungsreichen Jahren mühselig an Bildung und Staat aufgebaut haben. Und dann kommen solche Rotzgören, kommt solcher Abschaum, und macht mir nichts, dir nichts all diese Schöne, Etablierte kaputt. Zum Kotzen, wenn er auch noch daran denken muss, dass schließlich “so etwas“ einmal das Land regieren wird. Aber noch ist es ja nicht soweit, noch hat er das Sagen, noch hat er, Richard, sie unter seiner Fuchtel, noch ist er der Boss. Also befehligt er einen mindestens 1000 Worte umfassenden Aufsatz für die nächsten 8 Stunden und 45 Minuten. Thema: “Wer bin ich?“ Und reden und überhaupt von den Plätzen rühren dürfen sie sich auch nicht, ordnet der Sir-Pädagoge kategorisch und lautstark an.

“Vielleicht werden Sie sich ein bisschen besser kennenlernen, vielleicht bekommen Sie sogar Lust, öfter mal nachzusitzen“, spöttelt der gute Mann abschließend in die verständnislosen, erregten Gesichter dieser kleinen Eintagsklasse. Aber wer sind nun diese Fünf, die da mehr oder weniger zufällig zusammengefunden haben? Bösartiger Nachwuchs oder nur bescheuerte Deppen, die sich bekloppterweise nur bei abstrusen Streichen haben erwischen lassen? Sind sie wirklich das, wie ihr genervter Aufpasser sie sieht: Punk, Freak, Muskelprotz, Prinzessin und Intelligenzbestie? Sie kennen sich kaum, kommen aus verschiedenen Seminaren dieser Shermer High School, die in einem Chicagoer Vorort liegt, haben kaum Gemeinsamkeiten, geschweige denn Sympathien füreinander.

Vor allem John Bender , der “Freak“ (JUDD NELSON), der penetrant Aufsässige, provoziert die anderen gleich mächtig, legt sich mit jedem erst einmal kräftig an, um so etwas wie eine Hackordnung für die kommenden Stunden herzustellen, bei der er natürlich von oben herab zu dirigieren beabsichtigt. Die anderen wehren sich natürlich, und so entsteht in der ersten Zeit untereinander ein Boxkampf in Wortgefechten. Jeder gegen jeden. Bis die ersten Schwachstellen und Schwächen herausgefunden sind, bis die ersten Verletzungen offen liegen. Und bis ihnen die erste Puste ausgeht, bis sie selbst keine Lust mehr an den ständigen Aggressionen haben. Bis sie tatsächlich erste Gemeinsamkeiten bemerken. Bis sie ohne Scham von ihren Wünschen und Träumen, von ihren Hoffnungen und den häuslichen Alptraumerlebnissen mit den Erwachsenen berichten. Bis sie miteinander lachen und weinen können. Bis sie sich – vorsichtig – sympathisch werden, weil ihre Anliegen ähnlich sind. Bis sie – “mein Gott, werden wir etwa so wie unsere Eltern“ – zu begreifen beginnen, dass dieser Tag beileibe kein Straf-Tag mehr ist, sondern ganz im Gegenteil. Bis der lange Samstag zu Ende ist. Und sie mehr gelernt haben, als es je ihren elterlichen wie schulischen Lehrern lieb sein wird.

“The Breakfast Club – Der Frühstücksclub“ ist der zweite Film einer High-School-Trilogie, die John Hughes innerhalb von 16 Monaten gedreht hat. Der erste, “Sixteen Candles“, wurde in den USA im Frühling 1984 im Kino und bei uns ein Jahr später unter dem Titel “Das darf man nur als Erwachsener“ nur auf Video gestartet. Es ist die Geschichte eines jungen Mädchens, deren Eltern ihren 16. Geburtstag vergessen und die außerdem in der “ersten Liebe“ einige Schwierigkeiten hat. Kein sonderlich aufregendes, sich von anderen Teenie-Stückchen groß unterscheidendes Filmchen, jedenfalls in der deutschen Version. Der dritte Film dieser jeweils abgeschlossenen Junge-Leute-Filme ist schon abgedreht, heißt “Weird Science“ und ist eine Special-Effects-Komödie über zwei Jungen, deren Phantasien eines Tages Wirklichkeit werden. Dieser Film kommt in diesen Wochen in den USA heraus, ob und wie er dann auch uns erreichen wird, steht derzeit noch nicht fest. Ist er halbwegs so ansprechend, so aufregend, so überzeugend und unterhaltsam wie ‘‘The Breakfast Club“, einem der besten Jugendfilme seit Jahren, dann wird er hoffentlich eines Tages auch bei uns ins Programm übernommen.

“Der Frühstücks Club“ geht von vorn herein ehrlich mit seinen Beteiligten um, verscheißert sie nicht als Doofköppe, als spinner- und spannerlustige “Eis am Stiel“-Banausen, sondern behandelt sie ernsthaft, sensibel, zärtlich. Die fünf jungen Leute, die nach und nach immer mehr darüber erschrecken, dass sie möglicherweise “so wie unsere Eltern“ werden könnten, sind auch keine selbstklugen, selbstgefälligen, auf alles eine clevere Antwort parat habende Hollywood-Kids, sondern normal kommunikativgestörte Wesen, die erst “eine gewisse Zeit zusammen verbringen müssen und dadurch gezwungen sind, einander als Individualisten und nicht als Stereotypen anzuerkennen“ (Autor und Regisseur Hughes). “Als Schauplatz des Geschehens habe ich bewusst eine High School gewählt, weil es nicht nur ein Ort ist, den fast jeder kennt, sondern auch deshalb, weil Jugendliche ehrlicher miteinander umgehen als Erwachsene“.

Obwohl der Film überwiegend nur in einer Kulisse bleibt, ist er in keiner Minute langweilig oder geschwätzig, ganz im Gegenteil. In jeder dieser fünf Figuren steckt ein bekanntes Identitätsstück des Betrachters, stecken “Wahrheiten“, die neugierig machen, interessieren. Auch deshalb, weil die fünf jungen Schauspieler hervorragend spielen als wären es sie selbst. Weil John Hughes sie so bemerkenswert-unauffällig führt und sie sich von Thomas Del Ruth fotografieren lassen.
Und wenn einmal die Sprache überflüssig ist, gar versagt, stellt er an ihre Stelle die Rock-Musik, den Sound, der für die emotional richtige Spannung und Kraft sorgt. “Wenn du erwachsen wirst, dann stirbt dein Herz“, fällt einmal die ansonsten zurückhaltende Allison ins Wort, als sie sich heißgestritten haben. Dieser Film könnte ein Mittel dagegen sein (= 4 PÖNIs).