Blue Valentine Kritik

BLUE VALENTINE“ von Derek Cianfrance (Co-B+R; USA 2009; 112 Minuten; Start D: 04.08.2011); als Werbe- und Dokumentarfilmer ist der 36jährige Regisseur, Kameramann, Drehbuch-Autor und Cutter „in der Scene“ ein Begriff. Mit 23 Jahren drehte und schnitt Derek Cianfrance seinen ersten Spielfilm „Brother Tied“, der 1998 seine Premiere auf dem renommierten „Sundance Festival“ hatte. Um dann auf über 30 internationalen Festivals vorgezeigt zu werden und insgesamt 6 internationale „Awards“ einzuheimsen. Zu seinen bekannten Dokumentarfilmen zählen Porträts über Mos Def, Cassandra Wilson und Annie Lennox. Mit seinem zweiten Spielfilm wandelt der Filmemacher auf den Spuren eines INGMAR BERGMAN. Der sezierte einst, 1973, in „Szenen einer Ehe“, die Beziehung eines Ehepaares (gespielt von Liv Ullmann + Erland Josephson) nach 10jähriger Ehe. Das aufwühlende Drama-Protokoll eines auseinanderdriftenden Paares gilt als Meisterwerk und Legende.

Derek Cianfrance stellt heute das Ehepaar Cindy und Dean vor. Samt bezaubernder kleiner Tochter Frankie. Nach sechs Ehejahren bröckeln Putz und Seele. Was einst so hoffnungsvoll, vielversprechend startete, läuft heute mehr und mehr aus dem emotionalen Verständigungsruder. Aus der einstigen Leidenschaft ist Gewöhnung und noch mehr Ernüchterung gewichen. Was waren das aber für Anfänge? Zwischen der angehenden Medizinerin und dem talentierten Musiker, der in New York als Umzugshelfer jobbte? Romantik-pur. Es blitzte, es funkelte, es kribbelte. DER Einschlag. DAS Gefühl. Dieses WIR-Erlebnis: WIR sind füreinander bestimmt. WIR packen es. Bestimmt. Mit Sicherheit. Jahre später ist ES vorbei. Oder doch nicht? Sie will wieder studieren, er tut als Handwerker „Pflichtarbeit“. Viele individuelle Träume sind auf der Strecke verwuselt, doch man hatte ja SICH. Was also soll, kann schief gehen?
Entfremdung zum Beispiel. Die nicht eingestandene Erkenntnis, doch nicht „das Traumpaar“ zu sein. Das sich zusammenpassend auch im tristen Normalalltag bewährt. Der innere Frust. Baut sich pö a pö auf. Ist inzwischen enorm angestiegen. Obwohl „man“ bemüht ist, „dennoch“ weiterhin respektvoll, irgendwie halt liebevoll miteinander umzugehen. Auszukommen. Doch SIE besteht nun auf berufliche Ambitionen, er dagegen hat diese längst für sich aufgegeben. Seine jugendliche, charmante Damals-Leichtigkeit ist dahin. Zerplatzt. In, mit den täglichen Klein-Reibereien. ER startet einen Versuch. Will nochmal einen Beziehungsanlauf nehmen. In einem „merkwürdigen“ futuristischen Love-Motel. Marke klein wie schäbig. Hier soll’ s mal wieder besser abgehen. Mit einigem Alkohol und viel „guter Berührung“. Doch der „Verständigungs-Sex“ ist mehr Bad denn Genuss. Kälte anstatt Herz. Härte anstatt Lust.

Derek Cianfrance beschreibt eindringlich, wie sich schleichend „etwas“ entwickelt. Wie ein Beziehungsfundament „pfuscht“. Was aus Anziehungskraft und Gefühlen werden kann. Lauter Missverständnisse. Aber wie soll man dies alles anfangs denken? Bedenken? Erwarten? Geht doch gar nicht. Auch wenn die sozialen Herkunfts- und Erlebnismilieus möglicherweise darauf verweisen. Hindeuten. Im Nachhinein. Es roch doch halt nach der großen „Chance“ WIR. Folgerichtig raufte man sich gerne liebend zusammen. Und nach 6 gemeinsamen Jahren nun dies. DIES!
Das zwischenmenschliche Blühen und Verwelken. Nicht für möglich gehalten, aber doch „da“. Die abgelaufene Ehe-Haltbarkeit, die ausgelaufene Sinnlichkeit. Das ermattete Interesse. Aneinander. Zueinander. Miteinander. Die verstockten Minen. Der lange zurückgehaltene Frust. Das seelische Daueraufstoßen. Die Ehe als Käfig. Ich-Bedrohung. In dem sich (sehr) viel Seelen-Müll angesammelt hat. DER nun zu explodieren beginnt. Das Beständigste – die Unbeständigkeit.

Aufregend, spannend, geradezu fiebrig-nahegehend. Weil von zwei exzellenten Darstellern vehement wie überzeugend-charaktertief dargeboten: Die 29jährige MICHELLE WILLIAMS, aufgefallen in Filmen wie „Station Agent“ von Tom McCarthy (neben Peter Dinklage), „Brokeback Mountain“ (als Ehefrau von Heath Ledger/„Oscar“-Nominierung) und in „Shutter Island“ von Martin Scorsese (neben Leonardo DiCaprio), „dampft“ hier attraktiv vor Intensität. Als Gefühls-Löwin mit Power-Herz. Die diesjährige zweite „Oscar“-Nominierung „dafür“ zielt klar in Richtung „besondere Aktrice“. Michelle Williams ist eine außergewöhnlich ausdrucksstarke Charakter-Darstellerin und Persönlichkeit! Der kanadische Schauspieler-Partner und Musiker RYAN GOSLING, auch Jahrgang 1980, seit 2007 als kontaktscheuer Sonderling in „Lars und die Frauen“ unvergessen („Golden Globe“-Nominierung), trifft ebenso mit voller Wucht seinen Locker-Typen und dessen emotionale Wechselbäder. Ein phänomenales Hoch-Tief-Paar.

„Blue Valentine“ betrifft, kommt bekannt vor, klatscht vorzüglich tief aufs Intim-Gemüt. Ein spannender Seelen- und Haut-Volltreffer! (= 4 PÖNIs).