DER BLINDE FLECK

DER BLINDE FLECK“ von Daniel Harrich (Co-B + R; D 2012; Co-B: Ulrich Chaussy, nach seinem Buch „Oktoberfest – Das Attentat: Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann“; K: Walter Harrich, Tobias Corts; M: Ian Honeyman, Julian Scherle; 99 Minuten; Start D: 23.01.2014); ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir kommt es gefühlte hundert Jahrzehnte vor, dass sich ein deutscher Spielfilm einmal an ein politisches Spannungsthema aus unserem Land „wagt“. „Messer im Kopf“ von Reinhard Hauff (1978) oder „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Volker Schlöndorff (1975) von Annodunnemal…, aber ansonsten??? Dies hier ist der Debüt-Spielfilm des 1983 in München geborenen Daniel Harrich, der Betriebswirtschaft in London und „Film“ in Los Angeles studiert hat. Sein Spielfilm-Erstling beißt packend in wahre deutsche Zeitgeschichte und erzählt von einem längst vergessenen „bayerischen“ Terror-Ereignis aus dem Jahr 1980. Erinnert dabei in seiner aufregenden Unruhe und wütend machenden Konsequenz an vergleichsweise französische oder italienische Polit-Thriller aus den mutigen Siebzigern („Der Richter, den sie Sheriff nannten“ von Yves Boisset/1977 oder „Die Macht und ihr Preis“ von Francesco Rosi/1975, 1976).

Wir müssen in der deutschen Zeit zurückrudern. In die BRD des Herbstes 1980. Der Bundeswahlkampf ist in vollem Gebrüll-Gange. Der bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß will „unbedingt“ Bundeskanzler werden. Prollt heftig-deftig gegen den Konkurrenten und Amtsinhaber Helmut Schmidt. DER „kommentiert“ angewidert zurück. Am Freitag, den 26. September 1980, neun Tage vor der Wahl zum 9. Deutschen Bundestag, explodiert um 22.19 Uhr in einem Papierkorb am Haupteingang des Münchner Oktoberfestes eine Rohrbombe. 210 Menschen werden verletzt, 68 erleiden schwere Verletzungen, 12 Menschen sterben (der Nachspann nennt die Namen). Erstens: Das Oktoberfest wurde nicht abgebrochen. Zweitens: Die ermittelnden Behörden, Polizei, Bundesanwaltschaft, Politik, finden „ganz“ schnell einen mutmaßlichen rechtsextremen Einzel-Attentäter: Gundolf Köhler, 21, der bei der Explosion ums Leben kam. Der Journalist ULRICH CHAUSSY, 1952 in Karlsruhe geboren, überzeugt das baldige und endgültige Ermittlungsabschlussergebnis von der definitiven Einzeltäterschaft nicht.

Er stellt eigene Recherchen an und findet immense Widersprüche. Ungereimtheiten. Dabei im Blick- und Mittelpunkt: Ministerialdirigent Dr. Hans Langemann (HEINER LAUTERBACH): „Hinter den Kulissen bin ich nach dem Ministerpräsidenten der stärkste Mann in Bayern. Und ich bleibe das auch“. Er sorgte offensichtlich dafür, dass die Presse vor der Polizei am Wohnort von Gundolf Köhler eintraf und für „Wirbel“ sorgte, so dass Mitwisser, Mitmacher, gewarnt waren; und er hatte möglicherweise Interesse daran, das Terror-Ereignis politisch für „seinen Ministerpräsidenten“, für die bevorstehende Bundestagswahl, zu (be-)nutzen. Als Strippenzieher hinter den Kulissen („Manchmal muss man eben ein bisschen tiefer bohren, um an die Wahrheit zu kommen“). Zeugen werden mehrmals befragt, unter Druck gesetzt, infrage gestellt, wenn sie nicht „zustimmend“ aussagen. Protokolle erscheinen manipuliert. Schließlich hatte der mächtige Boss klar und deutlich den Auftrag erteilt: „Lassen Sie sich gefälligst etwas einfallen!“. So kam es, dass die damals seit Jahren unbehelligt in bayerischen Wäldern „übende“ rechtsextreme „Wehrsportgruppe Hoffmann“ nicht ins Ermittlungsumfeld geriet, weil ja sonst die These von der Einzeltäterschaft nicht aufrecht zu erhalten gewesen wäre. Und weil man sonst hätte zugeben müssen, auf dem rechten Polit-Auge blind zu sein. Dass aber Gundolf Köhler Mitglied dieser Gruppe war, wurde tunlichst amtlich „übersehen“. Unterschlagen. Die „Sonderkommission Theresienwiese“ kann, besser will hier keine Zusammenhänge erkennen. Feststellen. Bundesanwalt Dr. Kurt Rebmann (MIROSLAV NEMEC) übernimmt diese abschließende Erklärung. Der Fall ist beendet. Aufgeklärt. Doch von wegen. Ein geheimer Informant (AUGUST ZIRNER) „füttert“ Ulrich Chaussy (BENNO FÜRMAN) mit immer mehr Daten, Fakten, Namen. Akten. Der Journalist ist aufgescheucht. Es geht weiter. Über viele Jahre.

Bis in die heutige Zeit. Wo man durchaus die Chance hätte, die vielen Ungereimtheiten jetzt endgültig zu klären. Von wegen nun möglicher DNA-Spuren. Bedauerlicherweise aber wurden viele Beweismittel 1997 „aus Platzgründen“ bei der Generalbundesanwaltschaft vernichtet. So ein Pech aber auch. Ulrich Chaussay aber lässt nicht locker. Er, der am Drehbuch für diesen Polit-Krimi mitschrieb, recherchiert(e) weiter. Was die Zweifel an der Einzeltäterschaft immer umfangreicher werden lässt. Bis heute. Wo die jahrelangen Morde der NSU einige Parallelfragen aufwerfen. Zum Beispiel, einleuchtend: Wären diese Verbrechen möglicherweise zu verhindern gewesen, wenn man hierzulande seitens der Politik vor Jahren schon, zum Beispiel aufgrund der grauenvollen Attacke auf das Münchner Oktoberfest, viel stärker auch nach dem Terror von Rechtsaußen geblickt hätte? Und entsprechend gehandelt hätte??? Der Denk-Apparat kommt hier ganz SCHÖN wie wunderbar erheblich ins erstaunliche Schwitzen.

Ein verstörender, ein aufwühlender, ein immens spannender deutscher Polit-Thriller. Als spektakulärer Ensemblefilm: Mit Benno Fürmann als journalistischer Leitwolf, Nicolette Krebitz als seine bisweilen „irritierte“ Ehefrau Lise sowie mit einem formidablen Heiner Lauterbach als undurchsichtiger Manager bayerischer Politik. Sie beeindrucken überzeugend, ordnen sich vortrefflich dem Brand-Thema deutscher Politik unter. Endlich mal ein deutscher Kinofilm, der hervorragend „knallt“. Gut denkend unterhält. Und DER übrigens auch für die bevorstehende BERLINALE (6.-16.2.2014) als ein „heißes deutsches Wettbewerbseisen“ eigentlich sehr gut „zu gebrauchen“ gewesen wäre (= 4 PÖNIs).