Baytown Outlaws

In dieser Woche, am Donnerstag, den 17. Januar 2013, kommt das neue Quentin Tarantino-Werk „Django Unchained“ in unsere Kinos. Parallel zu diesem Meisterwerk (s. KRITIK) habe ich einen exzellenten Ami-Debütfilm gefunden, der ganz im filmischen Brudergeist von Tarantino erstaunt. Er war im Vorjahr der Abschlussfilm beim hiesigen „Fantasy Filmfest“, fand bei uns im „normalen Kinoprogramm“ keinen Platz und hatte deshalb kürzlich Heimkino-Premiere:

THE BAYTOWN OUTLAWS“ von Barry Battles (Co-B+R; USA 2011; Co-B: Griffin Hood; K: Dave McFarland; M: Christopher Young, Kostas Christides; 99 Minuten; VÖ: 06.12. 2012).

Es existieren zwei „Amerikas“. Zwei gänzlich unterschiedliche. Der aufgeklärte Norden, der traditionelle, konservative Süden. Wir blicken auf den Süden. Auf Alabama. Und begegnen sogleich, in Comic-Präsentation, den weißen Brüdern Oodie: Brick (CLAYNE CRAWFORD), den stummen Lincoln (!), einem Ex-Wrestler, der im Ring seinen Gegnern tatsächlich den Hals „richtig“ umdrehte (DANIEL CUDMORE), sowie McQueen (TRAVIS FIMMEL). Sie sind – die „Aufräumer“. Für den örtlichen schwarzen Sheriff Henry Millard (ANDRE BRAUGHER). DER, wie so manch andere hier, überhaupt keine Lust hat, in dieser Hitze hier irgendwelche Vollpfosten von Verbrecher zu jagen. Gar zu stellen und „kostspielig“ einzubuchten. Lieber lässt er sie insgeheim von seinen Hilfssheriffs, dem „Brüder-Kommando“, gar nicht diskret „erledigen“. Folge: Die niedrigste Verbrechensrate im ganzen Bundesstaat. Die verschmutzten, verschwitzten Oods, mit Kautaback in der Spuck- Drecksgusche und der konföderierten-Flagge auf dem dampfenden Muskelshirt, stellen keine vielen Fragen, sondern „handeln“ sogleich. Natürlich: Leichen pflastern ihren „amtlichen“ Weg. Nur diesmal – haben sie das falsche Haus erwischt. Beziehungsweise: Haben sich in der Hausnummer geirrt. Haben zwar „die Falschen“, aber eigentlich auch „die Richtigen“ gekillt. Scheiße nochmal, kann doch mal passieren. Sollte aber nicht. Denn nun taucht so ein krawattentragender weißer junger ehrgeiziger Anzug-Yankee-Bulle aus Philadelphia auf, um „amtlich“ zu ermitteln. Was natürlich Sheriff Henry und Konsorten, vertreten durch den Abgeordneten Bill Hawkins, überhaupt nicht passt: „Ihr Demokraten denkt, wir brauchen Eure Hilfe, aber das ist nicht der Fall; mir reicht schon der Kampf gegen Euch in Washington“. Doch dieser Typ „von draußen“ schnüffelt einfach störrisch weiter.

Währenddessen die drei Brüder Oods von der attraktiven Celeste Martin (EVA LONGORIA / die Gabrielle Solis aus der TV-Serie „Desperate Housewives“) einen lukrativen Auftrag angenommen haben: Sie sollen kurz und bündig, also wie gehabt, also ohne Zeugen zu hinterlassen, ihren Patensohn Rob aus den Klauen ihres kriminellen Ex-Mannes, des Drogenkings Carlos Lyman („Oscar“-Preisträger BILLY BOB THORNTON / „Sling Blade – Auf Messers Schneide“/1997), befreien. Natürlich klappt dies auch nicht. 100%ig. Rob (THOMAS Brodie SANGSTER) entpuppt sich als ein behinderter Bub im Rollstuhl, und fortan müssen sie sich nun auch gegen eine (sehr) aggressive weibliche Biker-Killer-Gang, gegen hartgesottene LKW-Gangster sowie gegen eine mit Pfeil und Bogen sehr professionell hantierende Indio-Truppe „befassen“. Was nicht ohne heftige, also blutige Folgen bleibt. Klar doch, es wird geballert, vieles explodiert und so mancher Hals sitzt danach „quer“. Aber, aus dem anfangs plumpen, eindimensionalen Brüder-Großkotz-Trio werden nun Beschützer. Anstatt „Wegräumer“. Sie alle mögen „ihren Rob“ und wollen ihn „heil“ abliefern. Der behinderte stumme Junge lässt sie denken: „Wieso hat er solche wie uns erschaffen?“, stellen sie sich die Gott-Frage. Aus drei ausgesprochenen Scheißhaus-Rednecks werden mittenmal interessante irdische Gestalten.

Dass dies ohne Kitsch und Gerühre funktioniert, liegt an der dichten Spielfreude der Beteiligten. Die drei unbekannten Hauptakteure kriegen die Chose Saulus / Paulus, von Ganz-Bösen zu „reduzierten“ Bösen, ziemlich gut auf die Rolle(n). So dass der gebrochene Spaß überzeugt – eine scheinbar klischeetriefende, vorhersehbare 08/15-Bang-Bang-Story geschickter zu entwickeln als erst vermutet und dabei mit hitzigen Überraschungen und ständigen ironischen Überhöhungen „komisch“ in Bewegung zu halten. Co-Autor und Regisseur BARRY BATTLES weiß prima, wie er schwarzhumorige kernige Pointen zu setzen hat. In seinem überspitzten, mit kino-spannenden Nuancen versehenen Nord-Süd-Realitätsgeschmack. Im geteilten Ami-Land. Mit und in seinem süffisanten, spannenden Unterhaltungsmix aus heutigem Western-Karacho mit schrägen Trash-Motiven, sensiblem B-Picture-Atem und „schmutzigen“ Polit-Gedanken. Billy Bob Thornton stellt dabei „nur“ seinen guten Star-Namen zur kurzen Verfügung, Eva Longoria schaut attraktiv aus. THOMAS SANGSTER, 21, der kleine verliebte Liam Neeson-Sohn aus dem Weihnachtsfilm-Klassiker „Tatsächlich…Liebe“ und der junge Paul McCartney in „Nowhere Boy“ /2009, zieht als stummer, behinderter Rob körpersprachlich brillant die charakterlichen Gut-Fäden.

Was für eine exzellente filmische Heimkino-Entdeckung: „THE BAYTOWN OUTLAWS“ bietet vorzügliches tarantinohaftes US-Nachwuchskino! Absolut scharf. Definitiv sehenswert. Die Heimkino-Empfehlung (FSK: ab 18) gilt. Unbedingt!

Anbieter: „Universal“