Bahnhof für zwei Kritik

BAHNHOF FÜR ZWEI“ von Eldar Ryazanov (B+R; Sowjetunion 1983; 141 Minuten; Start DDR: 28.10.1983; Start BRD: 12.03.1987)
“Glasnost“ heißt bekanntlich das neue Zauberwort aus Russland, mit dem Gorbatschow die Demokratisierung in seinem Land einleitete. Seitdem sind so einige interessante sowjetische Filme, die in den Archiven verstauben mussten, weil sie den Kulturfunktionären nicht in den ideologischen Kram passten, zum Vorschein gekommen. Man denke da nur an die angenehmen Überraschungen der letzten Berlinale. Auch dieser Film wäre so ein Beleg dafür, wie sich die Dinge in einem Land ändern, wüsste man nicht, dass er bereits 1983 entstand und mit allein über 70 Millionen Zuschauern im eigenen Land zu den erfolgreichsten Filmen der Welt überhaupt zählt. Obwohl auch er, inmitten einer ‚ganz normalen‘ Romanze, “Wahrheiten“ ans Licht bringt, die nicht gerade zu den gesellschaftlichen Ruhmestaten in der Sowjetunion zählen.

Da sind die chaotischen Zustände auf einem Provinzbahnhof, wo zwar stramme Marschmusik die Ein- und Abreisenden beglückt, wo es aber auch mieses Essen in dem kasernenähnlich eingerichteten Restaurant gibt, wo Versorgungsengpässe durch Schiebereien gelöst werden, wo Schwarzmarkt, Schlampereien und eine schier unüberwindbare Bürokratie die Szenerie beherrschen. Moskau ist zwar weit, aber doch so nah, wenn es um die Einhaltung der Prinzipien geht, dass Devisen allemal wichtiger sind als das heimische Notenpapier. Und auch in Sibirien gibt es plötzlich nicht nur freundliche .Kosaken, sondern barsche Töne in einem Strafgefangenenlager, wenngleich sich der Kommandant des Gefängnisses doch eher wie ein gütiger Seelsorger ausnimmt als wie ein genervter Beamter.

Von hier aus nimmt die Geschichte ihren Lauf, in deren Mittelpunkt der Pianist Plato steht, der anscheinend unschuldig im Gefängnis sitzt, weil er seine an einem Autounfall hauptbeteiligte Ehefrau, eine bekannte Fernsehansagerin, schützen wollte. Geduldig lässt er die Härten des kalten Alltags über sich ergehen und erinnert sich dabei an die Ereignisse auf eben jenem Provinzbahnhof, wo alles mit dem ungenießbaren Essen begann. Das zu bezahlen sich Plato weigert, was die nicht auf den Mund gefallene Bedienung Vera nicht zu akzeptieren bereit ist. Es geht dabei nur um einige Kopeken, für beide aber auch um die prinzipiellen Werte. Vor lauter Streit verpasst Plato schließlich seinen Zug und sein Gepäck und muss nun unfreiwillig Aufenthalt nehmen an diesem “Nabel der Welt“, wo jeder auf seine Weise versucht, einigermaßen unbeschadet gut über die Runden zu kommen. Und das heißt hier genug zu saufen und zu essen zu haben, sich zu amüsieren, wo immer es geht, die Dinge auszunutzen, wo es nur geht, aufzupassen, um nicht vom Leben übergangen oder gar vergessen zu werden. Plato und Vera beharken sich, aber was sich mag, das neckt sich bekanntlich zunächst. Als er schließlich auch noch um seine Brieftasche und sein Geld gebracht wird, kommen sie sich näher. Zwar schließlich nur in einem abgestellten Eisenbahn-Waggon, weil im Intourist zwar Betten frei sind, aber Bezahlung nur in Devisen gestattet ist und man sich überhaupt…mittenmal mag. Vera und Pluto, zwei Gestresste, Genervte, zwei Verlierer, die sich unter unmöglichen Bedingungen und Zuständen zu mögen beginnen.

Daraus hätte nun allerlei triefende Larmoyanz werden können über zwei jener vielbekannten russischen Filmfiguren, die sich schließlich doch noch vom System aufgepäppelt und umfangen sehen, aber Co-Autor und Regisseur ließ durchaus “westliche“ Figuren und Emotionen entstehen. Zwei störrische Einzelgänger, die Mühe haben, sich im systematischen Alltagsstress ihren profitablen Platz zu sichern, begegnen sich, hacken aufeinander los als gelte es sich für die Weltmeisterschaft der Unfreundlichkeiten zu qualifizieren und lernen sich dabei zu mögen. Eine romantische Liebesgeschichte mit lauter kleinen, feinen, satirischen Spitzen auf die Zustände, die doch offiziell nur immer als Errungenschaft und Leistung eines besseren Systems propagiert wird… das sorgt auch hier für Laune im Parkett. Und wann, bitte schön, war man das letzte Mal von einem sowjetischen Film so angemacht, dass man ins Schwärmen kommen kann…(= 5 PÖNIs)?