Nordwand Kritik

DER BAADER MEINHOF KOMPLEX“ von Uli Edel (D 2008; 150 Minuten; Start D: 25.10.2008); basierend auf dem gleichnamigen Sachbuchbestseller des Ex-“Spiegel“-Chefs Stefan Aust.

Das Sachbuch wurde erstmals 1985 veröffentlicht und 1997 aktualisiert, ist jetzt in einer neu überarbeiteten Fassung erschienen und gilt als d a s Standardwerk über die Geschichte der Roten Armee Fraktion (RAF). Davon können der 61jährige Uli Edel und der 59jährige Bernd Eichinger schon als gemeinsame Filmhochschüler (an der Hochschule für Fernsehen und Film in München) geträumt haben: Noch einmal mit einem Kinofilm die Schlagzeilen in Deutschland zu beherrschen. Rund 27 Jahre nach ihrem aufsehenerregenden Film “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, über die drogensüchtige Christiane F. (1981), ist ihnen aber genau DAS erneut geglückt (1989 verfilmten beide-zusammen übrigens auch noch den Hubert-Selby-Roman “Letzte Ausfahrt Brooklyn“).

Dabei ist zunächst präzise der Titel zu beachten: Nicht die große Doku über jene 10 Unruhe-Jahre deutscher Geschichte (von 1967 bis 1977) ist gefragt, mit den vielen Hintergründen, Analysen und Beteiligten innerhalb und außerhalb des Gemeinwesens, sondern es geht hier NUR und ausschließlich um die Themen und Führungs-Figuren der berühmt-berüchtigte Terrorgruppe RAF. Dabei eben NICHT verpackt in verklärendes Gefühlskino, sondern als modernes, also rasant geschnittenes Polit-Drama. Das ganz auf melodramatische Zuschnitte verzichtet, mit großartigen Schauspielern aufwartet und ungeheuerlich-spannend den Kopf, also die Gedanken und Erinnerungen, authentisch-nahe wie aufregend-unterhaltsam durchschüttelt. Motto: WIR BEFINDEN UNS IM KINO, SEHEN, empfinden EINEN S P I E L F I L M.

Die 60er Jahre. In der Bundesrepublik wächst eine Generation heran, die mehr und mehr das Verhalten ihrer Eltern während des Nationalsozialismus kritisch betrachtet. Private wie “amtliche“ Autoritäten werden zunehmend in Frage gestellt. “Das System“ wird misstrauisch beäugt: Der Kapitalismus, die parlamentarische Ordnung, das Knüppel-Auftreten der Polizei, die bürgerlichen Lebensformen. Verstärkt durch die “internationale Stimmung“: Der Vietnam-Krieg der USA, die Unterdrückungs-Politik des Schahs in Persien, der Nahost-Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern.

Vielerorts traten Bürgerrechtsbewegungen lauthals in Erscheinung, in den großen Universitätsstädten Westeuropas kam es zu Massenprotesten. In der Bundesrepublik entstand die außerparlamentarische Opposition. Doch vielen Studenten reichten die Straßen-Proteste längst nicht mehr aus. Sie schließen sich zusammen (im Sozialistischen Deutschen Studentenbund), planen Aktionen oder tauchen ab in den Untergrund. “Wir haben gelernt, dass Reden ohne Handeln unrecht ist“, bekennt Gudrun Ensslin vor Gericht, wo ihr 1968 nach Brandanschlägen auf Frankfurter Kaufhäuser mit Andreas Baader und Anderen der Prozess gemacht wird.

1970 wird, nach dem tödlichen Schuss eines Polizisten auf den demonstrierenden Studenten Benno Ohnesorg und nach dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke, nach Medienkampagnen und prügelnder Staatsgewalt, die “Rote Armee Fraktion“ (RAF) gegründet. Eine Linksextremistische Terrororganisation, mitten in der Bundesrepublik Deutschland. Ihre Gründer waren u.a. Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst Mahler und Ulrike Meinhof. In ihrem Selbstverständnis betrachtete sich die Gruppe als kommunistische, antiimperialistische Stadtguerilla nach südamerikanischem Vorbild, ähnlich den Tupamaros in Uruguay. Und glaubt, “handeln“ zu können, ZU DÜRFEN wie man will. Die Rechtfertigungs-Ideologen: Skrupellos greifen die Anhänger der RAF zur Waffe, um Banken zu überfallen, Bomben zu schmeißen und Menschen zu töten. Die RAF ist schließlich für 34 Morde verantwortlich.

DAVON erzählt, handelt der Film. Der nicht die Geschichte Einzelner in den Mittelpunkt stellt und damit auch keine etwaigen “Helden“ zulässt, sondern der sehr zielgerichtet, hart, überzeugend- atmosphärisch und immer an den Fakten bleibend von dieser BRD-Epoche aufwühlend “berichtet“. “Fetzendramaturgie“, nennt Bernd Eichinger diese 150 Minuten deutsches Polit-Spielfilm-Kino:
Immer wieder prasseln Fotos, alte Filmaufnahmen oder Ausschnitte aus Fernsehnachrichten auf den Betrachter ein, stakkato artig wie Gewehrsalven. Von denen es reichlich gibt, denn auch hier blickt man ungeschminkt, ungeschönt auf die brutalen Ereignisse. Widerliche, exzessive Gewalt wird als solche gezeigt, nichts wird beschönigt, verklärt, “beruhigt“. Aber: diese Gewalt wird nie spekulativ eingesetzt/benutzt. Bzw. “unterhaltend“.

Am Ende des Films ist man mitgenommen, betroffen, fassungslos. Die RAF als DAS, was sie tatsächlich war: Eine gnadenlose, mitleidlose Mörderbande, der es völlig wurscht war, wenn sie auch Fahrer oder Leibwächter abknallten. Am Ende räumt Brigitte Mohnhaupt gegenüber jungen RAF-Sympathisanten mit dem Mythos um Baader & Meinhof kühl auf: Ihr habt die Leute nie gekannt. HÖRT AUF, SIE SO ZU SEHEN, WIE SIE NIE WAREN!“. Mit der Tötung und dem eingefrorenen Bild des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer endet der Film. Der unter die Haut kriecht. Der verstört. Der großartig aufregt. Der viel kreative (Nach-)Denk-UNRUHE hinterlässt. Und:
DER als großartiges deutsches Kino-Ereignis in Erinnerung bleibt. Weil er das Andenken der Opfer nicht beschädigt; weil er grandios – im Rahmen seiner (zeitlichen) Möglichkeiten – die Jahrzehnt-Fakten zusammenbringt; weil er beeindruckend Schauspieler-besetzt ist. MORITZ BLEIBTREU trifft den Macho-“Lebemann“ Andreas Baader hautnah; MARTINA GEDECK rekonstruiert Ulrike Meinhof bis in die tiefen Haut- und Seelen-Poren; JOHANNA WOKALEK (“Hierankl“/2002) ist als Gudrun Ensslin von beängstigender Kühle.

Drumherum: Der einmal mehr brillante BRUNO GANZ als BKA-Chef Horst Herold, der die Täter verstehen will, um ihnen das Handwerk zu legen (“Psychologie statt Waffen“), der jedoch mit seinen Argumenten in dieser aufgeladenen BRD-Atmosphäre der allgemeinen großen Verunsicherung bei den Politisch- Verantwortlichen auf erhebliche Skepsis stößt. Des Weiteren im großartigen Ensemble: Jan Josef Liefers, Heino Ferch, Nadja Uhl (als Brigitte Mohnhaupt), Hannah Herzsprung und Stipe Erceg (als Holger Meins). Und: Imponierend der kühle Aufwand: 123 Sprechrollen, 6300 Komparsen, 140 Motive; an Originalschauplätzen wie der Deutschen Oper, Berlin; Audimax der Technischen Universität, Berlin; JVA Stuttgart-Stammheim in 74 Drehtagen von März bis November 2007 realisiert.

Fazit: 150 Minuten dampfendes, packendes deutsches Geschichts- bzw. Polit-Spannungs-KINO (= 4 PÖNIs).