Aus der Rolle

Aus der Rolle…Eine Handvoll Dollar

 

Glosse für das „TIP“-Magazin von Dr. Rolf Giesen und Hans-Ulrich Pönack (aus den 1980er Anfangsjahren)

„Hallo Ulf. Hier ist der Anton vom Antikino-Verleih. Wir haben doch neulich über unseren Film „Woche der Verdutzten“ gesprochen. Wir bringen den jetzt raus. Ein Meisterwerk. Und ich wollte mal anfragen, was ihr da im Kip-Magazin darüber bringen könnt“.

„Das ist doch der neue Film von Lila Baron“.

Genau. Du, der ist unheimlich relevant und irrsinnig spontan“.

„Na ja, der letzte von ihm, der war ja nicht sonderlich…“

„Das Gelbe vom Ei war der natürlich nicht, aber der Titel war doch gut: ‚Unter dem Schmalz der Stulle‘ – und der hat ja auch auf dem Videomarkt Kasse gemacht. Na ja, im Kino, da lief’s halt nicht so, ganz bestimmt auch, weil ihr ihn nicht so richtig unterstützt habt. Ich kann Dir aber flüstern, ‚Woche der Verdutzten‘ ist um Klassen besser. Der Paul-Heinz Reinwein von der ‚Stuttgarter Rudschau‘ hat ihn schon gesehen und war ganz begeistert. Und der will ihn auch im Fernsehen bei den Empfehlungen unterbringen.“

„War der nicht im Förderungsausschuss?“

„Bei dem Film nicht. Der hat uns die Förderung für ‚Unter dem Schmalz…‘ mit besorgt“.

„Hmm, wann können wir den Film denn mal sehen?“

„Sehen?“

„Na ja, unser Kritiker Rolf-Hans muss den doch erst mal sehen, damit wir beurteilen können, was und wieviel wir über ihn machen wollen“.

„Ausgerechnet der Rolf-Hans. Das war doch der, der den Verriss über ‚Suppenfroh‘ von Hans-Christina Brezel geschrieben hat. Du, unter uns: der hat echt keine Ahnung. Das ist ein verkappter Nazi, auf die ästhetische Revolution eines Lila Baron würd‘ ich den nicht loslassen. Frag‘ mal die andern. Der schießt in letzter Zeit immer quer“.

„Vielleicht, hin und wieder, aber…“

„Eben. Nur hin und wieder. Und nicht mal das. Der hat was gegen uns Münchner Filmemacher. Man kann fast schon sagen, bei dem ist die Abneigung gegen Filme aus Bayern fast schon programmiert. Pass mal auf. Ich mach Dir einen anderen Vorschlag. Ich habe da den Norbert Prall an der Hand. Der weiß den Film richtig einzuschätzen und könnte was Längeres schreiben“.

„Also gut, warum nicht. Der Prall ist ja okay. Sagen wir 200 Zeilen, übliche Anschlagszahl“.
„Du, Ulf, du weißt doch, dass ein Spitzentyp wie Prall nicht unter 500 Zeilen arbeitet. Und da wir grad so dabei sind: Willst du nicht auch noch das Interview haben, das neulich der Hanold mit Lila gemacht hat? Du, der Lila sagt da Dinge, die echt nicht jugendfrei und toll alternativ sind“.

„Ein bisschen viel für eine Sache. Wir sind diesmal randvoll“.

„Hör mal, Alter. Du scheinst noch nicht zu begreifen, wie wichtig gerade dieser Film ist. Und erst das Thema: Lila packt hier echt ein heißes Eisen an. Die Besetzung eines frisch entmisteten Kuhstalls als symbolischer Kraftakt gegen das unmenschliche System. Lila hat unter den unmenschlichsten Bedingungen gearbeitet, kein elektrisches Licht, kein Wasser, alles echt, die Wahrheit sozusagen. Und erst die Bilder…: alles verwackelt und unterbelichtet. Eine ästhetische Qualität, die einschlagen wird wie eine Bombe. In der Filmbewertungsstelle waren sie echt aus dem Häuschen. ‚Ganz besonders wertvoll‘ haben sie gegeben. Jetzt müsst ihr ran. Denn ohne Euch läuft doch in Berlin gar nichts“.

„Na gut, wir werden sehen“.

„Okay. Bei der Gelegenheit – die Dias für den Titel sind auch schon unterwegs…“.

R.G./HUP