Auge um Auge Kritik

AUGE UM AUGE“ von Scott Cooper (B + R; USA/GB 2012; K: Masanobu Takayanagi; M: Dickon Hinchliffe; 117 Minuten; Start D: 03.04.2014); ER ist Schauspieler, Produzent, Drehbuch-Autor und Regisseur. Gleich mit seinem Debüt als Spielleiter setzte der 1970 geborene SCOTT COOPER Maßstäbe: „Crazy Heart“ (s. Kino-KRITIK), die Story um einen Country-Cowboy, avancierte 2009 zu einem künstlerischen Hit. Hauptdarsteller Jeff Bridges gewann den „Golden Globe“ und den Hauptdarsteller-„Oscar“. In seinem zweiten Werk setzt Cooper auf eine für US-Filme ungewohnte sozialkritische Note und Atmosphäre.

Die USA am Arsch der Ami-Welt. Braddock heißt sie und befindet sich in Pennsylvania, im Osten des Landes. Eine sterbende Region. Die Brüder Russell (CHRISTIAN BALE) und Rodney Baze (CASEY AFFLECK) könnten vom Charakter her nicht unterschiedlicher sein. Russell schuftet im Stahlwerk, oft mit Doppelschichten, um halbwegs über die Runden zu kommen. Spart für eine Familiengründung. Rodney dagegen ist ein „undisziplinierter“ Cowboy. Geworden. Ist traumatisiert aus dem Irak-Krieg zurückgekehrt, kann und will nicht „normal“ leben und „ackert“ sich seitdem mit Wetten und illegalen Faustkämpfen über die schmutzigen und blutigen Tage. Hat immense Schulden. Die der Bruder bisher immer beglichen hat. Natürlich – ein SOLCHES Gebiet zieht gerade auch den verbrecherischen Dreck an. Kriminelle Rednecks, denen das Gesetz völlig egal ist. Die nach ihren eigenen Regeln „spielen“. Die auf Macht durch Gewalt setzen. Auf Geld durch Drogen. Betrug. Faule Wetten. Mit dem „Handwerk“ Töten. Wie zum Beispiel Harlan DeGroat (WOODY HARRELSON), ein diabolisch-„irrer“ Hüne. Dem nicht beizukommen ist. Als er sich aber viehisch in die Angelegenheiten der Familie Baze mischt, ändert Russell seine ehrliche Planung. Zwar landet er durch eine selbstverschuldete wie tödlich verlaufende Suff-Autofahrt erst einmal im Gefängnis, doch danach nimmt er sich eine verzweifelte Rache-Auszeit. Für den Inzwischen-Mord an seinem Bruder. Antwortet mit demselben widerwärtigen „Recht“, das hier herrscht. Angesagt ist. In diesem toten Winkel der USA.

Wir erleben in diesen Kino-Tagen (demnächst: „Zulu“) Filme, die von rechtschaffenden Menschen erzählen, die aber zunehmend mit dem brutalen Irrsinn in dieser „demokratischen Welt“ nicht mehr länger klarkommen. Können. Entweder wehren oder untergehen, lautet ihre gesellschaftliche, also soziale, politische und vor allem moralische Antwort. Scott Coopers Film erzählt davon. Handelt von ausgemergelten Typen, denen bislang der Respekt vor den Regeln trotz aller Widrigkeiten und Ungerechtigkeiten selbstverständlich war. Und DIE dann irgendwann an ihre Verständnisgrenzen stoßen. Um sich dann auf gemeine Weise an den Gemeinen zu wehren. „Auge um Auge“ ist kein blinder Law and Order-Spuk. Sondern eine sich lange halbwegs besonnen gebende Menschengeschichte, die charakterspannend entwickelt und mit sehr viel Milieu-Härte ausgestattet ist. Plausibler wie ekliger Brutalität. Und DIE mit einer furiosen darstellerischen Dynamitqualität aufwartet. Für die sich intelligente Stars wie CHRISTIAN BALE (gerade auch begeisternd in: „American Hustle“), Unruhegeist CASEY AFFLECK („Gone Baby Gone“), WOODY HARRELSON („The Messenger“), WILLEM DAFOE („Grand Budapest Hotel“), FOREST WHITAKER („Der Butler“), ZOE SALDANA („Colombiana“) und SAM SHEPARD („Im August in Osage County“) mächtig strecken.

Kein bequemer, aber ein faszinierend durchdachter und in der Endphase höchst „kirre“ argumentierender USA-Sozial-Krimi (= 3 ½ PÖNIs).