ASTRID

„ASTRID“ von Pernille Fischer Christensen (Co-B + R; Schweden/Dänemark/D 2017; Co-B: Kim Fupz Aakeson; K: Erik Molberg Hansen, M: Nicklas Schmidt; 123 Minuten; deutscher Kino-Start: 6.12.2018); von drei wunderbaren Frauen ist zu berichten. Von PERNILLE FISCHER CHRISTENSEN, Jahrgang 1969, der dänischen Drehbuch-Autorin und Regisseurin, die bereits mit ihrem Akademie-Abschlussfilm „Indien“ 1999 nach Cannes eingeladen und mit einem Nachwuchspreis bedacht wurde. Für ihren ersten abendfüllenden Film „En Soap“ gewann sie 2006 bei der Berlinale einen „Silbernen Bären“ für den „Besten Debütfilm“. Auf der Berlinale von 2010 stellte sie ihren Spielfilm „Eine Familie“ und 2014 „Someone You Love“ im Wettbewerb vor. Mit „ASTRID“ wird die in Dänemark bekannte und erfolgreiche Filmemacherin, die ihre Drehbücher mit dem Kinderbuch-, Comic- und Film-Autoren Kim Fupz Aakeson verfasst, nun auch hierzulande einer größeren Gemeinde bekannt.

Mit dem berührenden Jugend-Porträt der Schwedin Astrid Ericsson, die später als ASTRID LINDGREN zur bekanntesten Kinder- und Jugendbuch-Schriftstellerin der Welt avancieren wird. Deren Gesamtauflage mit ihren Büchern – u.a. „Pippi Langstrumpf“, „Kalle Blomquist“ oder „Karlsson vom Dach“ oder den „Kindern von Bullerbü“ – etwa 160 Millionen Exemplare umfasst. Ihre Werke sind in aller Welt und in 101 Sprachen erschienen, womit Astrid Lindgren zur am meisten übersetzten Autorin zählt.

Mit ALBA AUGUST, Jahrgang 1993, betritt eine junge, bisher weitgehend unbekannte Schauspielerin die Leinwand-Bühne und wird umgehend als junge Astrid Ericsson zur Ikone. Selten habe ich einen „Neuling“ – die einen Film alleine an der Rampe zu stemmen, zu performen hat – so intensiv, grandios, so unglaublich überzeugend erlebt. Was für ein Talent! Was für eine Ausstrahlung! Was für ein darstellerisches Juwel! Alba August ist übrigens die Tochter des schwedischen Regisseurs und „Oscar“-Preisträgers Bille August („Pelle, der Eroberer“) und der Schauspielerin Pernilla August („Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung“/als Mutter von Anakin Skywalker). ALBA AUGUST und die Karriere startet. Bravourös.

Sie wurde als zweites Kind des Pfarrhofpächters Samuel August Ericsson (MAGNUS KREPPER) und seiner Ehefrau Hanna (MARIA BONNEVIE) am 14. November 1907 auf dem Hof Näs bei Vimmerby geboren. „Es war schön, dort Kind zu sein… Warum? …Geborgenheit und Freiheit“ (Astrid Lindgren). Es ist das Jahr 1924. Astrid, mit Zöpfen versehen, nimmt sich in dieser streng religiösen Umgebung schon erste „Unachtsamkeiten“ heraus. Zeigt in der Kirche kleine Respektlosigkeiten, flippt beim Tanzen regelrecht aus vor Energie und Aufbäumen; weiß geschickt Widerworte in der Familie zu platzieren. Vor allem ihr Interesse am Gedruckten fällt auf. Bei Reinhold Blomberg (HENRIK RAFAELSEN), Herausgeber, Chefredakteur und einziger Journalist der Lokalzeitung „Vimmerby Tidning“, wird Astrid Volontärin. Sie weiß sich geschickt zu engagieren und wird bald schon Blombergs „rechte Hand“. Und Geliebte. Astrid hat sich in den älteren Mann verliebt. Der sich von seiner Ehefrau schon lange getrennt hat und sich gerade in einer schmutzigen Scheidungsphase befindet. Als sie „versehentlich“ schwanger wird, ist die schwärmerische Jugendzeit vorbei. Astrid ist 18, muss fortan einen anderen Lebensweg einschlagen als gedacht und schmerzliche individuelle Entscheidungen treffen. Ein uneheliches Kind ist damals ein erheblicher Makel. Bedeutet gesellschaftliche Aussetzigkeit. Ihr Weg führt sie nach Stockholm und ins „freiere“ dänische Kopenhagen, wo sie schließlich ihren geliebten Sohn Lasse bei einer Pflegemutter zurücklassen muss.

Nicht die Erfolgsgeschichte von Astrid Lindgren wird hier zelebriert, sondern die Erzählung über eine junge Frau, die trotz aller Widrigkeiten ihr Eigenleben zu einer Zeit führen will, zu führen gedenkt, als dies gesellschaftlich-moralisch „unschicklich“ ist. Um dann zu d e r Persönlichkeit heranzureifen, bei der sie ihre eigenen „starken“ Entscheidungen zu treffen in der selbstbewussten Lage ist. „ASTRID“, der Film, lebt von dieser prachtvollen, sensiblen, außerordentlich atmosphärischen Titelinterpretin Alba August. Deren Ausstrahlung dauerhaft-immens ist, die ihre junge Heldin auf den Seelenpunkt-genau wie faszinierend wiedergibt und dabei über die vielen leisen Zwischentöne ahnen lässt, wie diese kluge, phantasiebegabte, einfühlsame Frau später zu ihren Geschichten kommen wird, bei denen einsame oder vernachlässigte oder unverstandene Kinder im spielerischen, abenteuerlichen Mittelpunkt stehen. Dabei kommt der Film ohne Pathos oder Kitsch aus und setzt auf empfindsame, glaubhafte Emotionalität und die immense humane Kraft einer großartigen, intelligenten Frau zwischen Lachen und Weinen, zwischen Hoffen und Ringen. Um Selbstbestimmung und die wahren Werte des Lebens.

Der Film „ASTRID“ besitzt wunderschönen Tiefgang, herrliche Emotionalität: bietet beeindruckende Unterhaltung. Zählt mit zum Film-Besten in diesem Kino-Jahr (= 4 1/2 PÖNIs).