Anna Karenina Kritik


ANNA KARENINA“ von Joe Wright (GB/Fr 2011/2012; B: Tom Stoppard; K: Seamus McGarvey; Choreographie: Sidi Larbi Cherkaoui; M: Dario Marianelli; 130 Minuten; Start D: 06.12.2012); es wird “Oscars“ purzeln, für diese geniale, außergewöhnlich bewegungsintensive, tänzerische, schwingende, atemberaubend theatralische, luststarke Choreographie. In einer opulenten Ballsaal-Verführung, die von einzigartiger diskreter Kamera-Brillanz leuchtet, als spektakulärer Schauwert glänzt, mit einem herrlich die Augen füllenden Licht und Design aufwartet. Das die Kostüme einzigartig „maßlos“ erscheinen lässt. Passend zu diesen ungewöhnlichen atmosphärischen Bewegungen, die den Begriff und Zustand „Tanzen“ ganz einzigartig wie wunderbar „eckig“ stimmungsvoll neu definieren. Die gesamte Musikalität hier ist verblüffend, prächtig, exquisit. Von herrlicher Präsenz.

Der literarische Ursprung, zur stofflichen Einstimmung: Der achtteilige Roman-Epos von LEO TOLSTOI stammt von 1877/1878, erzählt von einer attraktiven, liebevollen, verheirateten Bürgerfrau und Mutter, die im Russland von 1874 die feine bigotte Gesellschaft „erschüttert“, indem sie ihren „außerehelichen Gefühlen“ freien (Aus-)Lauf lässt. Was den „moralischen Zaun“ verhängnisvoll öffnet, hinter dem sich bislang Regeln und „Anstand“ duckten. Ein zeitloses Motiv, weder an Ort noch Epoche gebunden; in vielerlei Interpretation sich über die Jahrzehnte stetig wiederholend. Stichwort: Menschen und ihre immerwährenden menschlichen Gefühlswallungen. Hier: Zwischen St. Petersburg und Moskau. Damals.

Die Hauptbeteiligten: Anna Karenina, sympathische, folgende Ehefrau des höheren und angesehenen Beamten Alexej Karenin (JUDE LAW). Die Beziehung ist „normal“. Also steif. Erhaben. Gepflegt. „Korrekt“. Von großer Zuneigung zum kleinen Sohn Serhoza bestimmt. SIE verlässt kurz die „sicheren“ heimischen Gefilde, um die Ehe ihres Bruders, Fürst Oblonski, mit Dolly zu retten. Weitere interne familiäre wie bekanntschaftliche Scharmützel. Wie – schüchterner Gutsbesitzer (Levin) will Dollys Schwester Kitty heiraten. DIE aber schwärmt, und jetzt wird’s emotional „eng“, für den Tausendsassa Wronski. Präzise – für den ungebundenen Kavallerie-Offizier und Grafen Alexej Wronski (AARON TAYLOR-JOHNSON). Doch dann begegnen sich die beiden, Anna Karenina und Wronski, und der „populäre“ Beziehungstaumel kann starten. Denn es „funkt“ sofort. Zwischen ihnen. Die volle emotionale Elektrik. Natürlich müssen sie sich deshalb lange „verbiegen“. Können es aber kaum unterdrücken. Und natürlich kriegt die „empörte“ Gemeinde viel „davon“ mit. Die Tratscherei beginnt. „Man“ hat ein Thema. Zum distinguierten „Aufregen“. So dass der loyale Gatte irgendwann die Fangfrage stellt: Hier bei mir bleiben und es sich „gut“ – behütet – weiter gehen lassen oder Abgang. In den gesellschaftlichen wie allgemeinen Ruin. In das geächtete Abseits. Jenseits der Akzeptanz. Der Gefallsnorm. Da-Sein oder Seele, Essen oder Fühlen. Die bekannte, offensichtlich unvereinbare Leier: Das Geld oder das Ich.

JOE WRIGHT, geboren 1972 in London. Seit 2005 “macht” er fulminantes, ständig „kribbelndes“ Unterhaltungskino. Anfangs mit großartigem literarischen Dufthintergrund einer Jane Austen („Stolz und Vorurteil“/2006 vier „Oscar“-Nominierungen) und eines Ian McEwan („Abbitte“/Eröffnungsfilm der Filmfestspiele von Venedig 2007; sieben „Oscar“-Nominierungen; „Oscar“ für die „Beste Filmmusik“). Danach versuchte sich Joe Wright 2009 an seinem ersten Hollywood-Abenteuer, „Der Solist“, die sensible Biographie über den an Schizophrenie erkranken amerikanischen Cello- und Violinvirtuosen Nathaniel Ayers (Jamie Foxx) und schuf zuletzt, 2010, das Action-Epos „Wer ist Hanna?“, die Story um eine 14jährige Killerin.

Bei seinem neuen Leinwandwerk vermischt Joe Wright die Grenzen zwischen Bühne und Film. Überschwemmt die Szenarien, indem er sie öffnet, zusammenbindet, mit- wie ineinander bewegt. Verflicht. Als eine großräumige charmante Künstlichkeit. Schwelgerisch wie ironisch lächelnd überhöht. Permanent fließend. Als ein fiebriger, feuriger Taumel, dem man „angetörnt“, fasziniert gerne zuschaut. Auf sich (ein-)wirken lässt. In 12 Wochen wurden auf 100 Sets insgesamt 240 Szenen mit 83 Sprechrollen gedreht. Die Außenwirkung dieser neuen „Anna Karenina“-Adaption ist enorm. „Innen“ dagegen kann dieser rauschende, berauschende Taumel nicht mithalten. Was nicht an „Anna“, also der einmal mehr köstlichen 27jährigen KEIRA KNIGHTLEY, liegt, die hier bereits (nach „Stolz und Vorurteil“ und „Abbitte“) bereits zum dritten Mal mit Joe Wright zusammenarbeitet. Sie tritt temperamentvoll in darstellerische Großfußstapfen von Vorgängerinnen wie etwa Greta Garbo (1927 / 1935) oder Vivien Leigh (1948), Jacqueline Bisset (1985) oder zuletzt Sophie Marceau (1997) an: Offenbart Eleganz wie Zähigkeit, femininen Willen wie harsche Selbstzweifel. Zelebriert die „goldene Käfig-Frau“ ebenso furios wie den konsequenten Lust-„Gewinn“.

„Wronski“ wirkt fehlbesetzt. Aaron Taylor-Johnson, vor einiger Zeit formidabel der junge John Lennon in „Nowhere Boy“, zeigt sich als schmuckloser weißer Anzugträger. Wegen DEM? Wirklich – DER Typ ist es, der Anna „verrückt“ macht? Sein Wronski wirkt, pardon, wie ein bemühter Lackaffe, dessen erotische Ausstrahlung an einen künstlichen Blumenstrauß erinnert. Mit begrenzter Charme-Offensive. Eine glatte Fehlbesetzung. Ist dagegen nicht, ganz im Gegenteil, Jude Law als Annas „anständiger“ Gatte. Wie Jude Law diesen von seinen emotionalen Fesseln eingeengten Großbürgerlichen herausstellt, der sich am Beruf „austobt“, um für „Zuhause“ weniger Kräfte aufwenden zu müssen, ist exorbitant. Die charakterliche Maskerade in Rein-, also Selbstunterdrückungskultur. Von Laws herrlich vertrocknetem, gefühlsignorantem Hochbeamten hätte ich gerne mehr genossen als von diesem platten Burschen-Liebhaber Wronski. Der hier Anna „nicht das Gefühlswasser“ körpersprachlich zu reichen versteht. Doch komischerweise oder auch nicht – vermag die missglückte Besetzung der männlichen Hauptfigur nicht den Insgesamt-Genuss schmälern: Denn diese neue „Anna Karenina“- bietet zuviel von dieser die Sinne packenden, die „beweglichen“ Standorte so faszinierend zerpflückenden, pfundigen Augenschmaus-Performance, als dass ein „lächerlicher Zwerg“ wie dieser Lover Wronski hier dies zerstören könnte. Regisseur Joe Wright verbleibt im atmosphärischen Unterhaltungskino-Rennen…(= 3 PÖNIs).