An ihrer Seite Kritik


AN IHRER SEITE“ von Sarah Polley (B+R; Kanada/USA/GB 2006; 110 Minuten; Start D: 06.12.2007); ist ein KANADISCHER Spielfilm von 2006, der bei der letzten Berlinale im „Panorama“-Programm lief. „Away From Her“, so der Originaltitel (mit der Bedeutung des Sich-Entfernens), ist das erstaunliche wie wunderbare Regie-Debüt der heute 28jährigen Schauspielerin und Drehbuch-Autorin SARAH POLLEY, die sich anfangs bevorzugt Independent-Filmen widmete („Das süße Jenseits“ von Atom Egoyan/1997; „Mein Leben ohne mich“ von Isabel Coixet/2003; die erste GROSSE Hollywood-Produktion: „Dawn Of The Dead“ von Zack Snyder/2004). Polley, die auch das Drehbuch verfasste, adaptierte eine Kurzgeschichte der kanadischen Schriftstellerin Alice Munro („The Bear Came Over The Mountain“/erschien bei uns unter dem Titel „Der Bär klettert über den Berg“ im Erzählband „Himmel und Hölle“ 2006 im Fischer-Taschenbuchverlag).

Thema: ALZHEIMER. Fiona und Grant leben schon seit Urzeiten zusammen. Eine harmonische Ehe, ein liebevoll miteinander umgehendes Alt-Ehepaar. Das den Lebensabend irgendwo außerhalb verbringt, in einem idyllisch am See gelegenen Haus, von wunderbaren Gelb-Braun-Orangetönen des Herbstes umgeben. Die in vielen Ehejahren erworbene Vertrautheit aber bekommt „Risse“, denn bei Ihr mehren sich „Aussetzer“. Im praktischen Alltag ebenso wie im gedanklichen. Unaufhaltsam nistet sich die tückische Krankheit ein, ganz sachte, unaufgeregt, aber nun nicht mehr zu verbergen. Und sie (be-)trifft Ihn genauso. Fortan wird das gemeinsame Leben völlig anders verlaufen als geplant. „Im Vergessen liegt manchmal etwas Zauberhaftes“, lautet zwar ihr gelassen-schmerzhaftes Erkennen, doch mehr und mehr „entschwindet“ Sie Ihm. Und Grant muss staunend-betäubt-entsetzt und auch eifersüchtig die Auswirkungen erkennen/begreifen. Denn in ihrer „neuen Welt“, im Heim, ist für Ihn kein Platz mehr. „Kann man loslassen, was man am meisten liebt?“, lautet der Untertitel zum Film.

Endlich einmal – ein SPIELFILM FÜR ERWACHSENE. Ein Film, der über ETWAS erzählt, dass es in Zukunft immer häufiger geben wird/dass gesellschaftlich weltweit immer häufiger vorkommen wird. Ältere Menschen, noch, wie sie glauben, fit in Körper/Planung/Geist, entschwinden plötzlich/nach und nach im Herbstnebel der DEMENZ. Der letzte ernstzunehmende Alzheimer-Spielfilm stammt aus dem Jahr 2001 und heißt „IRIS“. Der britische Regisseur Richard Eyre drehte dieses Biopic-Drama über die irische Schriftstellerin Iris Murdoch, die im Alter von 74 Jahren an Alzheimer erkrankte, mit der phantastischen JUDI DENCH in der Titelrolle; Judi Dench bekam damals für ihre ausdrucksstarke Interpretation der Iris Murdoch eine „Oscar“-Nominierung. Hier hat die britische 60er/70er Filmjahre-Ikone und „Oscar“-Preisträgerin JULIE CHRISTIE („Darling“/1965; „Doktor Schiwago“; „Fahrenheit 451“; „Mc Cabe & Mrs. Miller“; „Wenn die Gondeln Trauer tragen“) den schwierigen Part der Erkrankten übernommen.

Mit leisen, fast ironisch-lächelnden Gesten/Gedanken/Bewegungen ist diese ebenso GROSSartige wie unglaublich altersschöne Darstellerin sehr überzeugend -bewegend/ergreifend/berührend/faszinierend. Sie, die im Kino seit vielen Jahren nur noch gelegentlich auftritt, strahlt eine wunderbare Präsenz/Kraft/Sinnlichkeit aus, ist zugleich mit würdevoller Kostbarkeit und nahegehender Intensität versehen. Eine brillante darstellerische Leistung!!! Ihr (Ehemann-)Partner wird vom 76jährigen GORDON PINSENT, der zu den angesehensten und populärsten Schauspielern Kanadas zählt, vortrefflich-zurückhaltend gespielt.

In weiteren überzeugenden Rollen u.a.: Olympia Dukakis („Mondsüchtig“/1987/Mutter von Cher) und Michael Murphy (langjähriger Ensemble-Player bei Woody Allen). Dass eine damals 27jährige Regisseurin über SOLCH ein (Alters-)Thema so seriös-leicht wie sensibel, beeindruckend -bilderstark, hochemotional und (landschafts-)atmosphärisch einen unterhaltsam-spannenden Spielfilm zu schaffen vermochte, ist ebenso erstaunlich wie herrlich.

Was für ein schöner, bewegender, kluger Menschen-Film (= 4 PÖNIs)!