American Kritik

THE AMERICAN“ von Anton Corbijn (USA 2010; 99 Minuten; Start D: 16.09.2010); der am 20. Mai 1955 in den Niederlanden geborene und seit fast 3 Jahrzehnten in Großbritannien lebende Star-Porträt-Fotograf, der für viele Platten- bzw. CD-Cover von Pop-Berühmtheiten wie U2, Depeche Mode, den Bee Gees und Herbert Grönemeyer verantwortlich war, schuf 2007 mit „Control“ seinen ersten Langfilm. Das war ein in Schwarz-Weiss gehaltenes Biopic über Ian Curtis (gespielt vom britischen Nachwuchsdarsteller Sam Riley), einst Kopf und Sänger der englischen Punk-Band „Joy Division“, der am Vorabend des Aufbruchs zur ersten Amerika-Tournee Selbstmord beging.

„The American“ ist der zweite Kinofilm von Anton Corbijn. Entstanden mit Star-Unterstützung von Mit-Produzent und Hauptdarsteller GEORGE CLOONEY. Die Roman-Vorlage stammt von Martin Booth, ist aus dem Jahr 1991, heißt „A Very Private Gentleman“ und wurde hierzulande unter dem Titel „Ein Gentleman“ veröffentlicht. Dabei im Mittelpunkt: Der amerikanische Spitzen-Profikiller Jack. Nachdem sein „Engagement“ im verschneiten Schweden ein plötzliches wie blutiges Ende findet, taucht er in einer kleinen Ortschaft in den italienischen Abruzzen unter. Um zu beschließen, dass sein nächster Auftrag auch sein endgültig letzter sein soll. Entsprechend beginnt er mit den „vorsichtigen“ Vorbereitungen. Doch auch in dieser Idylle scheint es „Gefahren“ zu geben. Jack spürt „Witterung“. Und verhält sich dennoch „ungeschickt“. Lockert seinen bislang undurchdringlichen Schutzschild, läßt private Eskapaden und Emotionen zu. Wirkt dadurch zunehmend „angreifbarer“. Als seine mysteriöse Auftraggeberin auftaucht, eskaliert die Situation.
Ein Kammerspiel-Thriller. Mit Western-Geschmack. Hier der charmante, böse Kerl, dort seine fiesen Jäger. Der Outlaw und die „Kundschaft“. Die zum Nachfolger aufzusteigen beabsichtigt. Der ALTE, „das Alte“, soll abtreten. Endgültig.

Latente Spannung. Im Außenseiter-Milieu. Da hat sich EINER entschieden. Es muss, es darf nur S0 laufen, wie er es WILL. Keine Kompromisse. Jack ist sein eigenes Gesetz. Hat sich damit aber auch überall „ins Aus“ befördert. Soziale Kontakte, intime Beziehungen, längerer Aufenthalt an einem festen Ort – passé. Sex = bezahlte Bedienung. An Clara aber (VIOLANTE PLACIDO; die attraktive Tochter des Schauspielerpaares Simonetta Stefanelli + Michele Placido) kommt er nicht vorüber. Was sofort die Spürhunde anlockt. Der Showdown wird eingeläutet.

George Clooney in einem John Wayne-/Clint Eastwood-Part. Als einsamer Wolf, der überhaupt nicht mehr damit klarkommt, daß er nicht weiß, wer WIRKLICH Wolf, wer “nur” Schaf ist. Erinnerungen an die Kälte-Movies eines Jean-Pierre Melville („Der eiskalte Engel“/Alain Delon) und eines Sergio Leone („Spiel mir das Lied vom Tod“/Charles Bronson) werden wach. Clooney in der unterkühlten Delon-Bronson-Starkstrom-Stimmung. Wenige Worte, die lauernde Körpersprache, eine Atmosphäre der ständigen Anspannung. Die Holländerin THEKLA REUTEN („Brügge sehen….und sterben“/2008) als coole Mathilde rumpelt „eigenartig“ im Hintergrund. Prickelnd. Faszinierend. Bedrohend.
Für die musikalische Begleitung sorgt HERBERT GRÖNEMEYER, Corbijns britischer Haus-Nachbar und sehr guter Freund: Gediegen, eher unauffällig. „Nur“ Untermalung.

Wer mal auf einen soliden, traditionellen Spannungsfilm setzt, wird sein atmosphärisches Vergnügen haben. Die charismatische Marke CLOONEY funktioniert weiterhin pikobello (= 3 ½ PÖNIs).