Am Sonntag bist du tot Kritik

AM SONNTAG BIST DU TOT“ von John Michael McDonagh (B + R; Irland/GB 2012; K: Larry Smith; M: Patrick Cassidy; 100 Minuten; Start D: 23.10.2014); schon sein Debüt mit der tückisch pointierten Kriminalkomödie „The Guard – Ein Ire sieht schwarz“ (s. Kino-KRITIK) war wunderbar vielversprechend. Schon damals bildeten der Autoren-Regisseur John Michael McDonagh und der irische Star-Hüne BRENDAN GLEESON („Golden Globe“-Nominierung für seinen kunstvollen Auftritt in „Brügge sehen…und sterben?“ von Martin McDonagh, dem jüngeren Bruder von John Michael McDonagh) ein beeindruckendes Team. Vor wie hinter der Kamera. Das sich jetzt wieder zusammengefunden hat. Für einen der interessantesten Irland-Filme der letzten Jahre.

Wenn wir von „Irland-Movies“ sprechen, dann denken wir meistens an pfiffige, originelle Insel-Sturköpfe, die in sarkastischer Komödien-Eigenwilligkeit gerne der „ungeliebten“ Obrigkeit eins auswischen („Lang lebe Ned Devine!“) oder an harte, politisch motivierte Auseinandersetzungen („Bloody Sunday“; „Im Namen des Vaters“; „Die unbarmherzigen Schwestern“). Dermaßen konsequent sich einer „Show“ verweigernd wie „Calvary“, so der Originaltitel, war aber ein irischer Film beziehungsweise ein IRISCHES THEMA wohl selten. Apropos „Calvary“: so heißt der bei uns als Golgatha benannte Hügel außerhalb Jerusalems, auf dem Jesus Christus gekreuzigt wurde.

Irgendein Dorf. Irgendwo in Irland. Pater James Lavelle ist hier der Gute. Der beinahe einzige Gute. Um ihn herum erweisen sich „seine Schäfchen“ als knochige, widerborstige, von Zynismus zerfressene, missmutige Mitbewohner. An deren Streitlust und Hass sich aber der Katholen-Mann längst gewöhnt hat. Denn er ist wirklich GUT. Ein provozierend guter Mensch. Der gerade DESHALB mehr angefeindet als gemocht wird. Eines Tages „erwischt“ es ihn. Während einer Beichte. Als ihm die männliche Stimme „nebenan“ verkündet, dass er am kommenden Sonntag sterben werde. Er, Pater James, sei zwar unbescholten, soll aber stellvertretend für einen anderen katholischen Geistlichen sterben. DER habe ihn zwischen dem 7. und 12. Lebensjahr jeden zweiten Tag brutal vergewaltigt. Eine „Normal-Rache“ käme nicht infrage, weil dieser Priester inzwischen verstorben sei. Dafür soll nun Peter James „herhalten“: „Ich werde Euch umbringen, weil ihr nichts falsch gemacht habt. Ich werde Euch umbringen, weil ihr nicht schuldig seit“. Schließlich habe sich vor 2000 Jahren auch Jesus Christus für die Sünden der Menschheit geopfert.

Wer fortan puren Thrill erwartet, liegt falsch. James bleibt eher unaufgeregt. Geht „seinen Geschäften“ nach. Stichwort: Die vielen Versuche an moralischem Beistand. Aber diese fallen gerade hier, an diesem extrem „sündigen Ort“, schwer. Niemand will seinen Rat, seine Unterstützung, gar seinen Beistand annehmen. Im Gegenteil, hämisch werden ER und sein Tun kommentierend begleitet. Verbal abgewatscht. Als und für „unnütz“ erklärt. In Zeiten von Aufdeckung fürchterlichen sexuellen Missbrauchs seitens „katholischer Herrschaft“, in Zeiten der Sieges-Gier des Kapitalismus über die Vernunft, also in Zeiten von Wirtschafts-, also Autoritäts-, also Glaubens- und Identitätskrisen zuhauf, sind die Menschen „außer sich“. Bewegen sich zwischen Verunsicherung, Verstörung, endloser Wut und Entsetzen. Und Resignation. Aufgabe. Der allgemeine Werteverlust ist enorm. Spürbar. Mit der Hand zu greifen.

Pater James ist kein Pater Brown. Und schon gar kein Don Camillo. Er hat, als Vertreter des Moral-Apparats Kirche, den aufrechten Gang und Glauben zu vermitteln und hält sich daran. Kommuniziert ungebeugt in diesem „Milieu“. Was die verstörten Leute in der Gemeinde „verrückt“ macht. Wieso begegnet er offenkundiger Anfeindungen / Feindschaft nicht mit „hartem Kirchen-Gericht“? Wieso hält dieser große „kompakte“ katholische Typ tatsächlich seine Backe hin, um Prügel abzukriegen? Und wieso besitzt dieser Kerl plötzlich auch eine Pistole? Als die Kirche abgefackelt wird, verkündet er nur trotzig: „My kind will never be gone“. Zudem hat Pater James auch den Besuch seiner Tochter aus seinem „ersten Leben“ zu verkraften, die einen Selbstmordversuch verarbeiten muss. Auch hierfür sieht er sich „in die Schuld“ genommen. Kann EIN gestandener, rechtschaffener Mensch das alles überhaupt verkraften? Alleine? Ohne geistigen und selber geistlichen Zuspruch? Von der Institution, die er vertritt? Der Sonntag nähert sich.

Die viele Schuld. In einer moralisch bankrotten Welt. EINER stellt sich ihr. Nicht als Hero, sondern als bewusster Mitgefühl-Mensch. Nur kurz zweifelnd, dann voller Integrität. Allerdings auch – mit einer Waffe im Gepäck. Als schwache Stärke.

„Am Sonntag bist du tot“ ist natürlich spannend. Wie ein Thriller. Ist bisweilen grimmig-komisch. Als irisches Gesellschafts-Drama. Mit packendem aktuellem Zeit-Geschmack, der weit über die Insel hinaus „spricht“. Von wegen verratener Ideale, der korrumpierten Gemeinschaft, diese überlebte, fragwürdige „Macht“-Religion. Als Hort befehlender „Anständigkeit“. Kennen auch WIR alles. Inzwischen.

Und mittendrin: Dieser Berserker BRENDAN GLEESON. Ein auf die 60 zugehender dickköpfiger Menschen-Fels, der an einer riesigen irischen Fäulnis schält, die immer übler wird. Je mehr er daran kratzt. Und DER dabei zugleich, irritierend-reizvoll, so einzigartig „bös-komisch“ wirkt. Was einmal mehr für ein brillanter Charakter-Akteur, dessen präsente Kraft und prächtige Ausstrahlung diesen außergewöhnlichen Spannungsfilm am faszinierenden (Denk-)Laufen hält. Inmitten übrigens einer atmosphärisch-unschuldigen, tollen irischen Landschaft, die so herrlich unberührt ausschaut und leuchtet, solange kein Mensch in ihr auftaucht.

„Am Sonntag bist du tot“ oder: Was für eine imponierende, großartig bemannte filmische Pracht-Drohne (= 4 PÖNIs).