Alles muss raus DVD-Kritik

Natürlich ist ER auch selber schuld. Dass es momentan so gar nicht mehr „mit ihm läuft“. Schließlich hat ER wieder mit dem Saufen angefangen. Obwohl er „dem Griff zur Bierdose“ eine ganze lange Zeit gut widerstanden hatte. Doch dann…Rückfall. Denn der Typ ist ausgebrannt. Völlig ausgebrannt. Ein typischer Fall von BURNOUT. (Bei uns bekanntlich erst in diesem Jahr „so richtig“ angekommen. „Entdeckt“ worden. 2011. Als neue Volkskrankheit. In den Voll-Kapitalismus-USA schon seit Jahren bekannt. „Vorhanden“). Und so ist es kein Wunder, dass Nick Halsey nun in Gänze auseinandergepflückt wird. Erst schmeißen sie ihn nach 16jähriger erfolgreicher Verkaufsleiter-Tätigkeit aus dem Job. Von jetzt auf sofort. Dann, Zuhause angekommen, hat ihn seine Ehefrau aus dem gemeinsamen Haus „entfernt“. Hat die Schlösser ausgetauscht und SEINE SACHEN auf dem Rasen vor dem Haus „platziert“. Konto und Kreditkarte, eigentlich gut gefüllt, sind für ihn gesperrt. Mit klaren Worten: Nick Halsey, 44, hat die „volle Arschkarte“ gezogen. Abgekriegt. Steht vor dem ganz großen Scherbenhaufen seines Lebens. Was jetzt tun? Wohin? Wieso? Weshalb? Warum? Hääh? Nick Halsey setzt sich also müde, genervt, fassungslos in seinen Sessel vor dem Haus (das Wetter ist „sanft“) und greift erst einmal zum Bier. Muss denken. Grübeln. Muss sich betäuben. Das volle Programm. In Sachen Stillstand. Fünf Tage bleiben ihm „zum totalen Aufräumen“. Verlangt „das Gesetz“. Erklärt ihm sein befreundeter Cop. Die Nachbarn schauen. Zu.

RAYMOND CARVER (25.5.1938 – 2.8.1988) gilt als einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller und Dichter des späten 20. Jahrhunderts. Der sich vor allem mit seinen „extremen“ Kurzgeschichten in den 80er Jahren hervortat. Diese zeugten vor allem von seiner starken Alkoholsucht. 1986 schrieb er mit 1616 Worten die Short-Story „Why Don’t You Dance?“ Aus dieser „Minuten-Geschichte“ schuf der 40jährige Dan Rush, der Grafik und Fotografie studiert hat und mit Werbespots und Musikclips anfing, mit einem Budget von 5 Millionen Dollar an 24 Tagen in Arizona seinen Debütfilm

ALLES MUSS RAUS“ von Dan Rush (B+R; USA 2010; K: Michael Barrett; M: David Torn; 92 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 6.12.2011).

Independent-Movies interessieren Stars. Weil sie hier gerne mal aus ihren hollywoodschen Standard-(Erfolgs-)Rollen heraustreten und „etwas Anderes“ machen/spielen können. Der heute 41jährige Kalifornier WILL FERRELL begann seine Karriere, ähnlich wie die Kollegen Bill Murray („…und täglich grüßt das Murmeltier“), Billy Crystal („Harry und Sally“) oder Chevy Chase („Jagd auf einen Unsichtbaren“), bei der populären US-TV-Comedy-Show „Saturday Night Live“. In Hollywood wurde er über schräge Komödien wie „Buddy – Der Weihnachtself“ (2003), „Ricky Bobby – König der Rennfahrer“ (2006) und „Die Eisprinzen“ (2007) sowie zuletzt „Die etwas anderen Cops“ (2010) zum „Kasperle“-Star. Hier nun tritt er aus seinem ewigen Dummbazi-Typen völlig heraus.

Mimt einen stark „beschädigten“ Mittelstandsamerikaner, der sich mittenmal „an einem Grenzbaum“ seines Lebens befindet. Mitten im eigentlich besten Mannesalter. Und nun sein „Weiteres“ ausloten soll. Muss. Wird. Ganz unspektakulär. Mit vielen Gedanken und noch mehr Bier. Zunächst. Noch. Dabei zielt der deutsche DVD-Titel in die thematische Richtung: ALLES MUSS RAUS. Nick Halsey richtet eine Art privaten Flohmarkt vor seinem Haus ein und verramscht „sein Zeugs“. Weg damit. Unterstützt wird er dabei von einem hellen schwarzen Boy aus der Nachbarschaft, Kenny (CHRISTOPHER WALLACE/13), mit dem er sich anfreundet. Schließlich macht er sich auf. Beginnt sich endlich „zu bewegen“. Aber in was für eine Zukunftsrichtung?

Ein kleiner, bescheidener Film. Um eine „kuriose“ Situation. Begreifbare Lebensstation. Die voll ausgedacht, ausgespielt wird. Das was war, gerade ist, und das was wird. Werden kann. An diesem Punkt treffen wir auf diesen „mittelmäßigen“ Sauf-Burschen Nick Halsey. DEN Will Ferrell so grandios „normal“ parkt. Uneitel. Unheldisch. Dennoch spannend. Irgendwie reizvoll. Bemitleidenswert. Identifizierbar. Nahegehend. Ohne ihn gleich groß zu mögen. Halt wie ein Kerl aus dem Umfeld.

Eine ebenso melancholische wie fabelhafte Charakter-Performance von WILL FERRELL. Der diese Normalo-Figur Nick Halsey mit glaubwürdigem Loser-Charme füllt. So dass man an DER wie an IHM interessiert gerne dranbleibt. Wobei ihm namhafte Mitspieler wie Rebecca Hall („Vicky Cristina Barcelona“), Michael Pena („Von Löwen und Lämmern“) und Laura Dern („Wild at Heart“) kühlen Stichwort-Beistand leisten.
Ein feiner, ein mal sonderbarer Ami-Film. Ganz schön anders. Glatt-los. Eher ruhig. Grüblerisch. Aber ohne belehrende Moral-Düfte. Einfach SO. Imponierend. Deshalb stark nachhallend. Viel nachwirkend.

Anbieter: „Ascot Elite Entertainment“