All Beauty Must Die DVD-Kritik

ER war d e r neue Superstar-Darling des letzten Jahres. Spielte sich mit Kinofilmen wie „Blue Valentine“, „Crazy, Stupid, Love“, vor allem mit „DRIVE“ (s. Kino-KRITIK) und zuletzt im George Clooney-Polit-Drama „The Ides of March“ (s.Kino-KRITIK) ganz weit nach vorne in der Beliebtheitsskala und katapultierte sich nach „Hollywood-Oben“:
Der kanadische Schauspieler (und Musiker) RYAN GOSSLING. Auf den am 12. November 1980 in Ontario geborenen Schauspieler (und Musiker) wurde man erstmals über den 2006 entstandenen Independent Film „Half Nelson“ „umfangreicher“ aufmerksam, als er für seinen Part als drogensüchtiger Highschool-Lehrer eine „Oscar“-Nominierung in der Kategorie „Bester Hauptdarsteller“ bekam. Für die Rolle eines „nett“ verklemmten Außenseiters in „Lars und die Frauen“ erhielt er danach eine „Golden Globe“-Nominierung. Fortan ging’s endgültig “ ‚rauf“. Jetzt wurde soeben ein etwas älterer Ryan Gossling-Spielfilm hierzulande auf DVD als deutsche Uraufführung veröffentlicht, der weitaus mehr als nur ein simples Nachholwerk dieses Talents bedeutet, sondern der sich als ein exzellenter Psycho-Thriller mit durchaus Kino-Qualitäten entpuppt:

ALL BEAUTY MUST DIE“ von Andrew Jarecki (Co-Pr.+R; USA 2008/2009; 97 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 13.03.2012).

Originaltitel: „ALL GOOD THINGS“. So heißt ein Bio-Laden, den sich David Marks und seine Frau Katie 1971 in Vermont einrichten.

David ist der Sohn eines mächtigen Immobilien-Tycoons aus New York und möchte auf gar keinen Fall weder in der Firma seines Vaters arbeiten noch in dessen (riesige) Fußstapfen treten. David hat in den Augen seines Vaters Sanford Marks sowieso nur Flausen im Kopf („Du bist ein sehr schwacher Mann“) und hat „nicht standesgemäß“ geheiratet. Denn dessen Katie stammt aus einer „einfachen Familie“, sprich Arbeitersippe. Aber der Senior akzeptiert schließlich „brummend“ „diese“, Schwiegertochter, weil sein Junior, jüngster Spund von vier Söhnen, dann doch in die Familienfirma einsteigt. Also mit seiner Frau wieder nach New York zurückkehrt. Wo SIE mit der Familienplanung, sprich dem eigenen Nachwuchs, beginnen möchte, was Er aber kategorisch ablehnt. Keine Kinder. Auf gar keinen Fall. Was einen Schatten auf ihre Beziehung wirft. Überhaupt – David benimmt sich zunehmend „merkwürdiger“. Nicht schlimm(er), aber merklich „eigenartig(er“).

Spricht viel mit und zu sich, ist viel in sich gekehrt, lächelt „gefährlich“, wirkt mehr und mehr verstört. Abwesend. In sich ruhend. Weil er sich quasi immer schon als „komischer Kauz“ bewegte, wird DAS von vielen kaum weiter wahrgenommen. Wohl aber von Katie, die sich nach und nach von ihm abkapselt. Ihr Medizin-Studium wieder aufnimmt. Ihr eigenes Leben vorbereitet. Bis sie eines Tages verschwunden ist. Und nie wieder auftaucht. Was ihn völlig aus der Bahn wirft. Schließlich, nach vielen Jahren, landet er vor Gericht, der Vorwurf lautet: Mord. Aber nicht an Katie, sondern an einem älteren Mitbewohner und Kumpel, mit dem er irgendwo versteckt in der Provinz zusammenlebte. Jetzt nehmen wir auch die Gerichtsbeteiligten wahr, die wir bisher – „verteilt“ im Heute-Gestern-Rhythmus – nur von den Stimmen vernahmen.

„Nach einer wahren Begebenheit, die sich zwischen Januar 1971 und November 2003 in Texas, L.A. und New York zugetragen hat“, erklärt eingangs der Vorspann. Während im vorzüglichen und umfangreichen Bonusmaterial die beiden Drehbuch-Autoren MARCUS HINDEY + MARC SMERLING ihre gigantische zweieinhalbjährige Recherche beschreiben, die dann zum fulminanten Drehbuch führten. Mit viel Realismus-Geschmack. Denn in dem Film „All Beauty Must Die“ werden Motive eines aufsehenerregenden amerikanischen Kriminalfalls „benutzt“: In Sachen ROBERT DURST. Der 1943 geborene Sohn des New Yorker Immobilien-Moguls Seymour Durst heiratete 1973 Kathleen McCormack, die 1982 verschwand. Die polizeiliche Suche nach ihr blieb erfolglos. Bis heute. 2001 kam Robert Durst vor Gericht, nachdem Körperteile seines Kumpels Morris Black gefunden wurden. Als er nach der Kautionsstellung flüchtete, fing man ihn schließlich in Bethlehem/Pennsylvania wieder ein. Im Prozess sprachen ihn die Geschworenen wegen Notwehr frei.

Ein Mensch „passt“ nicht in seine Familie. Könnte man den Film überschreiben. Oder auch: Die „alte Generation“ ist die Gefahr, die junge wird „dadurch“ zu einer solchen. Oder: Die Geschäfte der Väter sind nicht die Geschäfte der Söhne. „All Beauty Must Die“ ist ein Psycho-Thriller um die menschliche Natur. Vereinfacht gesagt – Wie die Alten singen, so „tönen“ bzw. ticken später ihre Jungen. David Marks (RYAN GOSLING) ist ein verkorkster Typ. Von Anfang an. Schwächlich. Ein Weisungsgebundener. Den der Suizid der Mutter, den er „ganz nah“ wahrzunehmen hatte, in ganz jungen Kinderjahren seelisch völlig aus der Bahn warf. Ein traumatisierter Bursche. Hinter dessen lächelnder Charme-Fassade die Dauerverzweiflung schreit. Unaufhörlich. Wie unhörbar. Aber durchaus sichtbar. Wenn man sich die Mühe (gemacht) hätte, genauer hinzuschauen. Hineinzuschauen. Sie, Katie, liebt ihn. Einfach. Wie er ist. Wie sie ihn empfindet. Aber: „Sieht“ ihn auch nicht wirklich. „Entdeckt“ ihn erst nach und nach. Als er sich öffnet. „Ihn in diese Welt zu zwingen, die er hasste, war, wie einen Hund zu schlagen: Irgendwann beißt er zu“ (Co-Drehbuch-Autor Marc Smerling).

ANDREW JARECKI, Unternehmer, Filmemacher und Musiker, hatte 2003 mit seinem Dokumentarfilm „Capturing the Friedmans“ viel Erfolg. Gewann 18 internationale Filmpreise, bekam beim renommierten „Sundance Festival“ den Jury-Preis sowie schließlich eine „Oscar“-Nominierung. Ihn reizte natürlich bei seinem ersten eigenen Spielfilm der authentische dokumentarische Hintergrund für seinen – fiktionalen – Thriller. Für den er auf gerne auf Schwarzweiß-Malerei verzichtete, schließlich „gibt es viel spannendes Grau im Leben“. Intensives Grau. Und, was den Co-Produzenten und Regisseur besonders anregte: „Die wahre Geschichte hinter dem Film ist längst (noch) nicht enträtselt“. Was auch über das kluge Bonusmaterial erkennbar wird: Neben 5minütigen herausgefallenen Szenen erwartet uns ein 26minütiger Blick auf „die Wahrheit hinter der Fiktion“. Mit vielen Fakten aus den Gerichtsakten und dann interessanten Vermutungen, die auf längeren Interviews mit der Familie von Katie basieren.

Begleitet werden diese „enthüllenden“ Aussagen von dem 23minütigen Bonus-Begleitfilm „Die ursprüngliche Geschichte“, in dem alle Interviewten wie Familie, Nachbarn und Geschäftspartner aus dem Umfeld von Katie Durst, geborene McCormack ausführlich zu Wort kommen. Abschließend erläutert Andrew Jarecki in „Ein Blick unter die Oberfläche“ wie und warum er „sein Thema“ entdeckte, aufgriff und filmisch umsetzte. In „Make Up-Effekte“ wird schließlich erläutert, wie schließlich aus diesem attraktiven Ryan Gosling ein gealterter David kompetent „fabriziert“ wurde.

In Klang, Bewegung, Bauten, Motiven (Kamera: MICHAEL SERESIN) und vor allem in den feinen Soundtrack-Spannungstönen von ROB SIMONSEN ist der Film sowie schon außergewöhnlich packend. Begeisternd. Hochgradig atmosphärisch. Wie auch die großartigen Schauspieler: DIE sind das Nonplusultra. Und zwar sowohl in der phantastischen Ensemble-Sicht wie natürlich und vor allem in den drei vordergründigen Charakter-Parts.

RYAN GOSLING als David startet mit diesem geheimnisvollen, still-nervösen, permanent angespannten Anthony Perkins-Lächeln (aus „Psycho“) voll durch. Übertreibt nicht, hält diese Balance aus Melancholie und Trauma-Verrücktem. Seine aufregende Partnerin ist die (damals) 26jährige KIRSTEN DUNST (jahrelanges „Spider Man“-Liebchen; zuletzt die depressive Braut in „Melancholia“ von Lars von Trier), die so intensiv-sensibel wie hier wohl noch nie überzeugte. Wirkte. Während der 70jährige FRANK LANGELLA (der 2008 als Richard Nixon in „Frost/Nixon“ triumphierte/“Oscar“-Nominierung) hier als „tüchtiger“ wie autoritärer David-Dad ein mimisches Kalt-Erlebnis ist. Ohne allzudoll klischeevoll abzuheben. In seiner beeindruckenden Gratwanderung aus Macht und knorrigem Mitgefühl.
Was für ein darstellerisches Front-Trio, das die Rampe bestens füllt. Bedient. Spannend klirren lässt.

„All Beauty Must Die“ oder – es gibt jetzt einen niveauvollen Spannungsfilm auf DVD zu entdecken. Erste Genre-Klasse!

Anbieter: „Ascot Elite Home Entertainment“