Albaner Kritik

DER ALBANER“ von Johannes Naber (Co-B+R; D/Albanien 2010; 104 Minuten; Start D: 04.08.2011); es ist immer dasselbe – wenn wir in der Zeitung lesen, im Radio hören, im TV sehen und hören, von dieser Armut dort und von unserem Reichtum hier, dann nicken wir beifällig, um sogleich zur nächsten Meldung überzugehen. Dies ist „halt so“, was sollen wir denn machen. Wir spenden ja, wir finden auch, dass es auf dieser Welt reichlich ungerecht zugeht, aber was können wir denn dafür, dass WIR hier gut und gesichert leben. Können, dürfen. Und wenn wir dann von den Schicksalen der vielen illegalen Einwanderer hören, sind wir kurz betroffen, um dann sogleich wieder in unseren Alltag abzutauchen. Was sollten, was könnten wir denn auch machen? Außer für Momente „betroffen“ zu sein? Wenn wir aber dann über einen längeren Zeitungsartikel und mehr noch, wegen der Direkt-Bilder, über einen wahrhaftigen, „spannenden“ Spielfilm an EINEN MENSCHEN herangeführt werden, der versucht, aus diesem Teufelskreis von Armut und Perspektivlosigkeit auszubrechen, um ein halbwegs würdevolles Menschendasein führen zu können, DANN geht es ans Eingemachte. In Betrachtung und Empfinden.

„Solch“ ein Film ist „Der Albaner“. Der im Titel schon Blick und Inhalt ausdrückt: Albanien, das ärmste Land in Europa. Die Menschen anonym. Verhaftet in Tradition, Ritual, Glauben. Die Jungen wie Arben „hören“ vom reichen Nebenan-Europa. Sehen „davon“ etwas, weil er regelmäßig mit seinem Vater als Gastarbeiter nach Griechenland zieht, um Geld zu verdienen. Das der Familie Zuhause das Leben/Überleben sichert. Arben und Etleva. Sie ist Zuhause die Tochter eines Nachbarn. Seine heimliche Liebe. Als sie schwanger wird, verlangt ihr Vater zehntausend Euro für „voreheliche Unzucht“ und die Hochzeit. Und für die Wiederherstellung der Ehre. Oder umgekehrt. Arben will das Geld auftreiben. Unbedingt. Im reichen Deutschland. Kommt als Illegaler hier her. In die Hauptstadt. Ohne Visum und Sprachkenntnisse. Was er hier erlebt, erst bei einer Reinigungsfirma, dann bei einer Schlepperbande, führt „hiesige“ Begriffe wie Anstand, Moral, Mitgefühl, also „demokratische Sauberkeit“, ad absurdum. Arben passt sich bald an und kämpft vehement für sein persönliches Glück.

Keine simple Trauerrede. Kein Betroffenheitsfilm mit belehrenden Ausrufungszeichen. Kein klischeehafter Stoff um Mehr-oder-weniger-Schuld. Sondern die Geschichte um einen Menschen, der auf „seinen Platz“ beharrt. In unserer Umgebung. Der viel einstecken und dann austeilen muss, um durchzukommen. Möglicherweise. Der „diese Dinge“ durchlebt, von denen wir ebenso täglich regelmäßig wie „nebenbei“ erfahren, aber nichts wissen. (Wollen?) Der Film ist die Vermittlung von Informationen auf eindringliche Weise. In Form von berührendem, ansprechendem KINO. Also sinnvoller Unterhaltung. Mit starken Kontrasten. Zwischen faszinierendem albanischem Landschaftspanorama und düsterem, nasskalten Berlin-Motiven. Seelenzustands-Bilder mit viel Wirkung. Und Atmosphäre.
Der 1972 in Baden-Baden geborene Drehbuch-Autor und Regisseur Johannes Naber hat an der Filmakademie Baden Württemberg, in Ludwigsburg, Film studiert. Hat im Februar 1999 dort das Diplom im Fachbereich „Dokumentarfilm“ erworben. Sein erster Doku-Langfilm hieß „Anfassen erlaubt“ und zeigte 2004 die Beobachtung von drei 14jährigen Mädchen in einer Tanzschule in Rastatt, nahe der deutsch-französischen Grenze. 2007 war Johannes Naber einer der fünf Drehbuch-Autoren für den Phillipp Stölzl-Spielfilm „Nordwand“.

„Der Albaner“ ist sein erster eigener Spielfilm und bekam zu Jahresbeginn in Saarbrücken den „Max Ophüls-Preis“. Thema: Die Schattenseiten des „European Dream“. Beobachtet, begleitet, erzählt an der Seite eines außergewöhnlichen Interpreten, des albanischen Schauspielers NIK XHELILAJ (gesprochen: Nik Dschelilai). Der 1983 in Tirana geborene gelernte Schauspieler, der neben seiner Heimatsprache Italienisch und Englisch, aber nicht Deutsch spricht, wirkt authentisch. Improvisierte beim Drehen mit den wenigen deutschen Sprachbrocken und vermittelt „den armen Europäer“ Arben als realitätsnahen Nachbarn bzw. Identifikationsmenschen. Unaufdringlich. Mit viel Neugier-Nähe. Ein spannender, charismatischer Schauspieler, der mich in seiner „äußeren Stille“, in seiner ausdrucksstarken Melancholie und seiner packenden inneren Trauer sehr stark an den „polnischen James Dean“ ZBIGNIEW CYBULSKI (3.11.1927-8.1.1967) aus „Asche und Diamant“ von Andrzej Wajda (1958) erinnert. Hier wie damals – als Vertreter einer jungen Generation, die nun nicht mehr nur kuscht. Sich abfindet. Mit den grauslichen gesellschaftlichen, sozialen, individuellen Gegebenheiten. Sondern versucht, sich bemüht, anstrengt, „ordentliche“ eigene Privatverhältnisse herzustellen. Dabei Schmerzgrenzen überschreitet. Überschreiten muss. Körpersprachlich bringt Nik Xhelilaj dies grandios `rüber. Auf dem Filmfestival von Moskau wurde er „dafür“ im Vorjahr mit dem Preis als „Bester Schauspieler“ belobigt.

Man sage nicht, wir wissen „es“ nicht. Wir konnten „es“ nicht wissen. Dies mit dem sozialen Ungleichgewicht. So oder so ähnlich. Dies mit „den Menschen“. Die sich unter den miesesten Bedingungen abstrampeln, müssen, um einigermaßen – „europäisch“-auskommend – leben zu können. Zu dürfen. Wenn WIR mal wieder „über sie“ lesen, „von ihnen“ hören. „Der Albaner“ zum Beispiel sorgt für eine wirkungsvolle, kluge Unterhaltungslangzeitvermittlung (= 3 ½ PÖNIs).