Agora Kritik

AGORA – DIE SÄULEN DES HIMMELS“ von Alejandro Amenábar (Co-B+R; Spanien 2009; 125 Minuten, Start D: 11.03.2010); ER, der am 31. März 1972 in Santiago de Chile geborene Sohn eines Chilenen und einer Spanierin, gilt als eines der filmischen „Wunderkinder“ des spanischen Kinos. Sowohl als Drehbuch-Autor wie als Regisseur und als Komponist. Hat international vielbeachtete, vielfach prämierte Filme wie „Virtual Nightmare – Open Your Eyes“ (1997/Tom Cruise kaufte die Rechte und produzierte vier Jahre später das amerikanische Remake „Vanilla Sky“); „The Others“ (2001/mit Nicole Kidman) und zuletzt „Das Meer in mir“ (2004/mit Javier Bardem/bekam den Auslands-„Oscar“) geschaffen. Hier nun, in dieser 50 Millionen Euro teuren Produktion, geht es auch um eine STARKE KLUGE FRAU.

Sie heißt Hypatia von Alexandria, ist Mathematikerin, Astronomin, Mechanikerin und Philosophin. Eine Forscherin und Lehrerin. Die die Lehre von der Toleranz lehrt. Die lehrt, Dinge infragezustellen, Neugierig zu sein. Existenzielle weltliche Fragen zu stellen. Zu grübeln. Dabei human und umgänglich, also „vernünftig“, aufzutreten. Was für eine Persönlichkeit! Eine Aufklärerin. Sanft wie selbstbewußt. Schön wie eigenwillig. Aber keineswegs unumstritten, ganz im Gegenteil. Denn die Welt, in der Hypatia sich bewegt, lebt, ist vor allem eine von Männern dominierte Welt. Also eine intolerante, mißtrauische Welt. Wie kann eine Frau es sein und überhaupt wagen, solche Fragen zu formulieren, zu stellen? Frauen sind doch gegenüber „dem Mann“ zweitrangig, haben sich mit häuslichen Dingen ausschließlich zu beschäftigen, haben dem Manne zu dienen, ihm „dienlich“ zu sein, wenn er es wünscht. Und im übrigen „den Schnabel“ zu halten. Kurzum: Frauen können ja eigentlich gar nicht „grundsätzlich“ denken. Sind minderwertig. Sie muß eine Hexe sein. Die Fundamentalisten sind im Vormarsch. Die Eiferer. Die religiösen Eiferer. Vor allem die christlichen Frömmlinge. Die alles BESSER wissen. Die ganz fest daran glauben, daß einzig IHRE RELIGION die RICHTIGE ist. Die Mehrheit der Heiden bekommt es zu spüren. Denn plötzlich kippt die an sich friedliche Stimmung des Gemeinwesens, des Zusammenlebens aller Glaubensrichtungen. Die Christen beharren auf IHRE Vorherrschaft. Auf ihr gottbefohlenes Tun. Und schlagen los. Vernichten „die Gegner“, zerstören ihre gesammelten Wertschätze, ihre Gedanken- und Philosophie-Werke, plündern die Bibliothek, vernichten „Wissen“ von riesigem Ausmaß. Im Namen Gottes, im Namen des angeblich einzigen Rechts, im Namen der Bibel-Verfassung, im Namen der Männer. Im Namen des Pöbels. Hypatia hat keine Chance mehr. Eine Frau, die denkt, bedeutet Gefahr. Laßt sie uns steinigen. Auf der Agora, dem größten Versammlungsplatz der Metropole.

DAVON handelt, erzählt der historische Film „Agora“, der brandaktuell ist. Stichwort: Der zunehmende Fundamentalismus in unserer Welt. Oder, wie es „Der Spiegel“ neulich im Titel süffisant sinngemäß formulierte: Wer hat, wer besitzt die „bessere Religion“? Ein aufwendiger, reizvoller, spannender und gedanklich SEHR atmosphärischer Film. Der zwar im ausgehenden 4. Jahrhundert im ägyptischen Alexandria angesiedelt ist, aber sogleich mit heutigen Verweisen, Gedanken, Handlungen in Verbindung gebracht wird, werden muß. Dabei natürlich, wie befinden uns ja im Spielfilm-Kino, mit Figuren und ihren „normalen“ emotionalen wie seelischen Problemen „hantiert“. Sprich: Liebe, Leid(en), Kämpfen, Hassen, Vergeben. Das ganze schöne Aufruhr-Programm. Auf einem Planeten, der zu schreien beginnt. Vor soviel Dummheit, Gemeinheit(en), Not. Der Mensch gegen den Menschen. Es ist zum …Hinsehen. Und Mitdenken. Unterhaltung-pur. Mit großen Emotionen. Ein spektalurärer, bildgewaltiger Atheismus-Thriller. In historischem Gewand. Mit einer phantastisch-charismatischen RACHEL WEISZ in der Hauptrolle. Die 39jährige britische „Oscar“-Preisträgerin („Der ewige Gärtner“), die als Vorbilder u.a. Gena Rowlands, Katharine Hepburn, Janis Joplin angibt, mimt diese engagierte vormittelalterliche Vernunfts-Rebellin mit würdevoller Eleganz und viel psychologischem Feingefühl. Während Alejandro Amenábar ein überragender Spannungsfilm gegen jedweden Fanatismus, gegen Intoleranz und Machtgehabe gelungen ist. Als leidenschaftliches Plädoyer für Endlich-Vernunft-Annehmen. „Agora“, einer der besten SANDALENFILME aller Zeiten, überzeugte in Spanien, wurde zum erfolgreichsten einheimischen Film des Vorjahres (mit über 3 Millionen Besuchern) und bekam Zuhause kürzlich 7 Goyas“, die spanischen „Oscars“, zugesprochen. Eine prächtige WUCHT von Film!!!! (= 4 PÖNIs).