14 km – Auf der Suche nach dem Glück Kritik

14 km – AUF DER SUCHE NACH DEM GLÜCK“ von Gerardo Olivares (B+R; Spanien 2007; 95 Minuten; OF mit dt. UT; Start D: 24.06.2010); der 1964 in Cordoba geborene Filmemacher ist seit 1991 als Dokumentarfilmer aktiv. Hat sich auf anthropologische und ethnographische Themen spezialisiert und ist hauptsächlich für das spanische Fernsehen und den französischen TV-Sender „Canal +“ tätig. Seit 1999 dreht er auch Langfilme, 2006 kam auch in Deutschland sein Debütspielfilm „La gran final – Das größte Spiel der Welt“ ins Kino, wo er in witzigen Anekdoten davon erzählt, wie sich weltweit Fußball-Fans unter mitunter widrigsten Umständen die WM anschauen. Mit seinem neuesten halbdokumentarischen Spielfilm läßt er – ansonsten vorüberziehende – tägliche Schlagzeilen, Zeitungsartikel und TV-Berichte „lebendig“ werden. Über sog. „Afrika-Flüchtlinge“. Wenn wieder einmal ein Flüchtlingsschiff im Mittelmeer aufgebracht wird, nehmen wir kurz davon – statische, statistische Kenntnis. Blicken auf überfüllte europäische Flüchtlingslager, zerfurchte Menschen, unwirtliche Situationen. Um danach gleich wieder zu unserer „zivilisierten Tagesordnung“ zurückzukehren.

Jetzt aber bekommen „diese Menschen“ ein Gesicht. Eine Nähe. Eine Identität. Und plötzlich ist DAS ganz etwas Anderes. Plötzlich nehmen wir SIE zur dramatischen, traurigen, also berührenden, mitteilsamen, informativen MENSCHLICHEN Kenntnis. Nur 14 Kilometer, über die Meerenge von Gibraltar, trennen Europa von Afrika. Drei afrikanische Menschen sind unterwegs, um „das Paradies Europa“ zu erreichen: Violeta aus Mali (AMINATA KANTA), die gegen ihren Willen an einen alten Mann verschachert werden sollte, der sie als Kind vergewaltigte; der Mechaniker Bouba (ADOUM MOUSSA), ein talentierter Fußballspieler, der hofft, in Europa als Fußballer Karriere machen zu können, und sein Bruder Mukela (ILLIASSOU MAHAMADOU ALZOUMA), der ihn begleitet. Ihre Wege kreuzen sich. Gemeinsam sind sie per Bus, Schiff, Lastwagen, Kamelkarawane und zu Fuß unterwegs. Die lange, beschwerliche, mühevolle, gefährliche Reise führt sie durch die Sahara und über Landesgrenzen hinweg. Von Zentral-Niger geht es durch die riesige Tenere-Wüste bis nach Algerien und Marokko. Weder korrupte Grenzer noch Geschäftemacher-Ausbeuter noch die überfüllten Trucks noch die mörderischen klimatischen Bedingungen können sie davon abhalten, unbeirrt an ihren Traum vom besseren Leben zu glauben und festzuhalten. Immer dabei: Ein Fußball, der zum Symbolbild wird.

Was wir hier sehen, hören, fühlen, worüber wir hier „unterhaltsam“ informiert werden, ist ebenso authentisch wie packend. „14 kilómetros“ ist ein Road-Movie durch die kargen wie exotischen Landschaften Nordafrikas, in denen sich menschenunwürdigste Dramen und Erlebnisse abspielen. Rechtlosigkeit, Willkür, Korruption sind ebenso an der Tagesordnung wie die ständige Misshandlung des Menschen durch den Menschen. Latente Aggressionen bestimmen unaufhörlich die Atmosphäre, bei der es permanent um Aufgabe oder Weitermachen geht. Schicksale, Geschichten, Leiden nicht als (Alibi-)Show, sondern als wütend-traurig machender Hilfe-Aufschrei von Mitmenschen dieses Planeten. Die nur genauso friedlich, komfortabel, „vergnügt“ zu leben wünschen wie wir. Begleitet vom leisen, schönen Trost-Soundtrack des senegalesischen Popstars YOUSSOU N´DOUR.

Ein Film, der angeht. Der bestürzt. Mitleid, Empörung und Verständnis provoziert. Weil aus den gewohnten „Papier-, Kurzbild- oder Wort-Infos“ plötzlich MEHR wird: Angehende Menschlichkeit. Auf dem Filmfestival von Valladolid (in Zentralspanien) wurde 2008 „14 kilómetros“ mit der „Goldenen Ähre“ als „Bester Film“, für die „Beste Musik“ und die „Beste Kamera“ (von ALBERTO „MAGOO“ MORO) ausgezeichnet. Gut, daß ihn jetzt der engagierte Göttinger Verleih „KAIROS“ in die deutschen Kinos bringt (= 4 PÖNIs).