Das weiße Band

DAS WEISSE BAND“ von Michael Haneke (B+R; Ö/Fr/D 2008; 145 Minuten; Schwarz-Weiß; Start D: 15.10.2009); trägt den lakonischen deutschen Zusatztitel „Eine deutsche Kindergeschichte“. Kinder, Jugendliche, Gewalt, vor allem psychologische Gewalt, und falsche Werte, das sind die filmischen Themen des heute 67jährigen Österreichers. Der sich mit Filmen wie „Bennys Video“ (1992) und „Funny Games“ (1997 + US-Remake von ihm 2007) auf die intellektuellen Spuren der Ursachen von Gewalt gemacht hat: Verwahrlosung der Kinder; bedenkenlose Brutalität in der Unterhaltungskultur. In dieser Co-Produktion, die eine vorwiegend deutsche Produktion ist und deshalb für Deutschland in die nächste Konkurrenz um eine Auslands-„Oscar“-Nominierung geschickt wird, blickt er – tiefschwarz – auf deutsche Historie.

Ein Dorfschullehrer (mit der Stimme von Ernst Jacobi) erzählt rückblickend von scheußlichen Ereignissen in einem norddeutschen Ort, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Wo Erwachsene Opfer schwerer, offensichtlich absichtlich herbeigeführter Unfälle werden. Wo zwei Kinder, Außenseiter, von Unbekannten brutal geschlagen und schwer verletzt werden. Menschen verschwinden. Wieso? Warum? Was passiert hier? Diese Fragen verfolgt Haneke wie einen ganz düsteren Polit-Seelen-Thriller, ohne jedoch „zu erklären“: Einer Auflösung verweigert er sich. Es sei nicht die Aufgabe von Kunst, Antworten zu geben, sagt er, sondern ausschließlich „Fragen zu stellen“. „Ein Film ist wie eine Sprungschanze. Springen muß der Zuschauer selbst“. Und so sitzt man gefangen unter dieser filmischen Sezierlupe um die schlimmen Werte- und Sozialgefüge eines deutschen Anno-Dunnemal-Dorfes. Spürt diese bedrückende Atmosphäre von Schuld, Bestrafung und Heuchelei; erlebt die falschen feudalen und übersteigerten christlichen Werte der Väter, die ihre Kinder „gottesfürchtig“ heftig züchtigen. Hier existiert keine Nische für „so etwas Schlichtes“ wie Liebe, Freude, Weichheit oder auch nur für die kleinste Geste von Toleranz. Nur immer wieder diese verschlossenen Münder der Kinder, ihre verzweifelten Augen, ihr verborgenes Flehen, ihre erschreckende Härte und ihr Haß gegen alle, die nicht so deformiert sind oder sein wollen wie sie selbst.

Haneke illustriert eine bittere, überlange Lehrstunde über die Folgen Schwarzer Pädagogik. Der historische Zusammenhang verweist in Richtung 1. Weltkrieg, Nationalsozialismus, Holocaust. Ursachenforschung für Gewalt, Diktatur und Terrorismus. Hergeleitet über einen jungen, idealistischen Lehrer, einen strengen Pfarrer, einen zynischen Arzt, einer verblühten Hebamme, einem herrischen Guts-Baron, seine musische Frau und eben all die Kinder. Ein dörfliches Panoptikum aus der Kaiserzeit, ganz streng, ganz schwarz-weiß, ganz düster, ganz gemein und außerordentlich anstrengend, ohne ein einziges Lächeln. Un-Menschlichkeit. Bestürzend, verstörend, eklig-dauerbitter. Mit Ulrich Tukur als Gutsherr, Burghart Klaußner als Pfarrer, Josef Bierbichler als Verwalter, Susanne Lothar als Hebamme, Christian Friedl als Lehrer. Und den vielen Kinder-Akteuren. Ich tu´ mich schwer mit Haneke. Weil er gerne quält, mit seinen Filmen, weil er unbarmherzig erzählt, vorführt, verweist. Auf wie vor der Leinwand herrscht nur Qual. Intellektuell sezierte Kunst-Qual. Macht keinen Spaß, soll es ja auch nicht. Habe mir danach sofort DEN deutschen Klassiker zu diesem Thema, „DER UNTERTAN“ von Wolfgang Staudte von 1951 (mit dem großartigen Werner Peters), angeschaut. Danach ging es mir besser (= 3 PÖNIs).