Der vierte Mann

DER 4. MANN“ von Paul Verhoeven (NL 1983; 102 Minuten; Start D: 29.05.1985)

Religion und Phantastik haben schon seit den Urzeiten der laufenden Bilder ständig miteinander zu tun. „Religiöse Motive sind zum integralen Bestandteil fast jeder konventionellen phantastischen Filmproduktion geworden“, bestätigt dann auch Experte (und TIP-Mitarbeiter) Dr. Rolf Giesen in seinem kürzlich erschienenen ‚Lexikon des phantastischen Films‘. Aber dass es sich hier bei “De Vierde Man“, einer niederländischer Produktion von 1983, die im Vorjahr erstmals bei den Hamburger Kinotagen hierzulande vorgestellt und gleich ein Publikumsliebling wurde, überhaupt um einen Fantasy-Streich handelt, wird anfangs nicht so recht klar.

Im Vorspann sehen wir eine Spinne eifrig ihre Fäden ziehen, ihr Netz zusammenbauen und das ausgerechnet am Gesicht einer Jesus-Statue. Immer wieder verfangen sich Insekten im Netz und werden sogleich kräftig „bearbeitet“. Die wirkliche Bedeutung dieser symbolhaften Einführung wird später erst klar, zunächst jedenfalls registriert man viermal fette Beute für die ununterbrochen aktive Fängerin. Während das Verhalten des anscheinend ganz populären Amsterdamer Schriftstellers Gerard Reve (Jeroen Krabbé), mit dem der Film beginnt, schon ein bisschen in “phantastische“ Verwirrung stürzen lässt. Der Typ, ein männlicher, gut aussehender Vierziger, ist anscheinend in der Nacht zuvor ziemlich abgestürzt, denn seine Hände zittern nach dem Aufwachen so sehr, dass er erst was trinken muss, um sich einigermaßen unfallfrei rasieren zu können. Außerdem sind seine Phantastereien, die ihn hin und wieder überfallen, auch nicht von schlechten Eltern und lassen auf einen etwas sensiblen und lädierten momentanen Geisteszustand deuten. Und auch seine folgenden Erlebnisse auf der Bahnreise zu dem Küstenstädtchen Vlissingen, wo ein Vortrag vor der dortigen „Literarischen Gesellschaft“ die Haushaltskasse ein wenig aufbessern soll, stürzen nicht nur ihn in einige Verwirrung.

Ist der Junge nur überkandidelt? Oder erzählt der Film gar eine „wahre“ Geschichte, die nur abwegig klingt, weil sie aus dem Rahmen fällt? Darüber weiter nachzudenken bleibt aber kaum Zeit, denn am Ziel angelangt, kann er sich als professioneller Lügenbold und Katholik bestens präsentieren, der mit der Formel „Ich lüge die Wahrheit“ den wesentlichen Inhalt seiner ganzen Arbeit beschreibt. Der Arzt wird später daraus einen „pathologischen Zwang zur Lüge“ ebenso bestätigen wie eine vergrößerte Leber und einen Schock. Aber noch ist es nicht so weit, jetzt hat ihn erst einmal die äußerst anziehende, attraktive Kassiererin des Literaturzirkels in Beschlag genommen. Sie heißt Christine Halsalag (Renee Soutendijk), ist Witwe, reich und lebt wunderschön außerhalb am Wasser in einem einsam gelegenen Haus, auf dem mit großen Leuchtbuchstaben vorne „Sphinx“ steht. Aber das „x“ ist kaputt, so dass immer nur „Sphin“ zu lesen ist: Spinne. Christine macht nicht viel Getue, um ihm zu zeigen, dass sie ihn kennenlernen möchte. Und er, dieser hochbegabte, phantasievolle Dichter und Denker, dem doch einige seiner merkwürdigen Begebenheiten bis dahin hätten zu denken geben müssen, folgt willig ihrem Angebot – und sitzt nun im Haus fest. „Christinchen“ möchte nicht, dass er weggeht, es ist doch Liebe, signalisiert sie ihm ohne Umschweife. Während sich nun noch zwei Personen in dieses mysteriöse Spiel, das so lieb und brav aussieht, aber durch die spannende Musik (von Loek Dikker) auf die drohende Gefahr “verraten“ wird, dazu einschalten: Herman, der derzeitige, aber in sexueller Praxis so übereifrige Freund von Christine, in den sich Gerard schon auf dem Bahnhof “verkuckt“ hat, und Ria, die auch Maria heißen könnte, weil sie anscheinend Gerard. andauernd symbolisch warnt und so was wie sein Schutzengel ist. Den er dann aber auch dringend braucht.

Es ist kaum fünfzehn Jahre her, da gab es in den Niederlanden noch keine richtige Filmindustrie, lediglich eine, wenn auch beständige, Produktion von Dokumentarfilmen, eine Handvoll Spielfilmregisseure, eine Regierung, die den Spielfilm weder als Wirtschaftsgut noch als Kulturgut wirklich ernst nehmen wollte, und ein Publikum, das dem heimischen Bildprodukt stets mit übergroßer Skepsis begegnete. Die Zeiten haben sich inzwischen rapide verändert. Inzwischen gibt es eine nationale Filmindustrie mit steigenden Produktionsziffern (1981 und 1982 wurden jeweils 14 abendfüllende Spielfilme produziert, 1983 15 Kinofilme und 1984 ebenso viele) und mit einigen auch über das Land hinaus bekannt gewordenen Arbeiten. Man denke da nur an “Der Besucher“ von Orlow Seunke, “Der Illusionist“ von Jos Stelling, “Das Mädchen mit den roten Haaren“ von Ben Verbong, “Die Stille um Christine M.“ von Marleen Gorris oder “Familien-Bande“ von Ruud Van Hemert, der erfolgreichste Film in Holland der letzten Jahre. Auch Paul Verhoeven ist hierzulande kein Unbekannter mehr, mit dem rüden Sex-Melodram “Türkische Früchte“ (s. Kritik) fand er auch bei uns im Sommer 1973 reichlich Publikum. Das Bemerkenswerte am niederländischen Film ist derzeit, dass er sich auf vielen Genres versucht und dabei in einigen schon eine bemerkenswerte Qualität erreicht. Wie eben hier, wo Paul Verhoeven, Jahrgang 1938 und Amsterdamer, in einem Spielfeld loslegt, das an sich bislang ausschließlich Hollywood vorbehalten war (auch wenn es hier und da — unerhebliche — Versuche anderswo gab): dem Fantasy-Thriller. Der von sich behauptet, “eine Vorliebe für visuell-spektakuläre Dinge“ zu haben. “Ich fühle mich mehr zum Bild als zum Ton hingezogen, obwohl der Ton natürlich auch eine wichtige Funktion hat.“ Wie weiland Brian De Palma in seinen besten Arbeiten (“Obsession – Schwarzer Engel“, “Dressed To Kill“) erzählt er eine gewitzte Geschichte, listet mit einer unwahrscheinlich soften Kamera selbstverständliche Zufälle, alptraumartige Ereignisse, symbolhafte Andeutungen zusammen, die im Nachhinein sämtlich einen ganz logischen Sinn ergeben, während die Story abartig wundersam und dennoch „wahr“haft erscheint. Wie eine Spinne, die sich erst begatten lässt und dann das Männchen frisst, könnte Christine tatsächlich eine supermoderne Hexe sein (Hinweis: Taube Stelle auf dem Rücken…!), die sich die Kerle ins Haus und ins Bett holt, um sie dann “nach Gebrauch“ abzulegen, sprich: abzuschaffen, um zu neuem Genuss zu kommen (Mann Nr.5 taucht am Ende tatsächlich auch schon auf). Was die liebe Jungfrau Maria dermaßen erbost, dass sie jetzt, “auf höheren Befehl?“, einschreitet und Einhalt gebietet.

Das ausgezeichnete Drehbuch, das auch die verrückteste Idee rational erklärt und jederzeit spannend im Sinne von Suspense bleibt, und die vorzüglichen beiden Hauptakteure, sorgen für einen Film, der sich nicht nur mit internationalen Spannungsbesten messen kann, sondern wie eine Mischung aus Lolita und Bunuel prächtigst anmacht und unterhält. Aber wie sagte doch Gerard eingangs in seinem Vortrag: “Ich lüge die Wahrheit! Solange, bis ich selbst nicht mehr weiß, ob etwas wirklich passiert ist oder nicht. Und da fängt es an, interessant zu werden. Was man aus der Wirklichkeit machen kann, ist tausendmal interessanter als die Wirklichkeit selbst!“.
Gibt es ein besseres Plädoyer für das Kino… (= 4 ½ PÖNIs)?