Zero Dark Thirty Kritik

ZERO DARK THIRTY“ von Kathryn Bigelow (USA 2011/2012; B: Mark Boal; K: Greig Fraser; M: Alexandre Desplat; 156 Minuten; Start D: 31.01.2013); das Drehbuch war fast fertig, die Hauptszenerie um die Jagd nach dem „Top-Terroristen“ Osama bin Laden, basierend auf einem Buch mit dem Titel „Kill Bin Laden“, sollte der Angriff um Tora Bora sein, als Alliierte Streitkräfte im Osten Afghanistans – nur drei Monate nach den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001 in New York – dort in einem Höhlenkomplex Osama bin Laden vergeblich vermuteten. Als in der Nacht zum 2. Mai 2011 Osama bin Laden auf seinem Anwesen in Abbottabad, nordöstlich der pakistanischen Hauptstadt Islamabad, von einer US-Spezialeinheit der „Navy Seals“ getötet wurde, mussten Kathryn Bigelow & Mark Boal umdisponieren. Beide arbeiteten schon in Bigelows Davor-Film „The Hurt Locker – Tödliches Kommando“ zusammen. Der Film über Bombenräumer der amerikanischen Armee im Irak war 2010 für 9 „Oscars“ nominiert gewesen; KATHRYN BIGELOW gewann als erste Frau den Regie-„Oscar“, MARK BOAL, New Yorker des Jahrgangs 1973, erhielt den „Oscar“ für das „Beste Original-Drehbuch“ zugesprochen. Jetzt musste ihr Drehbuch für das neue Projekt durch die aktuellen Geschehnisse komplett umgeschrieben werden.

ZERO DARK THIRTY, der Titel steht für die militärische Zeitangabe von 00.30 Uhr, jenem Moment, als der Angriff der Navy Seals begann. Am 2. Mai 2011. Der Film aber setzt „vorsichtig“ am Dienstag, den 11. September 2001 ein. Während die Leinwand dunkel bleibt, hören wir in einer Collage verzweifelte Stimmen von Eingeschlossenen im brennenden World Trade Center. Der Ausgangspunkt für die Jagd. Auf Terrorchef Osama bin Laden. Zwei Jahre nach diesen Ereignissen wird die junge zielstrebige CIA-Analystin (mit dem kryptischen Namen) Maya (der kommende Weltstar: JESSICA CHASTAIN) in die US-Botschaft nach Islamabad entsandt. Vorrangige Aufgabe, Spuren nach dem Gründer und Anführer der Terrorgruppe al-Quaida ausfindig zu machen. Dabei ist sie zuallererst bei der so genannten „Waterboarding“- Folterung eines Gefangenen mit-dabei, von dem man sich Hinweise erhofft. Hinweise überhaupt. Es ist wie das Stochern in einem riesigen Heuhaufen in dem Bemühen, dort jene grausame Nadel zu finden, die sich als Osama bin Laden versteckt. „Zero Dark Thirty“ handelt in der Folgezeit vorwiegend davon, wie ein mächtiger Apparat sich um Namen, Adressen, Handynummern, also jedwede verwertbare Informationen – „Rohstoff der Geheimdienstarbeit“ („Süddeutsche Zeitung“) -, bemüht. Und vor allem – WER bekommt von diesem Apparat ein „Gesicht“? Eingangs ist es der Profi-Folterer Dan (JASON CLARKE), auf den das Geschehen blickt, um sich dann dieser eher zierlichen, meist ruhigen, sehbar deutlich unterschätzten Maya zu widmen. Ihrer akribischen Schnüffel-Arbeit, die auch nach Fehleinschätzungen, Rückschlägen und kollegialem Misstrauen nicht „aufhört“. Weitermacht. Immer weitermacht. Entschlossen- zäh wie stur ermittelt. Während die Terror-Anschläge weitergehen (in London auf einen Bus; auf das besonders von Ausländern besuchte Marriott-Hotel in Islamabad) und die einheimische Politik zwischen geballter Wut, Verunsicherung und Hysterie reagiert. Schließlich existiert eine erste heiße Spur, die aber nicht 100%ig bestätigt werden kann. Zögerlichkeit macht sich bei den Verantwortlichen breit. Was Maya zur Weißglut treibt. Denn sie ist sich absolut sicher, Osama bin Laden in seinem mächtigen Versteck endlich entdeckt zu haben. Die richtige Nadel gefunden zu haben.

Terrorismus. Heute: Name für Krieg. „Ersatz-Krieg“. Während in „The Hurt Locker – Tödliches Kommando“ fiktionale Figuren in der realen Kriegswelt des Irak „unterwegs“ waren, verfolgt der neue Film von Kathryn Bigelow einen ganz anderen Ansatz: Verbindet unterkühlte Action mit prickelnder, faszinierender Reportage, um daraus ein packendes, aufwühlendes Drama zu gestalten. Um die tatsächlichen Jagd-Fakten. Auf Osama bin Laden. Besonnen als überwältigendes, detailgetreues Fakten-Movie und letztlich dann gigantisch kino- spannend, wahnsinnig aufregend, obwohl der Ausgang klar ist: Als düster – beklemmendes, kalt – atmosphärisches, „kaum auszuhaltendes“ Thriller-Meisterwerk. Unfassbar emotional, quasi in finaler Echtzeit ab- und auslaufend. Dabei VIEL sagend, noch mehr be-denkend, ohne ideologisches Positionspapier oder heldenhafte Klingeltöne.
„Zero Dark Thirty“ oder – was für eine Urgewalt von intelligentem Aktualitäts-Kino! „Zero Dark Thirty“ wirft ein neues Licht auf diese verdeckten, auf die geheimen, unheimlichen Korridore, die im Krieg gegen den Terror vorhanden und beschritten werden. Handelt vom außergewöhnlichen Handeln vieler sowie von zahlreichen Grenzsituationen, in denen übliche (demokratische) Regeln, vor allem Moralregeln, nicht mehr gelten. Können? Dürfen? Müssen? WIR sind gefragt.

Sie sind, was sie arbeiten. Privates zählt nicht. Gar nicht. Existiert wohl auch überhaupt nicht. Diese Entweder-Oder-Situation. Geordnete Arbeitszeiten, lächerlich. Sie sind Tag und Nacht an „ihrem Fall“ dran. Wie die besessenen Detektive in den klassischen Hollywoodkrimis. Maya ist extrem konzentriert, hochintelligent und definitiv energisch. Für JESSICA CHASTAIN, „vermutlich am 24. März 1977 in Sacramento/Kalifornien als Jessica Howard geboren“ (“Wikipedia“), die Tochter eines Feuerwehrmanns und einer veganen Chefköchin, startete in ihrer Karriere 2011 durch, als sie in Filmen wie „Take Shelter“, „The Tree of Life“ (als Ehefrau von Brad Pitt) und als naive, unsichere Blond-Ehefrau in „The Help“ (erste „Oscar“-Nominierung) „auffiel“. Hier IST, ZEIGT sie Maya. Sagenhaft gut. Wirkt außerordentlich präsent, zugleich auch distanziert, lieber in der „zweiten Reihe“ agierend, um SO unauffälliger recherchieren und Schlüsse ziehen zu können. Weniger lautstark. Wie es an der politischen Bürokratenfront sonst üblich ist. Jessica Chastain gräbt mit ihrer Kraft und Ausstrahlung eine Maya-Persönlichkeit hervor, die in ihrer enormen charakterlichen Zwiespältigkeit emotional bannt. Obwohl oder obwohl sie gerade sie mehr bodenständig denn heroisch kämpft. Mit ganz viel innerer Leere am Ende. Ein überragendes „tragendes“ Spannungserlebnis ist der faszinierende Auftritt von Jessica Chastain. Die zweite „Oscar“-Nominierung trifft es. Voll und ganz. Der erste „Oscar“ ist in Reichweite.

KATHRYN BIGELOW, inzwischen souveräne 61, ist 1 Meter 82 groß und fühlt sich thematisch in der „eigentlichen“ Männer-Domäne von Hollywood, mit Thrill, Action und toughen Helden, sehr wohl. Mit IHREN Heldinnen. Mit 30 drehte sie das Biker-Drama „Die Lieblosen“ (mit Willem Dafoe). In dem Cop-Thriller „Blue Steel“ setzte sie 1989 Jamie Lee Currtis als Polizistin auf einen Serienkiller an. Zwei Jahre darauf schleuste sie Keanu Reeves als Undercover-Agent in „Gefährliche Brandung“ in die Surfer-Szene ein. Vor „The Hurt Locker – Tödliches Kommando“ hetzte sie in dem Kalten-Kriegs-Thriller „K-19 – Showdown in der Tiefe“ Harrison Ford und Liam Neeson auf einem russischen U-Boot aufeinander. „Zero Dark Thirty“, in Indien und Jordanien gedreht, ist ihr Meisterstück. Tönt nicht blind, sondern argumentiert. Ständig. Heftig. Lässt uns Zuschauenden „mitmachen“. Teil haben. Mitfühlen. Mitdenken. Positionen verwerfen, wieder in Frage stellen, neu definieren. Ihr Film ist ungemein bilder- atmosphärisch lebendig. Mitunter Personen- verwirrend, als permanentes Hab-Acht-Gefühl. Konsequent ohne tatsächliche oder gedankliche Show-Plastik, dafür mit sehr viel spürbarer Nerven-Energie. Grandios in der Detail-Recherche. Und, vor allem: Ohne Sieg und Sieger. Also authentisch. Brutal.

„Zero Dark Thirty“ ist ein sensationeller wie zugleich beängstigend- unterhaltsamer, noch lange nachhallender Suspense-Film zu unseren Zeiten (= 4 ½ PÖNIs).

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