Wolfen

WOLFEN“ von Michael Wadleigh (USA 1981; 115 Minuten; Start D: 09.09.1982).

“Die Gesellschaft ist dumm. Sie sät die Saat ihrer eigenen Zerstörung. Man lässt mich Filme machen, weil sie Geld bringen. Diese Filme aber fördern gleichzeitig die Revolution“, sprach Regisseur Michael Wadleigh anlässlich der Präsentation seines Films “Woodstock“ bei den Filmfestspielen in Cannes im Jahre 1970. “Woodstock“ aber sollte auf lange Zeit sein einziger Film-Erfolg bleiben. Jetzt kommt Wadleigh mit einer neuen Arbeit ins Kino. Einer, in der von Revolution, von Frieden und Liebe nicht mehr die Rede ist. “Wolfen“ ist eine ebenso phantastische wie realistische Horrorgeschichte. Über das Leben und Sterben im Dschungel der Großstädte. Voll Enttäuschung und Pessimismus erzählt Wadleigh vom Terror, von Drogensucht und der Gewalt, und von der selbstzerstörerischen Arroganz des Menschen, der die Natur vernichtet hat.

Der Titel ist irreführend, obwohl er Thema bestimmt. Aber was wir bislang
im Kino als “Wolfen“ gesehen und erlebt haben, waren geheimnisvolle mythische Rituale, unter denen Menschen sich zu Werwölfen oder sonstigem Schauergetier verwandelten. Nichts davon hier. Erwarten Sie bitte nicht eine neuerliche herkömmliche Klamauk-Fantasy, dies hier ist etwas völlig anderes, etwas völlig neues. 1978 erwarben die Produzenten Rupert Hitzig und Alan King die Filmrechte an einem ungewöhnlichen Horror-Roman: “The Wolfen“ von Whitley Strieber. Das Ungewöhnliche war dabei, dass der Autor seine Geschichte nicht aus neutraler Erzählersicht beschrieb ‚ sondern aus der Sicht der Geschöpfe um die es hier geht. Filmisch ist so etwas nicht neu, denn mit der “subjektiven Kamera“ sind viele berühmte Sequenzen entstanden, beispielsweise die Eingangsszene in John Carpenters “Halloween“, wo die Kamera die Augen des Jungen interpretiert, der seine Schwester meuchelt. So ähnlich hier, aber auch nur “so ähnlich“, denn Robert Blalack, der für seine Trick-Kombinationen in “Krieg der Sterne“ einen “Oscar“ bekam, erfand ein neues Seh- und Farb-System: die “Alienvision“.

Szene für Szene, Meter für Meter, Bild für Bild nahmen
Blalack und sein Team den Streifen auseinander, um die einzelnen Bildelemente mit Hilfe verschiedenartigen Filmmaterials und einer Reihe von Filtern einzufärben. Dann setzten sie die Teilbilder, bei Nachtszenen bis zu sieben, bei Tagaufnahmen zwischen zwölf und fünfzehn Elementen, wieder zu einer einzigen Bildwirkung zusammen. Herausgekommen ist dabei eine Art Infrarot-Blick, der die dunkle Nacht taghell macht, ein absolutes Gehör verschafft und die Fähigkeit der Jäger unterstützt, die Emotionen ihrer Opfer farblich unterscheiden zu können. Waren früher die subjektiven Kamerablicke Momentsache, so erleben wir sie hier minutenlang und faszinierend und spannend wie noch nie zuvor im Kino.
Dabei fängt alles ganz normal, ganz so wie bei einem herkömmlichen Spannungserlebnis an.

Luxus-People in großer, schwarzer Limousine, Chauffeur, der Schampus fließt auf den hinteren Sitzen. Amüsement im großen Stil . Plötzlich fliegt ein Gegenstand an die Windschutzscheibe. Der Wagen fährt weiter, der Schrecken ist bald schon verflogen, schließlich Halt an einem Park. Das Pärchen will die letzten Meter bis zur Wohnung zu Fuß gehen Längst aber signalisierten (für uns) Kamera und Musik Gefahr, und dann passiert genau das, was erwartet werden durfte, die Beiden werden ermordet, ebenso der Fahrer. Schnitt, klar, die Polizei rückt an. Alles wie gehabt. Aber die bestialische Art und Weise, wie hier getötet wurde, lässt auf keinen
Routinefall schließen. Und die Opfer waren auch keine Allerweltsmenschen. Christopher Vanderveer war ein
einflussreicher New Yorker Finanzmagnat, einer der Mächtigsten dieser Region, der zurzeit die Finger an einem riesigen Bauprojekt in der Bronx hatte. Mit der Aufklärung wird Dewey Wilson (Albert Finney) beauftragt, ein längst desillusionierter Beamter, der manchmal so aussieht, als wären ihm sechs Lastwagen übers Gesicht gefahren.

Monate war er nicht im Dienst, hatte erst private, dann alkoholische Probleme, dennoch holt ihn der
Comissionar (Dick O‘Neill; bekannt als “Kaz“-Freund aus der TV-Serie):
“Sie sind doch etwas Besonderes, und ich habe etwas Besonderes“. Zur Seite gestellt wird ihm Dr. Rebecca Neff (Diane Venora), eine auf Terrorismus spezialisierte Psychologin. Denn allgemein wird angenommen, dass hier Terroristen am Werk waren. Obwohl erste Zweifel durch die Autopsie aufkommen: die Verstümmelungen stammen nicht von einer Waffe. Dennoch konzentriert sich zunächst die Suche nach Motiv und Täter erst einmal in Richtung Terrorismus. Und Vanderveeres Konzern kann dabei behilflich sein, besitzt er doch sämtliche technische wie wissenschaftliche Möglichkeiten, um alles und jeden überprüfen und analysieren zu
können. Hand in Hand laufen die Ermittlungen mit der Polizei. Auf der Terroristenebene, an der “Verstümmelungsfront“, aber tut sich herzlich wenig. Der Einzige der Militanten aus den Siebzigern, der noch am Leben ist und nicht mit Jeans seine Werbungsmäuse macht, ist ein Indianer, der heute beim Brückenbau arbeitet. Wilson hängt sich an ihn ran und stößt auf erste Spuren. Spuren, die in die Slums der Bronx führen. Wo weitere Tote gefunden wurden, denen man aber bisher keine große Beachtung geschenkt hat. Wen interessiert es denn schon, wenn Asoziale, Penner, Säufer, verkommene Subjekte hier ihr Leben lassen? Abschaum ist weg, und das ist gar nicht einmal das Schlechteste in einem Bezirk, in dem sowieso bald schon die Bagger zur großen Sanierung antreten sollen. Aber wenn der Abschaum auf genau die gleiche Weise getötet wurde wie der “Große Bruder“, dann müssen da Zusammenhänge bestehen. Und sie bestehen.

Wilson, den doch im Grunde kaum noch etwas erschrecken kann, kommt hinter das Geheimnis einer Existenz, von der der Mensch bislang nichts wusste und die ihm völlig überlegen zu sein scheint. Einer Existenz, die sich wehrt und angreift, weil ihre Jagdgründe in Gefahr sind, gab es hier zwei Millionen Wölfe. Heute aber sind es nur noch eintausend im unteren Teil der Vereinigten Staaten. Dafür leben jetzt rund 200 Millionen Menschen in Amerika. Wir haben also die Wölfe ganz tüchtig ausgerottet. Der Film spielt in New York City, in einer Stadt, die zunächst von Holländern besiedelt war, denn die Holländer hatten bekanntlich das Land den Indianern für 24 Dollar abgekauft. Und damit sind wir beim zweiten Thema des Films: Es geht um die Wölfe und um die Indianer, die beide ausgerottet wurden. Als der weiße Mann nach Amerika kam, lebten hier rund vier Millionen Indianer. Heute gibt es weniger als eine halbe Million.

“Ich zeige, wie weit sich der Mensch von der Natur entfernt hat, weil er eben Millionenstädte gebaut hat, die zum großen Teil zu Slums geworden sind. In der südlichen Bronx gibt es einen Bezirk, der von der Polizei ‘Dresden‘ genannt wird, weil es eben dort wie in Dresden nach dem bewussten Bombenangriff aussieht. Dort sieht es so aus, als ob der Mensch bei der Entwicklung seiner wunderbaren Technologie und beim Planen seiner wunderbaren Städte völlig versagt hätte. Es sieht so aus wie das Ende der Zivilisation“, sagte Autor und Regisseur Michael Wadleigh kürzlich in einem Interview in der ZDF-Sendung “Apropos Film“. Sein Horror ist also nicht von herkömmlichem KINO, sondern weit darüber hinaus.

Wolfen ist so etwas wie der erste politische Horrorfilm und somit ein ganz neuer Aspekt und eine neue Erfahrung in der Filmgeschichte. Dass er zudem so handwerklich brillant gemacht wurde und so außerordentlich spannend ist, platziert ihn unter die Ausnahmefilme des Fantasy-Genres in. Und dass ihn die Amerikaner nicht angenommen haben, spricht zudem für diesen ersten großen modernen Horrorfilm der achtziger Jahre (= 5 PÖNIs).