Der wilde Clown

DER WILDE CLOWN“ von Josef Rödl (B+R; D 1986; 103 Minuten; Start D (Internationale Filmtage in Hof): 01.10.1986)

Da liebt einer seine Heimat und leidet um so mehr an ihr. Der gelernte Handwerker, Bauernsohn und Filmemacher Josef Rödl, der 1949 in
Darshofen als zweites von sechs Kindern des Dorfschmiedes von Darshofen geboren wurde, einem 450 Leute-Dorf in der Oberpfalz, macht mit dem Begriff und der Suche nach “Heimat“ ernst. Seine Geschichten, seine Filme, sind denn auch zwangsläufig in dieser abgeschiedenen Region angesiedelt, ohne provinziell zu sein. Er machte bisher in zehn Jahren fünf, von denen drei ins Kino gekommen sind. Alle haben sie mit seinen “zwischen den Welten“ zu tun. Rödl versucht das umzusetzen und mitzuteilen, was er erfahren, was er erlebt hat. “Albert – Warum?“, sein Kinodebüt, war d i e Überraschung auf den Filmfestspielen auf der Berlinale 1979. Über die Geschichte eines vermeintlichen Dorf-Deppen, der an der Engstirnigkeit und Gemeinheit seiner kleinen, aber bestimmenden Umwelt zerbricht, meldete sich Rödl zu Wort und fand sofort Interesse, ja (über-)große Anteilnahme. Rund ein Jahrzehnt später ist aus dem Depp ein ganz und gar Unangepasster in dieser Heimat namens Bundesrepublik geworden.

Der leidet nur noch nach innen und lästert insgeheim über diese verkommene Welt. Er heißt schlicht Jakob, aber im Bewusstsein der sich in der Nähe aufhaltenden Amerikaner nennen ihn alle nur Jack. Das sei schicker und moderner. Jack also wird Fahrer bei einem Bauunternehmer. Der spekuliert mit dem bayerischen Manhattan, benötigt aber dazu noch das Häuschen der kranken Tante von Jack. Folglich bekommt Jack einen angemessenen Job als Fahrer, Diener, als Leibeigener. Aber Jack ist ebenso wie der “Albert“ von vor zehn Jahren nicht so blöd, wie ihn die Leute halten. Obwohl ihn “auftragsgemäß“ Janis, die rechte und schönere Hand vom Chef, anmacht, lässt er nicht mit sich reden. Das Häuschen bleibt da, wo es ist und auch in seinem Besitz, dem Chef wird kurzerhand der schicke Cadillac geklaut, und ab geht die Fahrt ins Paradies: Mitten auf einen amerikanischen Truppenübungsplatz, wo Krieg schon zum Alltag gehört.

Hier, in der Grauzone von Noch-Deutschland und Fast-Amerika, nisten sich ein paar letzte Ausreißer und Individualisten häuslich ein: Jack, Janis, die auf den Geschmack von sauberer Umgebung gekommen ist und die Fronten gewechselt hat, die kranke, stumme Alte und noch ein Penner-Kamerad von Jack, der Paule, ein ruhiger Stichwortgeber und Genießer. Eine alte Lady versorgt sie heimlich mit dem Nötigsten, denn sie ist die letzte Überlebende in dieser Region, durch die nun tagtäglich Granaten fliegen und Panzer rollen. Amerika, lange Nachkriegsjahre der ewige Traum von Freiheit und Reichtum, ist Wirklichkeit geworden. Und gespenstert doch noch immer in den Köpfen herum als Symbol für den Neuanfang, den endgültigen Heimat-Ausstieg. Janis möchte da hin, Jack weiß gar nicht mehr, wo er hin will und hingehört. Sie heiraten dort in den smarten Ruinen, während die Tante still stirbt. Die alte Dame wird zur Beute der Militärpolizisten, Paule hebt sich wieder in den städtischen Rinnstein ab, Janis und Jack ziehen ein letztes Mal zum Chef, um abzurechnen. Aber solche Leute können und sollen gar nicht richtig abrechnen. Womit auch? Sie sind kleine Staubkörner, die mit einem kurzen Schlag beseitigt werden, wie man ihre Heimat mit einer kurzen, aber herzlichen finanziellen Transaktion, “bereinigt“ hat. Hoffnung? Weiß nicht. Trotz aller Niederschläge ist man bei Typen wie Jack und Josef Rödl nie ganz sicher, dass sie irgendwann wieder einmal ausrasten. Und wieder so ein Gefühl für die Oberpfalz kriegen, nicht nur ihre Heimat.

Die Welt ist nur einigermaßen lebenswert und noch interessant, wenn wir “die Verrückten“ beobachten. Sie, die sich einen Dreck um Konventionen scheren und keinen Appetit auf Business als höchste Lebensqualität verspüren, sie sind die schönen, wichtigen Narren dieser Zeit. Sie halten einen Spiegel in die Gegend, an dem wiederzuerkennen und sogar aufzurichten sich lohnt. Der Passauer Kabarettist Siegfried Zimmerschied, eine rote Leuchte im einem verdunkelten Land, spielt nicht zufällig Jakob, den Narren. Ein listiger, verschmutzter Typ, der sich ähnlich wie einst Albert mit der heutigen Artikulation und dem “Ja“-Sagen schwertut. Einer wie Jack besitzt auch noch Phantasie, hat Einfälle, lässt sich nicht so leicht aufs Kreuz legen. Jack, das ist der Wurmfortsatz in der feinen Gesellschaft von heute den es zu beseitigen nicht möglich ist, weil er immer wieder Nachahmer findet. Ein Truppenübungsplatz ist sein Land, sein Rest Heimat. Er beschädigtes, geschundenes, entvölkertes Stück Provinz. Rödls Film stellt die provozierende These auf, wo denn mehr Provinz ist, hier oder andernorts.“Der wilde Clown“ ist eine Art kulturelle Endzeitgeschichte, ohne sich in Lamentieren zu ergehen.
Keine Resignation trotz aller Grobheiten, kein Aufgeben, nur ein Zurückziehen, neue Kräfte sammeln, neuen Anlauf nehmen. Leute wie Jakob und Josef sind einfach nicht kleinzukriegen, Hoffnung ist angesagt.

“Der wilde Clown“ ist nicht so sehr mit dem Verstand, mehr mit den Augen und dem Herz zu sehen. Ein empfindungsreicher, ein lebendiger Film, der von dem verschmitzten/hinterhältigen Charme des Hauptdarstellers lebt. Sein Jack ist die Fortsetzung seines Kabaretts mit anderen Mitteln, abendfüllend wird Druck gemacht, die Wunden vorgeführt, ohne sich in Mitleid oder Aufgabe-Stimmung zu ergehen. Manches ist künstlich, stilistisch ungehobelt,
Wahrheit und Künstlichkeit vermischen sich. Sunnyi Melles als Janis, die derzeit Vielbeschäftigte, war noch in keinem Film so schön von innen und außen, eine Land-Deneuve mit den vielsagenden Augen, eine sympathische Wucht von Zärtlichkeit.

“Der wilde Clown“ ist ein Film, den besonders Brecht heute sehr mögen wurde, ein Film über die Kinder der “Mutter Courage“, die alles schon richten werden, aber einfach nicht erwachsen werden wollen (= 3 PÖNIs).