DER WEICHENSTELLER

DER WEICHENSTELLER“ von Jos Stelling (NL 1986; 96 Minuten; Start D: 26.03.1987)

Frau in rot. In einem Zug. Zerreißt so was wie Tagebuch, ist offensichtlich gelangweilt, müde. Blicke nach draußen in eine wunderbare Landschaft von Bergen, Flüsse, Wälder, Seen, Felder, Wiesen. Offensichtlich eine Reise in ein Paradies, denn so fein und sauber, unberührt und grün gibt‘s nirgend wo mehr eine Landschaft. Der Zug hält, sie schreckt aus dem Schlaf hoch, glaubt sich am Ziel angelangt, steigt aus und muss feststellen, irgendwo auf freier Wildbahn zu stehen. Bevor sie ihren Irrtum korrigieren kann, fährt der Zug ab.

Wie schon bei seinem ersten Narrenspiel “Der Illusionist“ interessieren Stelling Geräusche, Bewegungen, Atmosphäre, atmosphärische Eindrücke, Stimmungen. Worte könnten diese nur zerstören, also werden sie auf ein Mindestmaß reduziert. Die Menschen müssen sich schon über ihren Körper ausdrücken, mit Zeichen, Gebärden, mit ihren Gesichtern und ihren Augen. Pantomime.

Ein kleines Häuschen, mitten in dieser kalten, nächtlichen Wildnis. Ein Mann kommt mit einem Gewehr heraus, ein Schuss löst sich und sorgt für einiges Befremden und Erschrecken. Der Mann zieht sich in das Gebäude zurück. Erst nach Stunden vergeblichen Wartens traut sie sich ins Haus. Sie versucht ihn auf Französisch anzusprechen, vergebens. Der Kerl reagiert kaum, bietet ihr schließlich nur eine Tasse pechschwarzen Kaffee an. Offen sichtlich ein Einzelgänger, Individualist, ein Kauz, der weder Umgangsformen noch Anstand besitzt. Der auf Ratten knallt, die es sich im Raum gemütlich gemacht haben, und ansonsten vor sich hin wurschtelt und auf die paar mechanischen Handgriffe vertraut, die ihm das Überleben ermöglichen. An Verständigung mit ihr, gar Kommunikation, ist er nicht interessiert.
Nachts fällt viel Schnee, sie sitzt hier fest. Er macht weiter seine Arbeit, die aus den routinemäßigen Handgriffen an irgendwelchen Hebeln besteht.

Menschen in der (freiwilligen) Isolation. Kafka-Atmosphäre/Tonlage. In einem Niemandsland begegnen sich zwei. Sie, die Frau aus der Stadt, die sich mit der “Sündenfarbe“ rot umgibt, verlockend wie lockend, er, eine graue Existenz, weltfremd, abgestumpft, desillusioniert. Sie lockt ihn wieder ins Leben zurück, er aber erweist sich als lebensuntüchtig, weil sich auch das Leben nicht mehr motivieren lässt. Nicht zufällig streift sein begehrlicher Blick oft über die wunderschöne Natur so als ob er wüsste, bereits in einem Traum(land) zu leben, das es bald so nicht mehr geben wird. Der Versuch, dennoch zu leben und zu lieben, misslingt kläglich. Am Ende bleibt nur noch der resolute Ausstieg, das Ende, während sie abreist.

Eine tragikomische Ballade mit existenzialistischem Geschmack, allegorische Endzeitgeschichte, die ihren Reiz aus der Chance besteht, sich hiermit einfinden zu lassen, sich als Zuschauer zu beteiligen, seine eigenen Interpretationsformen einzubringen, weil es keine Aufklärung, keine Lösung gibt. Zwar wird immer wieder der Versuch einer Handlung, eine Geschichte aufgenommen, zwar wird auch hier der Nebenbuhler aus der in der Nähe gelegenen Zivilisation eingeführt, doch auch er ist nur Ballast in dieser skurrilen Welt, wo der letzte Kampf um Gefühle ausgebrochen ist. Wo es keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr gibt. Wo Kargheit und Nacktheit herrscht. Weitere Mitwirkende, die sich hierin ab und an verirren, sind stumpfe Kulturvertreter jener Zivilisation, die da draußen liegt, und kommen über die Funktion als Stichwortgeber nicht hinaus.

Sich auf so was einlassen, sich der Stimmung unterwerfen, sich darauf einlassen zu können, ist eine Voraussetzung für diesen Films. Kein Film für Freaks, eher für Lustgewinnler. Die noch Bilder-Appetit vom Kino akzeptieren. Die Phantasie haben und welche aufzunehmen bereit sind. Manchmal erinnert die Szenerie in ihrer Unwirklichkeit auch an ein
Ballett: Musik, Bewegungen, tänzerische Bewegungen, das Leben als Rhythmus, der sich ständig verändert.

ÜBRIGENS: Der einzige Buhmann hier ist ein Beamter, von der Post, der sich als ungehobelter Mensch und Klotz erweist und dafür bezahlen muss. Ein Provinzfaschist klärt das Presseheft auf. Seine Bedürfnisse sind auf das beschränkt was er hier vorfindet.

Europäisches Kino, das sich mit seiner stilistischen Eigenart und seiner erzählerischen Kraft mit sensibler Vehemenz behauptet. Special Effects, langwierige Erklärungen, Tricks und Masken werden hier nicht gebraucht (= 4 PÖNIs).

 

 

 

 

 

 

 

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