WAHL DER WAFFEN

Der französische Regisseur des folgenden Filmes, ALAIN CORNEAU, ist am 30. August 2010 in Paris im Alter von 67 Jahren gestorben.

Corneau, der an der Pariser Filmhochschule studierte, war bereits ausgebildeter Musiker, bevor er 1969 als Regieassistent bei Costa-Gavras („Das Geständnis“) anfing und 1973 als Drehbuch-Autor und Regisseur mit seinen „speziellen“ Spannungsfilmen bei seinem Debütwerk „Tödliche Marke“ loslegte. Von Alain Corneau stammen Filme wie „Police Python 357“, ein Polizei-Thriller mit Yves Montand und Simone Signoret (1976), „Lohn der Giganten“ (1977, ebenfalls mit Yves Montand) sowie die düstere Milieu-Studie „Serie Noire“ (1979, nach dem Jim Thompson-Roman „A Hell of a Woman“; mit Patrick Dewaere), mit der er seinem Vorbild JEAN-PIERRE MELVILLE (1917 – 1973/“Der eiskalte Engel“; „Der zweite Atem“; „Vier im roten Kreis“) SEHR nahe kam. Seinen größten kommerziellen Erfolg erreichte Alain Corneau 1991 mit dem Historien-Drama „Die siebente Seite“ (mit Gerard Depardieu + dessen Sohn Guillaume), der mit gleich 7 „Cesars“, den französischen „Oscars“, bedacht wurde, darunter in den Kategorien „Bester Film“ und „Beste Regie“. 2007 entstand „Le deuxieme souffle“ das Remake des Melville-Dramas „Der zweite Atem“. Der Abschiedsfilm von ALAIN CORNEAU heißt „Le Crime d´Amour“, ist mit Kristin Scott Thomas + Ludivine Sagnier hauptrollenbesetzt und hatte gerade in den französischen Kinos Premiere.

Der Film, um den es aber geht, stammt von 1980 und heißt

WAHL DER WAFFEN“ von Alain Corneau (Co-B+R; Fr 1980; 135 Minuten; deutscher Kinostart: 30.10.1981); Originaltitel: „Le Choix des Armes“.

Ein ganz und gar kühler Gangster-Thriller. Mit der Minimalismus-Atmosphäre eines Jean-Pierre Melville. Monsieur Noel Durieux ist ein guter Bürger. Hat sich mit seiner attraktiven Ehefrau Nicole von der Großstadt verabschiedet und ist auf ein Gestüt aufs Land gezogen. Noel Durieux hat mit seiner groß-kriminellen Vergangenheit längst abgeschlossen, will nur noch ein „vernünftiges“, ruhiges Leben führen. Als gesetzestreuer Bürger. Doch der freundliche, ruhige Ex-Pate muss nochmal „in den Ring“ zurück. Der unverhoffte wie unerwünschte Anlass: Die Begegnung, das Aufeinandertreffen mit dem kriminellen Jungspunt und cholerischen Gefängnisausbrecher Mickey. Der aufbrausende, unbeherrschte Unterschichtentyp taucht eines Tages unerwartet auf, verlangt Schutz und Geld. Wird zu einer üblen Bedrohung. So dass Noel Durieux wohl oder übel „reagieren“ muss. Was fatale Folgen hat.

Ein Meisterwerk von spannendem Thriller. Als phantastischer „Schwanengesang“ des französischen Gangsterkinos der 60er und 70er Jahre. Faszinierend, psychologisch packend, darstellerisch formidabel. In der Variation „Der Alte“ + „Der Junge“ bzw. „Der Aristokrat“ und „Der Proletarier“ duellieren sich YVES MONTAND (59/in einem „typischen“, also beeindruckenden, souveränen JEAN GABIN-AltersPart) und GERARD DEPARDIEU („hitzige“ 32) geradezu magisch = aufregend, (rollen-)verachtend, virtuos. Während zwischen den Beiden die wunderschöne CATHERINE DENEUVE auf ihre unnachahmliche erotische Blickweise und in ihrer wunderbar-mondän-coolen Körpersprache brilliert.

So entwickelt sich ein jazziger Kammerspiel-Thriller mit außerordentlichem, bestechendem „Frost-Geschmack“. Und mit dem typischen Hauch von feinem wie „gruseligem“ Anti-Bourgeoisie-Gefühl der abgelaufenen 70er Protest-Epoche. Will heißen: „Wahl der Waffen“ wirkt durchaus auch als pessimistisches Sozialdrama. Marke – die ewige wie vergebliche Bürger-Suche nach dem zivilen Glück.
„Wahl der Waffen“ ist ein grandioses, zeitloses MEISTERWERK (= 4 1/2 PÖNIs).