Tödliche Entscheidung

TÖDLICHE ENTSCHEIDUNG“ von SIDNEY LUMET (USA 2007; 117 Minuten; Start D: 10.04.2008); ein deutscher Allerweltstitel, der aber „Programm“ ist, also (inhaltlich) stimmt. Der Originaltitel ist aber auch „nicht ohne“: „Before The Devil Knows You´re Dead“; basierend auf einem irischen Trinkspruch, der da sinngemäß lautet: WIR SIND ALLE SÜNDER. UND ALS SÜNDER SOLLTE MAN SCHON IM HIMMEL ANGEKOMMEN SEIN, BEVOR DER TEUFEL MERKT, Dass MAN TOT IST!“ Das Drehbuch stammt von KELLY MASTERSON, einer Theater- und Drehbuch-Autorin aus New Jersey; dies hier ist ihr 1. ORIGINAL-Drehbuch. Der Regisseur ist ein Altmeister aus Hollywood, der 2005 den „Oscar“ für „sein Lebenswerk“ bekommen hat: Sidney Lumet, Jahrgang ´1924, also mit 83 Jahren einer der ältesten aktiven Filmemacher in den USA ist. Dessen Bestenliste Klassefilme umfaßt wie „Die 12 Geschworenen“ (1957/“Goldener Berlinale Bär“); „Ein Haufen toller Hunde“ (1965); „Der Anderson Clan“ (1971/mit Sean Connery); „Serpico“ (1973/Al Pacino); „Mord im Orient-Expreß“ (1974/Albert Finney); „Hundstage“ (1975/Al Pacino); „The Verdict – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ (1982/Paul Newman); „Family Business“ (1989/Sean Connery/Dustin Hoffman); „Der Manchurian Kandidat“ (2004 mit Meryl Streep) und zuletzt „Find Me Guilty“ (Berlinale 2006/Vin Diesel), der hierzulande unlängst mit dem deutschen Zusatztitel „Der Mafiaprozess“ als DVD herauskam.

Eigentlich ist ALLES gar nicht so schlimm…geplant. DA ist dieses kleine Juweliergeschäft am Stadtrand. Mit der älteren Verkäuferin. Maske aufsetzen, rein, SIE ein wenig einschüchtern, das Glitzerzeugs und die Dollars greifen, ´raus, und weg. Das ist es. DIE sind versichert, es gibt keine Opfer und eigentlich auch keine Verlierer. EIGENTLICH. ANDY Hanson ist ein erfolgreicher Unternehmensberater. Der viel Geld verdient, aber auch ständig ausgibt. Und noch mehr für seinen kostspieligen Lebensstil (Drogen/junge Ehefrau/Reisen) benötigt. Bruder HANK ist notorisch blank, auch nicht ganz „so helle“, der geborene Loser, kann kaum die Unterhaltszahlungen für seine Tochter aufbringen. Der Überfall als Hoffnung auf kommende, fortwährende paradiesische Privatverhältnisse. Das Problem: Bei dem Juweliergeschäft handelt es sich um das Geschäft der eigenen ELTERN. Aber wie gesagt, es ist ja alles „felsenfest“ geplant. Doch dann befindet sich nicht die alte Verkäuferin im Laden, sondern die Mama. Und die denkt gar nicht daran, klein beizugeben. Wehrt sich. Die schreckliche Folge: 2 Tote. Und der ganze schöne Coup entwickelt sich fortan immer mehr zum Alptraum-danach bzw. -drumherum.

Ein außergewöhnlicher, ein ganz exzellenter, ein brillanter Thriller. Als Familien-Drama, das immer und immer und immer böser wird, aus dem Ruder läuft in Sachen Ausloten der MENSCHLICHEN ABGRÜNDE. Lumet inszeniert SHAKESPEARE. Der Königshof ist die Familie, der wütende Vater tritt als Rache-Patriarch auf, dessen Schmerz über den Verlust der Frau ihn wahnsinnig-wütend ausflippen läßt. Nicht wissend, dass er die eigenen Söhne jagt. Dabei geht es hier um vergleichsweise „normale Menschen“, aus der weißen amerikanischen Mittelschicht. Also handelt es sich hier weder die „geborenen Kriminellen“ mit ihrer ständigen, elektrisierenden kriminellen Energie noch um die „typischen Kinoschurken“, denen man ihre Hässlichkeit bereits von weitem ansieht. „Menschen wie du und ich“ verstricken sich durch Gier in eine unaufhörliche und nicht mehr zu bremsende SPIRALE DES VERDERBENS. Mit viel „Dr. Jekyll/Mr. Hyde“-Geschmack aus der Wohlstandsecke.

Das kommt außerordentlich spannend, grausam-aufregend, hochgradig atmosphärisch und psychologisch stimmig wie stimmungsvoll `rüber: Menschen, die sich nicht mehr unter Kontrolle haben; die ihr moralisches Schutzschild völlig zerstören, die den Teufel in sich „gewähren“ lassen (müssen). Natürlich funktioniert der Film deshalb so überzeugend, weil die Akteure so überragend mitwirken: Der geniale und innerhalb kürzester Zeit bereits zum zweiten Male so wunderbar zu erlebende, zu bestaunende 41jährige „Oscar“-Preisträger PHILIP SEYMOUR HOFFMAN („Capote“/2006 + zuletzt „Der Krieg des Charlie Wilson“) beweist erneut seine darstellerische Ausnahme-Qualität in Sachen Ausdruck: ER ist in Körpersprache, Mimik, Bewegung, Sprache ein überragendes, ein geradezu phänomenales Naturtalent; für mich ist Hoffman inzwischen DER ORSON WELLES der Gegenwart.

An seiner Seite beeindrucken und laufen ebenfalls zur spielerischen Höchstform auf: ETHAN HAWKE („Oscar“-Nominierung als Denzel-Washington-Partner in „Training Day“/2001; „Before Sunset“ + „Before Sunrise“/2004 bzw. 1995) als schwacher Bruder Andy sowie der „König der Felsen-Seele“ ALBERT FINNEY (Julia Roberts Anwalt-Chef in „Erin Brockovich“) als Vater, Witwer und Rache-Satan. WIE das hier zusammengefügt, erklärt, erzählt, erdacht wird, besitzt brillante Thriller-Seelen-Klasse; ist durchweg spannungsgeladen wie kraftvoll und faszinierend.

„Tödliche Entscheidung“ zählt zu den BESTEN, zu den Muss-Filmen in dieser Kino-Saison!!!!! (= 5 PÖNIs).