THE FLORIDA PROJECT

„THE FLORIDA PROJECT“ von Sean Baker (B + R; USA 2016; K: Alexis Zabé; M: Lorne Balfe; 115 Minuten); ER hat schon einmal überrascht: mit einem ungeheuerlichen Movie. Ungeheuerlich deshalb, weil an Authentizität und intime Nähe kaum zu überbieten. „Tangerine L.A.“ hieß damals der Spielfilm (s. Kino-KRITIK), der sowohl die Dreh- wie auch die Sichtweise von Kino veränderte. Auf diesem verblüffenden, faszinierenden und vor allem realen Unterhaltungslevel geht es nunmehr weiter. Dabei befinden wir uns diesmal im sonnigen Florida. Wo es natürlich auch eine andere Seite von „Existenz“ gibt als die von Luxus und touristischer Sonne & Wonne. Obwohl sie auch bunt daherkommt, sogar ganz schrecklich pink-farbig. Nur wenige Meilen entfernt vom Eingang zur Traumfabrik „Disneyworld“ wächst die sechsjährige Moonee (BROOKLYNN PRINCE) bei ihrer junge Mutter Halley (BRIA VINAITE) auf. Mit ihrem abenteuerlichen kindlichen Blick nimmt sie noch nicht wahr, dass sie sich fast am sozialen Abgrund befinden. Ihr Aufenthalt im pinkigen „The Magic Castel Motel“ ist ein letzter möglicher zivilisierter Halt. Hier wohnen die, die sich gerade noch einen immer wieder verlängernden Wochen-Aufenthalt, aber keine eigene Wohnung leisten können. Menschen, die faktisch obdachlos leben und sich mehr als mühsam – noch – über Wasser halten. Noch. Während die aufgeweckte Moonee diese Umgebung mit ihren gleichaltrigen Freunden als großen ereignisreichen Abenteuerspielplatz betrachten, sich oft dementsprechend austoben und sich dabei auch schon als ziemlich ausgebufft zeigen, sorgt ihre alleinerziehende Mutter, gerade mal Anfang 20, dass mit mal mehr, mal weniger legalen Methoden die Wochen-Miete plus Verpflegung ´reinkommt. Oder sie hängt einfach mit ihrer besten Freundin aus der Nachbarschaft am Motel-Pool ab. Nach dem Motto, das schäbige Leben kann mich‘ mal. Für Moonee allerdings ist ihre Mom die beste Mutter überhaupt; sie hat immer Zeit für sie, verliert nie die Geduld, auch wenn es mal sehr „anstrengend“-dicke kommt. Und umgekehrt: Halley liebt ihre Kleine, was immer sie auch anstellt. Hauptsache, Moonee hat ihre helle Freude am täglichen Treiben.

Wem jetzt Bilder eines filmischen „Sozialplans“ flimmern, liegt daneben. Nicht bei Sean Baker. Er verbietet sich und also auch seinem Werk jedwede Larmoyanz oder tränende Sentimentalität oder traumatische Drama-Ideologie. Das Gegenteil ist der Film-Fall: Baker blickt aufmerksam zu, ohne moralische Rümpfnase oder laute Schuldzuweisungen. Selten ist mit einer solchen groben Selbstverständlichkeit von schäbigem, aber  selbstbewusstem Außenseiter-Dasein erzählt worden. Ein trister Böse-Dauerlauf fehlt gänzlich, obwohl sich hier die soziale Mengenlage als ziemlich schlimm betrachten wie dennoch „fröhlich“ ansehen und empfinden lässt. Dass dies kein Widerspruch sein muss, wird in der Figur des Bobby beschrieben (WILLEM DAFOE / bekam dafür eine „Oscar“-Nominierung), dem Motel-Manager, der als eine Art Vermittler zwischen der rationalen und der „unartigen“ Welt auftritt; immer engagiert, zuhörend und mit viel Verständnis und Empathie auftretend. Ein warmherziger Coach, ein fürsorglicher Beschützer inmitten dieses sonderbaren, eigenartigen Kosmos, in diesem episodenhaften Projekt-Summer in und von Florida.

„The Florida Project“ ist wie ein origineller Dokumentarfilm als packender Spielfilm, der ein erstaunliches Dokument ist. Geradezu aufwühlend verwirrend. Und verblüffend atmosphärisch. Wir werden Teil dieser Welt als würden wir in einem dieser faszinierenden Schmöker blättern, bei denen wir nie wissen, ob es jetzt eigentlich wirklich gestattet ist, sich zu freuen. In diesem Milieu. Und bei „diesen“ Existenzen. Als „eine moderne Version der ‚Kleinen  Strolche'“, so beschreibt der Autoren-Regisseur (im Presseheft) seinen Film „am liebsten“: „In diesen Comedy-Kurzfilmen aus den Zwanziger- und Dreißiger Jahren ging es auch um Kinder, die während der Großen Depression in einer prekären Situation aufwachsen. Ihr ökonomische Situation war die Kulisse – im Mittelpunkt aber standen die aberwitzigen und urkomischen Abenteuer, die die Kinder erlebten“.

Und WIE diese Kinder vor der Kamera auftrumpfen, allen voran die aufgeweckte, zur Zeit der Dreharbeiten sechsjährige „Naturgewalt“ BROOKLYNN KIMBERLY PRINCE als Moonee, ist geradezu ungeheuerlich. Gut.

Das „American Film Institute“ nahm „The Florida Project“ in seine Liste der „Zehn besten Filme des Jahres 2017“ mit-auf  (= 4 1/2 PÖNIs).