THE FAREWELL

PÖNIs:       (4,5/5)

„THE FAREWELL“ von Lulu Wang (B + R; USA 2018; K: Anna Franquesa Solano; M: Alex Weston; deutscher Kino-Start: 19.12.2019); asiatisch-stämmige Amerikaner waren jahrzehntelang oftmals personelle „Beigabe“ in US-Filmproduktionen. Sozusagen „Neben-Personal“. Als Stichwortgeber oder Karikaturen oder Gangster oder Verbrechens-Opfer „im Einsatz“. Seit dem – in den USA – überraschenden Vorjahres-Kinoerfolg mit dem Streifen „Crazy Rich Asians“ hat sich dies offensichtlich verändert, so dass jetzt auch diese gewaltige amerikanische Bevölkerungsgruppe in neuen Spielfilmen bestimmend „vorkommt“. Wie hier. Zudem: Der chinesische Filmmarkt ist für amerikanische Filme in Sachen Verkauf ein immer wichtigerer.

Der Stoff-hier basiert auf autobiographischen Erinnerungen der am 25. Februar 1983 in Peking geborenen Filmemacherin LULU WANG, die seit dem sechsten Lebensjahr in den USA lebt. Sie hat diese Begebenheiten erstmals 2016 in der vom populären Chicago Public Radio produzierten Sendung „This American Life“ in einer 30 Minuten-Episode vorgestellt, unter dem Titel „What You Don’t Know“, und zwei Jahre später innerhalb von 24 Tagen im chinesischen Changchun und in New York als Spielfilm gedreht. Motto: „Based on an actual lie“/“Nach einer wahren Lüge“. Im Blickfang: Billi (die chinesisch-koreanisch-amerikanische Rapperin NORA LUM alias AWKWAFINA), eine etwas verbummelte New Yorker Studentin. Als sie erfährt, dass ihre geliebte Großmutter in China unheilbar an Krebs erkrankt ist, beginnt ein für unsere Augen und Sinne fremdartiges traditionelles Ritual: Man verschweigt innerhalb der Familie den Betroffenen die Diagnose, und führt „mit denen“ weiterhin ein „normales Leben“. Als wäre nichts „davon“ wahr. Eine Hochzeit steht demnächst an, also trifft sich die gesamte Sippe „zufällig“ bei der geliebten wie taffen Großmutter (ZHAO SHUZHEN), um das zu machen, was alltäglich wie üblich ist, wenn man zusammenkommt: Man führt Gespräche, hat mit der Herstellung von vielen köstlichen Mahlzeiten zu tun, wobei – wie nebenbei, zufällig und inspirierend – das Leben im neuen Wirtschaftswunderland China ebenso „verhandelt“ wird wie unangestrengt eingebundene Fragen zu Lebens-Wurzeln, kulturelle Identität und der Ich-Bestimmung von Zugehörigkeit.

Ein entzückender Film. Weil spürbar ehrlich, faszinierend zärtlich, wunderbar unaufdringlich-sensibel. Großartig-einfühlsam vom gesamten Ensemble gespielt. Kulturelle Unterschiede nicht als Problem, sondern als Chance, miteinander ins neugierige Gespräch, in interessierten Kontakt, zu einem lustvollen Zueinander zu gelangen. Ohne: „heulendes“ Problem, dümmliche Vorurteile, ideologischen Hass. Dabei zeigt sich die 31-jährige Billi-Hauptfigur AWKWAFINA, die schon in „Crazy Rich Asians“ mitspielte, als neue begeisternd-empathische Darstellerin, die es – mit Sicherheit – bald als „Aufsteigerin“ im internationalen Kino zu feiern gilt: Dermaßen ausdrucksstark, leise-intensiv wie furios-aufwühlend wusste schon lange keine „Neue“ mehr auf der Leinwand zu überzeugen. Wenn sie, die Billi, mit ihrem Vater auf der pompösen Hochzeit schließlich im Karaoke-Duett „Killing Me Softly“ singt, sind Taschentücher unausweichlich.

Ein Gegen-Star Wars 9-Gebrüll-Film, dessen imponierender wie warmherziger Lebensschicksal-Charme überrascht wie außerordentlich gut tut. „Der Abschied“ ist zum Jahresende eine wunderschöne Kino-Überraschung (= 4 1/2 PÖNIs).

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