Talk to Me Kritik

TALK TO ME“ von Kasi Lemmons (USA 2007; 118 Minuten; Start D: 07.02.2008); die heute 47jährige Tochter eines Biologielehrers und einer Psychotherapeutin debütierte 1979 als Schauspielerin („Das 11. Opfer“/an der Seite von Nicolas Cage). In „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) spielte sie die Rolle der mit Clarice Starling (Jodie Foster) befreundeten Studentin an der FBI-Akademie. Als Drehbuch-Autorin und Regisseurin debütierte sie 1997 mit dem Drama „Eye´s Bayou“ (mit Meagan Good und Samuel L. Jackson). Für diesen Film erhielt sie u.a. den „National Board of Review Award“ als „Beste Regie-Debütantin“ sowie 1998 den „Independent Spirit Award“. 2001 war sie Jury-Mitglied beim renommierten SUNDANCE-Festival.

In „Talk To Me“ lässt sie die 60er Jahre wieder auferstehen und erinnert – in einem packenden Porträt – an einen legendären Radio-Moderator namens RALPH WALDO GREENE, genannt „PETEY“ GREENE. Der sitzt, als wir ihm erstmals Mitte der 60er begegnen, im Gefängnis. Im Rahmen des dortigen Beschäftigungs-/Resozialisierungs-Programms unterhält er zweimal am Tag seine Mitgefangenen mit einem hauseigenen Radio-Knast-Programm. Reißt Witze und plaudert mit seinem Schandmaul über Gott und die Welt. So hört ihn Dewey Hughes das erste Mal, der schwarze Programm-Direktor eines „weißen“ Senders in Washington D.C. Der hier seinen Bruder besucht und von Dewey „angemacht“ wird.

Nach seiner Entlassung begibt sich Greene unverzüglich zu Dewey, um im Sender als Moderator zu arbeiten. Über einige unfreiwillige wie urige Umwege und gegen alle Absichten des konservativen Bosses-hier (CHARLIE SHEEN) gelingt dies schließlich auch, und die afroamerikanische Plaudertasche wird zum Quoten-Hero. Weil er „ganz anders“ in der Öffentlichkeit redet als bis dato bekannt und geduldet, über Ungerechtigkeiten zwischen Weißen und Schwarzen, über Politik, Rassismus, Drogen und Sex. Die 60er Jahre sind „in (die) Bewegung“ gekommen, und „PETEY“ GREENE startet mittendrin nun durch. Als am 4. April 1968 der Bürgerrechtler Martin Luther King erschossen wird und aufgebrachte Schwarze ihrer Wut auf den Straßen freien Lauf lassen, wird Greene zum Sprachrohr der Gewaltlosigkeit. In einer legendär gewordenen Moderation gelingt es ihm, die Stimmung der Bevölkerung zu treffen; der sonst so clowneske, rotzige Ton weicht einer tiefempfundenen, ehrlichen Trauer. Ein Höhepunkt im Leben des Außenseiters, der zum Promi wird. Im Fernsehen auftritt und sogar ins Weiße Haus geladen wird. Doch „Petey“ Greene besitzt auch eine andere, eine selbstzerstörerische, dunkle Seelen-Seite.

Eine spannende, nahegehende Menschen-Geschichte. Die weitgehend auf Rührseligkeiten verzichtet, dafür mit viel stimmungsvoll-überzeugender 60er Jahre-Atmosphäre und mit einem phantastischen Darsteller-Ensemble aufwartet. Aus dem die beiden Führungsakteure herausragen: Der aus Kansas stammende DON CHEADLE (einer der Mannen um Danny OCEAN alias George Clooney in „Ocean´s Eleven/Twelve/Thirteen“; „L.A. Crash“/wurde 2005 mit dem „Oscar“ als „Bester Film“ bedacht; „Hotel Ruanda“/“Oscar“-Nominierung als „Bester Hauptdarsteller“) und CHIWETEL EJIOFOR aus London, der Sohn nigerianischer Eltern, der erstmals im Woody-Allen-Film „Melinda und Melinda“ (2004) auffiel und kürzlich in den Genre-Filmen „Children Of Men“ und „American Gangster“ (von Ridley Scott) mitspielte.

Cheadle saugt sich förmlich in die Figur des „Petey“ Greene hinein, präsentiert sie in allen (und nicht nur sympathischen) Facetten, übertreibt nicht, wirkt – vor allem auch körpersprachlich – absolut authentisch wie glaubwürdig. Ejiofor überzeugt als Mentor und Freund, der den Erfolg „seiner Entdeckung“ genießt und ausbauen möchte und dabei an eigene (Lebens- wie Identitäts-)Grenzen stößt. Ein beeindruckendes „Paar“. Klasse-Außenseiter-Kino, mit exzellenter Unterhaltungsdichte und feinem Außenseiter-Charme (= 4 PÖNIs).