STEIG. NICHT. AUS!

„STEIG. NICHT. AUS!“ von Christian Alvart  (B + R; D 2017; K: Christoph Krauss; M: Christoph Schauer; 105 Minuten); ich erinnere mich gerne an einen deutschen Kino-Thriller: „Die Katze“ von Dominik Graf (mit Götz George/s. Kino-KRITIK), der 1988 ein Erfolg sowohl beim Publikum (mehr als 1,3 Millionen Kinobesucher) und auch bei der Kritik war. Ich erwähne dies deshalb, weil im Fernsehen tagtäglich dutzende von Krimis laufen und dem deutschen Krimi-Kino dieses Thema „abnehmen“. CHRISTIAN ALVART, 43, sowohl TV- wie auch Kino-Regisseur und Drehbuch-Autor, zuletzt mit dem Til Schweiger-„Tatort“-Kinofilm „Tschiller: Off Duty“ im Februar 2016 gescheitert, traut sich jetzt was. Setzt einen neuen deutschen Spannungsfilm in Bewegung, der das Prädikat „Spitzen-Nervenkitzel“ absolut verdient. „STEIG. NICHT. AUS!“ zählt zu den herausragenden deutschen Thriller-Produktionen der letzten Jahre. Geht einem wunderbar-prächtig an und auf die Nerven.

1. April 2017. Karl Brendt (WOTAN WILKE MÖHRING) ist erfolgreicher Bau-Unternehmer in Berlin. Verheiratet. Mit Simone (CHRISTIANE PAUL). Es ist ihr 15. Hochzeitstag. Zwei Kinder, Josefine, 12 (EMILY KUSCHE), und Marius, 7 (Carlo Thoma). Wegen des Hochzeitstages ist er früher aus München zurückgeflogen – wo es an Bord, hübscher Einstiegs-Gag, schon ziemlich „turbulent“ zuging. Doch im trauten Villa-Heim sind zwischenmenschliche Anspannungen spürbar. Gattin Simone wirkt genervt. Zudem scheint es für Karl mögliche Schwierigkeiten mit dem bzw. beim letzten Geschäftsauftrag zu geben. Um ein bisschen auf andere Gedanken zu kommen, übernimmt er die Fahrt für die Kinder zur Schule. Will mit ihnen wenigstens „so“ etwas kontakten.

Und der Horror kann beginnen. Mit dem Titel als Programm: Ein Anruf. Auf dem Mobiltelefon. Jemand mit verstellter Stimme. Motto: Karl, steig ab sofort nicht aus dem Auto aus. Denn: Man sitze auf einer Bombe. Die zündet, sobald irgendjemand aussteigt. Geld. Natürlich geht es um Geld. Und zwar um präzise 67.547 EURO. Vom privaten Konto. Sowie um weitere 450.000 Mäuse vom Business-Konto. Ab sofort herrscht Alarmstimmung. Mit Panik-„Charme“. Natürlich permanent und sich mehr und mehr steigernd im Wagen, wo die Kinder natürlich zunächst nur „Bahnhof“ verstehen, hysterisch reagieren. Aber mehr und mehr auch „draußen“, als sich einschalten: Polizei, angeführt durch einen ekligen Hardliner-Kommissar namens (nicht Heinz, sondern) Fritz Drache (ALEKSANDAR JOVANOVIC), und eine besonnene Sprengstoff-Expertin (HANNAH HERZSPRUNG). Ein fiebriger Jagd-Mechanismus setzt sich in bösen Gang. Mit nunmehr viel Personal und handfesten technischen Gerätschaften. Währenddessen wird der kleine Bub Marius bei einer schlimmen „Aktion“ verletzt, blutet, müsste dringend ins Krankenhaus.  Aber, ich sag’s nicht nochmal, kommt aus dem Hörer, Karl, du weißt was du zu tun hast und – bleibt im Wagen. Das Karl-Handy glüht inzwischen.

Es geht heiß zu. In der Hauptstadt. Ein verzweifelter Mann im fahrenden Auto, seine zwei aufgewühlten Kinder, eines davon mehr und mehr in gesundheitlicher Gefahr; das alarmierte Draußen-Umfeld; die sich zuspitzende Nervosität hier wie dort; und die Fragen, die sich stellen. Wer was warum und überhaupt: Ist alles tatsächlich „so“ „klar“ wie wir das aufnehmen oder kommen auch andere Handlungs-Möglichkeiten in Frage? Schließlich benötigt Karl, wie sich herausstellt, bares Kapital, und seine Ehefrau ist ja auch gerade dabei, sich von ihm „abzunabeln“? Und da sind ja auch noch die deutlichen Aussagen ihres Anwalts.

WOTAN WILKE MÖHRING, 50, der seit 2013 beim ARD-„Tatort“ als Bundespolizist Thorsten Falke in Norddeutschland herumwuselt und zuletzt im Kino mal grottig, in „Lammbock“, mal pfiffig-komisch, in „Happy Burnout“, auftrat, läuft hier zu grandioser überzeugender Höchstform auf. Gibt emotional alles. Kann auf gute Ensemble-Mitstreiter als Stichwortgeber bauen und hat zwei junge Darsteller an seiner Seite, die – vor allem EMILY KUSCHE als enorm unter Druck befindende, angespannte Tochter Josefine – unglaublich gut = dicht mitspielen. Prima zu überzeugen vermögen.

Der Film: Aufregung-pur. Nicht nur für einige Minuten, um dann verquatscht zu werden, sondern ständig. Christian Alvart, der Autoren-Spielleiter, vermag es, für eine ununterbrochene, nie abbrechende Ganzheitsspannung zu sorgen. So dass mitfiebern, rätseln, also dranbleiben, erste Kino-Sesselpflicht ist. Sind dann die letzten Einstellungen auch ein bisschen zu Ami-Film-dick, und kriegt auch der unsympathische Kommissar nicht seine – verdiente – optische  Abreibung, wird doch der Unterhaltungsauftrag übererfüllt: STEIG. NICHT. AUS!“ ist nach langer Zeit endlich einmal wieder exzellentes deutsches Kino-Spannungsfutter. Marke: Großartig gelungen (= 4 PÖNIs).

P.S.: „Steig. Nicht. Aus!“ übrigens ist die Adaption des spanischen Thrillers „El Desconocido“ von Dani de la Torre aus dem Jahr 2015, der hierzulande am 1. Oktober 2016 als VoD, als Video-on-Demand (Abrufvideo), unter dem Titel „Anrufer unbekannt“ herauskam. Also bei uns – noch – weitgehend unbekannt ist. Was sich ja jetzt ändern könnte.