Sonntags…nie! Kritik

SONNTAGS … NIE!“ von Jules Dassin (B, D+R; Griechenland/USA 1960; 91 Minuten; Start D: 09.09.1960; DVD-Veröffentlichung: 19.07.2005)

Die ersten, allerdings schwarz-weißen Bilder sehen aus wie ein Video-Clip zu “Griechischer Wein“ ohne Udo Jürgens. Man sitzt gemütlich in einer Hafen-Pinte von Piräus beieinander, die Arbeiter, die Musiker, die Ober, die Hure und der auf alles ein flinkes Auge werfende geschäftstüchtige Wirt. Man singt, tanzt, ist ausgelassener Stimmung: eine kleine, abgeschiedene Welt der Zufriedenheit und der Lebensfreude. In die nun mittenmal der amerikanische Intellektuelle Homer (JULES DASSIN) wie eine Zeitbombe einbricht. Er, der Aristoteles, Plato und Sokrates im Kopf hat, ist auf der Suche nach „seinem“ Griechenland. Dem Land der Dichter und Denker, der Tugend und des Anstands, der Bildung und der weisen Philosophie. Und er ist bestürzt, als er anstatt Götter Säufer, anstatt edlen Jungfrauen kecke Dirnen, anstatt Himmel die profane Erde vorfindet. Aber was so ein richtiger, engagierter Bildungsbürger und Kulturkolonialist ist, der lässt nicht locker. Diese “verkehrte Welt“ muss korrigiert, muss zu den “reinen“ Ursprüngen zurückgeführt werden, schließlich wurden schon ganz andere Völkerscharen zivilisiert. Allerdings – wie verändert man Leute, denen ihr Leben “so“ ganz offensichtlich ausreicht, ja sogar Vergnügen bereitet? Die Lösung heißt: Bildung. Die Vermittlung von puren, klaren Fakten. Also plustert sich Homer vor der schönen Ilya (MELINA MERCOURI) auf, einem schönen Liebling der Gemeinde, die für griechische Tragödien schwärmt, die sie allerdings gerne dabei eigeninterpretiert.

Homer lockt vollmundig mit Shakespeare und den Grundbegriffen der Algebra und mit außerordentlich feinen Cellosonaten. Ilya ist beeindruckt, beginnt zu pauken und ihre Umgebung zu vernachlässigen. Bis herauskommt, dass hierbei auch ein schäbiger, stadtbekannter Zuhälter seine finanzielle Hand mit im eifrigen Lern-Spiel hat. Der will endlich die lästige, aufsässige Konkurrentin loswerden und sieht seine Chance über Homer gekommen. Aber er hat sich genauso verrechnet wie Homer, der ganze faule Intelligenz-Test platzt wie eine Seifenblase. Wein, Weib und Gesang ist wieder angesagt, und ein trauriger, aber immerhin auch nachdenklicher gewordener Homer fährt in seinen amerikanischen Olymp zurück.

Der als Sohn jüdischer Russland-Emigranten im Dezember 1911 in Middletown, Connecticut, geborene Jules Dassin, der im New Yorker Stadtteil Harlem aufwuchs und 1940 nach Hollywood kam, wurde nach dem Kriege mit seinen sozialkritischen Gangsterfilmen (“The Naked City“ / “Night and the City“) bekannt, bevor er 1951 (auch) das Opfer der antikommunistischen Hexenjagd des berüchtigten Senators McCarthy wurde und nach Frankreich emigrierte. Wo er bekanntlich 1954 sein Gangster-Meisterwerk „Rififi“ schuf, was ihn endlich unabhängig werden ließ. Durch die Bekanntschaft mit Melina Mercouri entdeckte er Griechenland als zweite Heimat und drehte dort mit ihr 1959/60 “Sonntags…nie!“ (im Original: „Pote Tin Kyriaki“). Der nicht nur die Mercouri weltberühmt machte, ihr den Darstellerpreis in Cannes 1960 und ihrem Titelsong den „Oscar“ brachte, sondern der auch für einen weltweiten touristischen Griechenland-Boom sorgte. Verschwiegen werden dürfen aber auch nicht die einstigen Gegner des Films, die hier Tabu-Schmerzen bekamen. “Die Lebenssicht des Films wurzelt in heidnischer Freizügigkeit“, sorgte sich im September 1960 der katholische “Film-Dienst“.

Heute, nach über 25 Jahren, wirkt dieser Schwarz-Weiß-Schlager in seiner Kulturpolitik außerordentlich modern: Da kommt ein Amerikaner daher, natürlich damit zugleich auch ein Weltverbesserer, und will “anständige Kultur“ verbreiten. Auf fremdem Territorium will er “die frohe Botschaft“ verkünden. Und weil sich die Einheimischen begriffsstutzig und gar trotzig zeigen, müssen eben ein paar Tricks und Hartnäckigkeit helfen, die Moral und das Bildungsniveau auf “amerikanische Höhen“ zu transportieren. Ein Amerikaner als Apostel, der die Glücksseligkeit mitschleppt, das war schon ein starker Tobak trotz all‘ dieser Folklore-Unterhaltung um Liebe und Triebe. Und die Hiebe, die Homer für seine unverfrorenen, draufgängerischen Attacken entgegenschlugen, gingen natürlich nicht nur an sein Auge, sondern waren auch aufs Sternenbanner gerichtet. Allerdings ist das heute noch viel deutlicher zu interpretieren
als damals, wo die Mercouri mit ihrem Körper und ihrem Song begeisterte und das Ganze als: ereignisreiches Vergnügen triumphal umjubelt wurde.

Heute: Ein Film wie ein guter Wein. Er ist gereift im Laufe der Jahre und steht eigentlich jetzt erst in seiner vollen Blüte (= 4 PÖNIs).

Anbieter: „MGM Home Entertainment“