Sein letztes Rennen

SEIN LETZTES RENNEN“ von Killian Riedhof (Co-B + R; D 2012; Co-B: Marc Blöbaum; K: Judith Kaufmann; M: Peter Hinderthür; 115 Minuten; Start D: 10.10.2013); dass mal ein deutscher Film für eine faustdicke Überraschung gut ist, überrascht schon. Und erfreut SEHR. „Sein letztes Rennen“ ist emotionales Gänsehaut-Kino pur. Mit wunderbarem, weil anrührendem viel Pathos. Marke: Wir trauen uns mal was! Eine Art „Sportlerfilm“ wie die Amis zu fabrizieren. Mit viel Gefühl und noch mehr Sinn. Und einem 77jährigen DIETER HALLERVORDEN als Marathon-„Rocky“. Unglaublich! Großartig! PRIMA.

Der „Didi“ ist bei Hallervorden längst passé. Dennoch wird Didi natürlich – weil DER ja immer noch unvergessen ist und im Fernsehen rauf und runter wiederholt wird („Palüm, palüm“ / „Nonstop Nonsens“) – gerne im Zusammenhang mit dem Komiker, Kabarettisten, Schauspieler, Theaterchef und Autoren Dieter Hallervorden „vereint“. Was völliger Nostalgie-Nonsens ist. Vor nicht allzu langer Zeit erst hatte Dieter Hallervorden zwei verblüffend „ernste“ Nebenauftritte in den Filmen „Das Kind“ (Film allerdings war fürchterlich) und in der pikanten, aber ebenfalls kaum vom Publikum wahrgenommenen Groteske „Das Mädchen und der Tod“ (s. KRITIK). Mit diesem Film hier aber kehrt der vielseitige Künstler DIETER Hallervorden nach über zwei Jahrzehnten (zuletzt: „Alles Lüge“/1991) mit einer überragenden Spielfilm-Hauptrolle auf die Kino-Leinwand zurück. In einem prächtigen Alterswerk, mit dem er sich ein triumphales Comeback leistet. Und Denkmal setzt. Hallervorden spielt Paul Averhoff. Ein ehemaliges Marathon-As. Der 1956 bei den Olympischen Spielen in Melbourne „Gold“ holte. Seitdem ist er eine Leichtathletik-Legende. Die inzwischen aber wie natürlich in die Jahre gekommen ist. Weil es Tochter Birgit (HEIKE MAKATSCH) als viel herumfliegende Stewardess leid ist, sich um ihre Eltern immer „intensiver“ kümmern zu müssen, sorgt sie dafür, dass ihre Eltern sich „freiwillig“ in ein Altersheim begeben. Wo Feierabend ist mit einem selbstbestimmten Alltag. Und Da-Sein. Ein starres Reglement ist hier verordnet. Sowohl bei der täglichen Nahrungsaufnahme (püriertes Essen) wie dann auch bei den ebenso ständigen wie läppischen Bastel- und Singestunden. Paul ist entsetzt, Ehefrau Margot (TATJA SEIBT) egal- zufrieden. Während SIE längst (sich) aufgegeben hat, will er „noch einmal was Richtiges tun“. Und beginnt wieder mit dem Laufen. Plant eine Teilnahme am Berlin-Marathon. Was im Heim für „erhebliche Unruhe“ sorgt. Eigendynamik ist hier nicht gerne gesehen. Doch Paul zieht sein Ding konsequent durch. Selbst Rückschläge können ihn nicht aufhalten. Ich will, also mach‘ ich, lautet sein Credo. Heim-Chefin Rita (KATRIN SASS) sieht ihre Hausordnung in Gefahr, hat aber gegen den starrsinnigen Sturkopf einen passablen „Gegner“. Während „Die im Heim“ sich so langsam aus ihrer Apathie herausschälen. Denn Paul zieht seine Runden konsequent durch. Wie ein aufsässiges Rebellenkind. Was für allgemeine Belebung sorgt. Da fliegt offensichtlich „Einer über das preußische Kuckucksnest“…..

Scharfe Gedanken. Nummer 2 zuerst: Die Situation mit den Alten. HIER. Mit deren Umgang, wenn sie die häusliche, also räumliche Freiheit aufgegeben haben. Aus gegebenem kränkelndem Anlass aufgeben mussten. Dieses plötzliche Angepaßtsein- Sollen. Diese nunmehr dauerhafte Bevormundung, obwohl sie keineswegs entmündigt sind. Diese Backebackekuchen-Behandlung, um sie „ruhig“ zu stellen. Dieser Stillstand durch Disziplin. Um einer „Ruhe“ wegen. Besser: Bequemlichkeit. Stichwort: Dieses Verwalten von alten Menschen. Als deren Entrechtung. Wie mit altem Gerät: Es ist zu nichts mehr nutze, zu gebrauchen, also wird es weggeworfen. Das Heim als zivilisierte Müllhalde. Wo Vorschriften, Zeitvorgaben, erzwungene Gemeinschaft, Einheitsbrei (püriertes Essen), dümmliche Betäubungstätigkeiten an der Tagesordnung sind. Wo Individualität nicht akzeptiert und schon gar nicht auf Bedürfnisse Einzelner eingegangen wird. Das Leben hier als genormtes, abartiges Warten auf den Tod. Kein Einspruch möglich. Oder? DOCH. Scharfe Gedanken Nummer 1: Paul Averhoff ist (noch) nicht so platt. Er besitzt noch „eigene Gedanken“ und vermag diese auch verständlich auszudrücken. Der Gedankengänger als renitenter (Nach-)Fragesteller. Und dann Läufer. Vor dem Haus wird gejoggt. Trainiert. Die körperliche Form erprobt. Ertüchtigung in Angriff genommen. Ganz selbständig. Ohne „Genehmigung“. Und warum denn auch nicht? Laufen ist doch in jedem Alter erlaubt. Ob „so“ wie Paul es noch mal angeht auch gesund, steht auf einem ganz anderen Plan. Aber Paul Averhoff „macht“. Zieht sein Laufding durch. Seit wann bedarf simples Laufen einer Erlaubnis? Die Leiterin wie die kirchlich angesäuerte „Spaßvermittlerin“ für die Oldie-Gemeinschaft hier sind erst beunruhigt, dann sowieso dagegen und schließlich ob der „Auswirkungen“ entsetzt. Ordern einen Amtsarzt herbei. Es wird tragikomisch. Mit viel Wutcharme. Und sarkastischen Pointen. Motto: Wenn Paul läuft. Zu Hochform aufläuft.

Natürlich DIETER HALLERVORDEN, Jahrgang 1935. Er kreiert Paul Averhoff. Vor allem körpersprachlich. Als sich „wehrender“ MENSCH. Der keinesfalls gewillt ist, sich auf den letzten Lebensrunden „amtlich“ vorschreiben zu lassen, was „man“ darf, soll und was nicht. Der dabei nicht als Alters-Held auftritt, sondern als verletzter, betroffener, aber immer noch denkender, willensstarker wie visionärer Opa. Mit Aussetzern, Zweifel und einiger Resignation. WIE Dieter Hallervorden diesen Paul zu seinem Averhoff gestaltet, ist absolut überzeugend, glaubwürdig, nahegehend. Sensibel, listig, brüchig. Power- intensiv. Also unglaublich sportlich. Dabei immer auf dem Grad des LEISEN Humors balancierend. Ohne Klamauk und Maskeraden. Es ist ein voller Seh- und Empfindungs-Genuss, plötzlich DIETER HALLERVORDEN („Ich bevorzuge den Unruhestand“) als famosen Spitzenschauspieler zu erleben. „So“ ausgiebig facettenreich zu genießen.

Mit dieser wahrhaftigen Interpretation und Darstellung seines Paul Averhoff hat er für das Kino sein riesiges Alterswerk geschaffen. ER adelt diesen seinen Film zu einem der besten deutschen Leinwandwerke der letzten Jahre hoch. Und versammelt zugleich bärenstarke, weil erstzunehmende Stichwortgeber um sich herum wie die gebrochene „Ehefrau“ TATJA SEIBT, wie die resolute, aber nie bösartige Heimchefin KATRIN SASS, wie den aufmüpfigen wie lässigen „Pfleger“ FREDERICK LAU, wie den heim-tückischen Opportunisten Rudolf alias OTTO MELLIES, wie die unruhige Tochter HEIKE MAKATSCH mit ihren „ungeordneten“ privaten Emotionen. Ein beeindruckendes Ensemble. Bloß mit der „bedauerlichen“ ANNEKATHRIN BÜRGER als dauerstänkernde, stets übellaunige Frau Mordhorst, die ihrem Sohn schon mal Nazi-Lieder auf den AB schnorrt, damit der von ihr doch mal wieder (Besuchs-)Kenntnis nehmen möge, weiß Co-Autor und Regisseur Kilian Riedhof nicht viel anzufangen. Da wären noch einige formidable Pointen durchaus drin gewesen. Apropos: KILIAN RIEDHOF. Kino-Debütant. 1971 im hessischen Seeheim-Jugenheim geboren. Für seinen Fernsehfilm „Homevideo“ wurde er 2001 mit dem „Deutschen Fernsehpreis“ und im Folgejahr mit dem „Adolf Grimme-Preis“ belobigt. 2008 hatte er, gemeinsam mit seinem Co-Autor Marc Blöbaum, mit dem düsteren Münsteraner „Tatort“-Krimi „Wolfsstunde“ großartige atmosphärische Spannung erzeugt. Beide fanden auch hier wieder zusammen und haben einen äußerst wirkungsvollen, weil emotional kraftvollen deutschen Kinofilm geschaffen. Der sich ab und an und vor allem am Ende etwas in den Nebensträngen figurenmäßig verhaspelt (private Tochter-Szenen darf man vergessen, weil völlig überflüssig), was aber letztlich völlig wurscht ist. Wenn Dieter Hallervorden als Paul Averhoff (mit der Startnummer 17840) ins Marathon-Ziel im Berliner Olympiastadion wankt, bleibt kein Auge völlig trocken. Endlich einmal besteht ein deutscher Film unbedingt darauf, auf der Klaviatur von prächtigen Gefühlen kino-like zu spielen. Auf sie stark zu setzen. Mit einer gescheiten Geschichte drum herum.

Was für ein Hit ist dieses deutsche Kino-Erlebnisvergnügen! Los, sich trauen, sich ansehen. Unbedingt! (= 4 ½ PÖNIs).