Samba Traoré Kritik

SAMBA TRAORÉ“ von Idrissa Wedraogo (Co-B + R; Burkina Faso/Fr/Schweiz 1992; 85 Minuten; Start D: 19.8.1993).

43. Internationale Filmfestspiele Berlin im Februar dieses Jahres. Das Wettbewerbsprogramm ist ein informatives, interessantes Spiegelbild der internationalen Film-Szene. Innenansichten: War die Pressekonferenz nach der Vorführung des Hollywood-Schinkens “Malcolm X“ von Spike Lee gestern noch überfüllt, ist heute der Besuch nach der Vorführung des afrikanischen Films “SAMBA TRAORE“ eher dürftig. Und auch die wenigen Fragen der Journalisten an den Regisseur und Co-Autor Idrissa Wedraogo sind eher von Belanglosigkeit und Desinteresse gekennzeichnet. Denn: Der 39jährige Wedraogo hatte es “gewagt“, keinen der üblichen Kulturfilme zu drehen, sondern einen afrikanischen “Krimi“ zu inszenieren mit psychologischem und sozialem Hintergrund. Das verstörte/irritierte. Prompt musste er sich Vorwürfe von wegen ‚Ausverkauf der Kultur‘ oder ’simpler Genre-Kost‘ gefallen lassen. Der Regisseur aber blieb geduldig und konterte klug: Auch wir müssen unsere Bilder über spannende Geschichten transportieren und – warum eigentlich nicht? Die Hauptsache ist doch: Einen guten Film zu machen, der die Leute interessiert! Die Jury der diesjährigen Berlinale sah das genauso und zeichnete “Samba Traoré“ mit einem “Silbernen Bären“ aus.

“Samba Traoré“ ist der 5. Spielfilm des Regisseurs. International und auch hierzulande ist der afrikanische Cineast kein Unbekannter. Vor Jahren lief bei uns sein zweiter Spielfilm “Yaaba“ mit beachtlichem Erfolg in den Off-Kinos, außerdem ist er seit Jahren ständiger Gast auf internationalen Festivals. Idrissa Wedraogo, Jahrgang 54, ist in Burkina Faso geboren. Studierte Film in der Hauptstadt Wagadugu und dann in Kiew und Paris. Dort machte er 1985 seinen Abschluss, und dort lebt er heute die meiste Zeit. Wedraogo ist filmisch “westlich“ geprägt, ohne dabei aber seine Identität aufzugeben und seine Herkunft zu verleugnen. „Samba Traoré“ ist nicht nur der Titel seines neuen Films, sondern auch der Name seines Helden.

Der überfällt gemeinsam mit einem Freund eine Tankstelle in der Stadt. Der Freund kommt dabei um, Samba gelingt mit einem Koffer voller Geld die Flucht in sein Dorf. Dort angekommen, will er “Büße“ tun. “Gute“ Buße. E kauft seinem Vater eine Herde Rinder. Und mit seinem alten Freund Salif beginnt er, eine kleine Bar zu bauen. Und: Endlich kann er sich der schönen Witwe Saratou nähern. Sie heiraten, doch dann werden die dunklen Schatten der Vergangenheit immer größer. Als Samba seine Frau wegen der zu erwartenden Komplikationen bei der Geburt Kindes in die Stadt begleiten soll, kommt es zum Eklat.

“Samba Traoré“ porträtiert das Leben in einem afrikanischen Dorf. Aber eben nicht aus der exotischen Sicht eines weißen Besuchers, sondern aus dem inneren Blickwinkel eines Einheimischen. Wedraogo setzt diese einfache Geschichte mit viel Poesie und feiner Ironie um. Die Anordnung der Personen zueinander und zur Landschaft sowie die ruhigen Kamerabewegungen: Das ist klar strukturiertes, packendes Erzählkino. In dem übrigens zumeist die Frauen die stärkeren Personen besetzen und auf intelligent-sinnliche Weise den eigentlichen Ton angeben. Und: Da wird eben nicht mit dem moralischen Zeigefinger belehrt, sondern hier werden Menschen mit ganz unterschiedlichen Charakteren und Eigenschaften beschrieben und spannend identifiziert. “Samba Traoré“ ist ganz einfaches und dennoch handfestes, solides KINO. Aus Burkina Faso. Dass solch ein Film aus einem der ärmsten Länder der Welt stammt, verwundert… und dann doch wiederum nicht.

Burkina Faso, bis 1984 Obervolta genannt und in der Sahelzone liegend, ist 7 ½-mal größer als die Schweiz und nur unwesentlich größer als die ehemalige Bundesrepublik-West. 8 Millionen Menschen leben dort, von denen 90% in der Landwirtschaft tätig sind. Obwohl eines der 10 ärmsten Länder der Welt spielt Burkina Faso in der afrikanischen Filmszene eine bewundernswert aktive Rolle. 1970 bereits verstaatlichte die Regierung sämtliche Kinos, die zwei französischen Monopolfirmen gehörten. Es wurde eine nationale Filmgesellschaft gegründet und überhaupt: FILM wurde zu einem nationalen Anliegen, zu einem heimischen Kulturgut deklariert. Viele Aktivitäten folgten, zumeist, wie bei “Samba Traoré“ in Co-Produktion mit westlichen Helfern und Freunden.

Wagadugu, die Hauptstadt von Burkina Faso, gilt als die “Hauptstadt des afrikanischen Kinos“: Das Festival des Panafrikanischen Films fand in diesem Frühjahr dort bereits zum 13. Mal statt. Ohne unsere Kultur, so erzählt Idrissa Wedraogo auf der Berlinale, ohne unsere Kultur gibt es keinen richtigen Weg in die Zukunft. Deshalb wurden auch in seinem Land die alljährlichen Wettbewerbe für Musik, Tanz, Literatur und Film zu einem “politischen Aspekt“ erklärt. Trotz der sozialen Missstände und Spannungen. “Wir sind uns bewusst“, so der Regisseur, “dass der Film ein kulturelles Universum, einen kulturellen Raum darstellt, den wir in Besitz nehmen müssen, wenn wir nicht wollen, dass es andere tun“. Eine kulturelle Okkupation wird es in Burkina Faso nicht geben, sagt Idrissa Wedraogo mit einigem Stolz und verweist auf neue Projekte.

“Samba Traoré“ bedeutet für ihn: Hoffnung (= 4 PÖNIs).