Rififi Kritik

RIFIFI“ von Jules Dassin (B+R; Fr 1954; 122 Minuten; Start D: 30.09.1955; DVD-Veröffentlichung: 07.01.2008).

Ich verlange vom Film, dass er mir etwas aufdeckt“, erklärte einmal der Spanier Luis Bunuel, der als Filmregisseur selbst ja ein passionierter Entdecker war. Betrachtet man einmal diesen Gangsterfilmklassiker von 1954 unter diesem Aspekt, so hat dieser damals in der Tat eine ganze Menge bewegt und „entdeckt“. So zum Beispiel das präzise Handwerk für einen zwar sehr anstrengenden, aber auch sehr ungewöhnlichen ‚Bruch‘, der dann auch prompt, folgt man der einstigen öffentlichen (Boulevard)-Meinung, zahlreiche Nachahmer im wirklichen Leben gefunden haben soll. Der Filmtitel, ursprünglich aus dem; französischen Ganovenjargon stammend und so was wie Schlägerei, Randale, Zur-Sache-Gehen bedeutetet, wurde dann auch bald als Begriff, als „Markenzeichen“ für einen besonders ausgeklügelten und gelungenen Coup übernommen und hat bis heute nichts von seiner Sprachgültigkeit verloren. Die hiesige „B-Z“ meldete erst am 27.8.198585 auf ihrer Titelseite: „Rififi im 4. Stock!“

„Du Rififi chez les hommes“ verbindet das für den französischen Unterweltsfilm typische Motiv der Gangsterfreundschaft, das ja später dann Jean-Pierre Melville geradezu perfektionierte, mit dem poetischen Pessimismus des französischen Vorkriegsfilms („Pépé le Moko – Im Dunkel von Algier“). Paris ist kalt, regnerisch, zumeist dunkel. Die Menschen huschen als Silhouetten durch die Gegend, anonym, unwichtig, uninteressant. Toni, der Sanfte (Jean Servais) wird nach fünf Jahren aus dem Gefängnis entlassen und begibt sich sogleich wieder in die Unterwelt, die für ihn die einzige darstellt; und auch die einzige ist, die er versteht, die ihn akzeptiert. Seine Freunde Jo (Carl Möhner) und Mario (Robert Manuel) halten weiter zu ihm, während ihn seine frühere Geliebte Mado (Marie Sabouret) schon einen Monat nach der Haft verlassen hat, um zu einem anderen überzuwechseln. Toni steht vor dem Nichts, muss also noch einmal etwas riskieren um sich für ruhige Alterstage vorzubereiten. Und da kommen Jo und Mario mit ihrem Vorschlag für einen ‚Bruch‘ gerade richtig. Allerdings „verschärft“ Toni die Anforderungen, denn er will sich nicht nur mit den Auslagen in einem Juweliergeschäft begnügen, er will gleich an den Tresor mit all seiner Pracht und Alterssicherung heran. Sie ziehen noch einen Tresor-Fachmann heran, den Italiener Cesar (Dassin selbst), der das Werk vollenden soll und vollendet. Ganz Paris spricht von einem Jahrhundertklau. Dann ist es aber ein kleines Detail, eine ganz kleine Nebensächlichkeit, die mit dem Frauenhelden Cesar zu tun hat, die alles ins Wanken bringt und eine andere Gang auf den Plan ruft. Am Ende stimmt wieder die Moral der guten Bürger, ist aber reichlich ramponiert.

Wie bei den späteren Melville-Filmen „verzaubert“ auch hier schon diese andere, diese Gegen-Welt, die mit der unsrigen nichts zu tun hat, die uns aber doch immer wieder so fasziniert, so interessiert. Wenig Sprache, viel Musik, die Verständigung über Gesten, die wie selbstverständlichen Bewegungen der Freundschaft, der totalen Überein- und Abstimmung;, die immer gleichen Kostüme (korrekte Anzüge, Krawatten, große, schwere Hüte), Rituale in einer Welt der wärmenden Kälte, der Isolierung, mit „anderen“ festen Gesetzen und Gesetzmäßigkeiten, wo Freundschaft und Verrat nah beinander liegen. Drumherum, auch die Frauen, nur exotische Randfiguren, Stichwortgeber.

Der 1911 in Amerika geborene Jules Dassin, der 1940 in Hollywood anfing und nach dem Kriege mit ersten anderen, sozialkritischen Gangsterfilmen aufhorchen ließ, wurde 1951 auch das Opfer der antikommunistischen Hexenjagd des berüchtigten Senators McCarthy und emigrierte nach Frankreich, wo er aber erst drei Jahre später wieder einen, diesen Spielfilm realisieren konnte, der ihm zum neuerlichen Durchbruch und internationalem Erfolg verhalf. Der nach einem Roman von Auguste Le Breton, einem ehemaligen Unterweltler, entstandene Streifen hat in der fast halbstündigen Einbruchssequenz, in der kein einziges Wort fällt und auch keine Musik unterlegt wird, den Höhepunkt. Film- und Erzähl-Zeit sind hierbei nahezu eine Einheit, und Gangster- und Film-Handwerk nähern sich formal dermaßen provozierend zueinander hin, dass zwangsläufig Proteste die Folge sein mussten. Jedenfalls war der katholische ‚Film-Dienst‘ damals ungeheuer sauer und hatte „erhebliche Vorbehalte“ und befand ihn „besonders für Jugendliche ungeeignet“(= 5 PÖNIs).