PÖNIs BLOG (29): BERLINALE

1.) Bin seit 1963 neugierig mit-dabei. Bei der BERLINALE. Erst als privater Interessent, dann, ab 1968, als Anfänger-Kritiker-Beobachter. 2019 ist meine 51. Berufs-Berlinale. 1970 war es, als die Berlinale – auf Anregung des Festival-Leiters und Berlinale-Gründers Dr. Alfred Bauer – eine Jugend-Jury zusammenstellte. Diese sollte eine eigenständige Bewertung der Wettbewerbsfilme vornehmen. Sozusagen – die Wettbewerbsfilme aus kritischer „Nachwuchs-Sicht“. Ich war zu d e r Zeit Mitglied einer Neigungsgruppe (= so hieß das damals wirklich) der DGB-Jugend Berlin. Sie nannte sich „Literarische Mittwochsgesellschaft“, traf sich an jedem Mittwoch im DGB-Clubkeller, um sich auszutauschen über Theater, Film, Kunst und Literatur und um Gäste aus der Westberliner Kulturszene zu begrüßen. Einmal im Monat wurde eine Broschüre mit Themen-Artikeln und Kritiken herausgegeben, Titel: „Pro und Kontra“. Als Vertreter der DGB-Jugend wurde ich in diese Jury berufen (s. Foto oben/ganz rechts/vor dem Zoo Palast). Es war das Rebellions-Jahr. Die 20. Berlinale, eigentlich vom 26. Juni bis zum 7. Juli vorgesehen, wurde zwei Tage vor dem offiziellen Ende wegen des deutschen Ami-Wettbewerbsfilms „o.k.“ von Michael Verhoeven abgebrochen. Präsident George Stevens aus den USA konnte die Mehrheit seiner Jury-Mitglieder dazu bewegen, den Film und dessen Teilnahme am Wettbewerb aus politischen Gründen abzulehnen. Als dies öffentlich wurde, trat die Jury zurück und vergab keine Preise. Was zur Folge hatte, dass plötzlich unsere unabhängige Jugend-Jury in den Berichterstattungs-Fokus rückte: Wir kürten, nicht einstimmig, sondern als Mehrheits-Entscheidung, den – heute als nordischer Kultfilm geltenden – schwedischen Beitrag „Eine schwedische Liebesgeschichte“ von Roy Andersson zum „Besten Film“; Filme wie „Warum läuft Herr R. Amok?“ von Rainer Werner Fassbinder und eben „o.k.“ von Michael Verhoeven hinter sich lassend.

Zwei Jahre später, im Frühjahr 1972, berief mich Dr. Alfred Bauer in die Auswahl-Jury für den nächsten Berlinale-Wettbewerb (23.06.- 04.07.). Ich erinnere mich, dass zu den insgesamt sieben Jury-Kollegen/Innen die hochgeschätzte und sehr angenehme Münchner Journalistin „Ponkie“ (Ilse Kümpfel-Schliekmann), der Berliner „Morgenpost“-Kritiker Dieter Strunz und der SFB-Kollege Kurt Habernoll gehörten. Wir sahen uns im Verlauf der Wochen rund 120 Filme an und entschieden uns dabei für Wettbewerbsbeiträge wie „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ von Rainer Werner Fassbinder, „Pasolinis tolldreiste Geschichten“ von Pier Paolo Pasolini oder „Untersuchungshaft“ von Nanni Loy aus Italien sowie für „The Possession of Joel Delaney“ aus den USA (mit Shirley MacLaine). Für mich war diese – ehrenamtliche – Arbeit in einem solchen Gremium eine erfahrungsreiche Ehre. Sowohl in Sachen Beruf als auch in Sachen prominente Kollegenschaft. Motto: Wie ticken DIE eigentlich? Antwort: Ziemlich normal. Mit angemessenen Eitelkeiten.

Als Dr. Wolf Donner 1977 die Berlinale-Führung übernahm, berief er mich sogleich in seine Wettbewerbs-Auswahljury für das nächste Film-Fest (24.06. – 05.07./das letzte im Sommer), aber leider musste ich aus Zeit-Gründen absagen. Erkenntnis-Fazit jener Jahre: Die kochen alle auch nur mit Wasser; das Einfach-Nur-Zuhören, das Argumente-Austauschen und diese Begegnungen mit äußerst interessanten Leuten war ein spannend-faszinierender Lern-Prozess. Hat mich, als autodidaktischer (= unstudierter) beruflicher Kritiker-Seiteneinsteiger, selbstbewusster werden lassen und geprägt für die kommenden Jahre.

2.) Pöni-MUSIK: „Zweierlei eignet sich als Zuflucht vor den Widrigkeiten des Lebens: MUSIK und KATZEN“ (Albert Schweitzer/*1875 – †1965). Kann ich nur bestätigen. Mit (zwei) Katzen lebe ich schon seit vielen Jahren wunderbar zusammen, und Musik hat mich seit frühester Kindheit und Jugend immer begleitet. Dabei passt mein heutiges Lieblings-Lied der Woche zum obigen („aufrührerischen“) Berlinale-Erinnerungsthema: die Siebziger Jahre. Von 1972 stammt eine provozierende Ballade des österreichischen Chansonniers, Aktionskünstlers, Kulturmanagers, Autors, Dichters und Schauspielers André Heller, der am 22. März 1947 in Wien als Francis Charles Georges Jean André Heller-Huart geboren wurde. Am 1. August 1988 veröffentlichte er die LP „Das war André Heller“ (Motto: „Diese Platte widme ich mir“), auf der er dieses ältere Lied mit-unterbrachte: „KOMM, Heller, KOMM“, in dem es um die gesellschaftliche Vereinnahmung von „Unbequemen“ geht („DU MUSST DICH ARRANGIEREN“). Das heißt, der Text macht Sinn und bestimmt den Spaß, die Musik ist klasse. Der Song ist im Original 4:12 Minuten lang, läuft aber im Video nur über 2:33 Minuten. Offensichtlich war ein „Zensor“ mit dem ebenfalls ziemlich „unartigen“ Clip nicht – mehr – einverstanden und beschnitt diesen rigoros. Deshalb: Nach der kurzen Clip-Besichtigung unbedingt das ganze Lied besorgen – anhören. Es lohnt sich und ist – leider – heute mehr denn je aktuell.

3.) Pöni-LITERATUR: In meinem Vorwochen-BLOG schrieb ich voller Begeisterung über die überragende letzte ZDF-Sendung „DIE ANSTALT“ (Erstausstrahlung: Dienstag, 29.01.2019). Der Zufall will es, dass soeben ein Buch im Verlag „Westend“ des „Anstalts“-Redakteurs und -Autoren Dietrich Krauß auf den Markt gekommen ist; anlässlich: „5 Jahre Die Anstalt“. Titel: „Die Rache des Mainstreams an sich selbst“. Macher, Mitstreiter, Fans und Kritiker äußern sich über das Phänomen Anstalt (beziehungsweise über: „Die Sendung mit der Maus für Erwachsene“).
Im Klappentext heißt es: „Die Anstalt-Satire schafft einen barrierefreien Zugang zur Politik für alle. Nach 45 Minuten ist man oft schlecht gelaunt, aber immer gut unterhalten“. Finde, empfinde: 20 gut angelegte Buch-EURO!

Wünsche eine schöne rebellische Woche. Mit Film UND Musik.

HERZlichst: PÖNI Pönack