THE PAPERBOY

Dies ist der wirklich MERKWÜRDIGSTE Spielfilm seit Ewigkeiten. Eigentlich würde man ihn gerne schon beziehungsweise spätestens nach einer halben Stunde endgültig abstellen, aber – es geht nicht. ES funktioniert nicht. Obwohl dieser Film völlig aus jeder inhaltlichen wie gedanklichen Verständigungsspur gerät und sich im Grunde nie richtig, gesamt, geschweige denn korrekt, jemals oder überhaupt einfängt, muss man dranbleiben. Weil dieser kalkulierte Schweine-Spaß um Sex und Hitze, Hitze und Geilheit, um emotionales Fieber, kriminalistische Auswüchse, brutale Unlogik, um hochinteressantes zivilisatorisches Gesindel einfach so faszinierend „daneben“ wirkt, dass man ihn bald einfach wie unbegreiflich „mag“. Akzeptiert. Als überkandidelten, heißen Groove. Und unbedingt zu Ende erleben will. Was natürlich auch mit seiner gigantischen Promi-Besetzung zu tun hat. Die sich in dieser Schmuddel-Performance mal so richtig „anders“ austoben konnte. Durfte. Jedenfalls erhielt dieser Streifen anlässlich seiner Aufführung im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes im Vorjahr sowohl heftige Buhs wie enorme Standing Ovations:

THE PAPERBOY“ von Lee Daniels (Co-B + R; USA 2012; Co-B: Peter Dexter, nach seinem gleichn. Roman aus dem Jahr 1995; K: Roberto Schaefer; M: Mario Grigorov; 107 Minuten; Heimkino-VÖ: 18.7.2013).

„Beim Sterben ist jeder der Erste“, „In der Hitze der Nacht“ oder „Basic Instinct“ in der schärferen Version winken in die gedankliche Richtung. Lately, Florida, Sommer 1969. Irgendein Typ namens Hillary Van Wetter sitzt in der Todeszelle. Wegen des angeblichen Mordes an einem schweinischen Sheriff. Zwei Journalisten von der „Miami Times“ düsen an. Ein Weißer und ein Schwarzer. Ward Jansen und Yardley Acheman. Ward stammt von hier und holt seinen jüngeren Bruder Jack als Fahrer mit ins Boot. Doch Jack hat nur Augen für Charlotte Bless. Die Verlobte des Häftlings. DEM ist sie zwar noch nie begegnet, aber über „heiße Briefe“ fand man „genüsslich“ zueinander. Die erste Knast-Begegnung jedenfalls sorgt dann auch für eine pulsierende erotische Hochstimmung. Bei der explosiven Charlotte und diesem liederlichen Hillary. Marke: Wir tun es jetzt, ohne uns anfassen zu dürfen. Zu können. Vor allen. Sharon Stone läßt grüßen, aber „Oscar“-Braut NICOLE KIDMAN als „Mama, Highschool-Liebe und sexbesessene Barbie-Puppe“ Charlotte ist eine nunmehr viel schärfere, erstklassige hitzige Schlampen-Sensation. Wie Sie in dieses blonde offengeile berechnende Ortsluder spannend-brachial hineinschlüpft, ist erste Darstellungssahne. Und trägt natürlich erheblich mit dazu bei, dass hier bald alles außer Kontrolle gerät. Vor allem dieser eigentliche Kriminalfall. Der an den Rand der Belanglosigkeit gedrückt wird.

Denn der 43jährige schwarze Schauspieler, Produzent und Regisseur LEE DANIELS, der Filme wie „Monster’s Ball“ („Oscar“ für Halle Berry) und „Der Dämon in mir“ produzierte und bei den Filmen „Shadowboxer“ (2005, mit Helen Mirren) sowie zuletzt bei dem großartigen Analphabeten-Thriller „Precious – Das Leben ist kostbar“ (2009 sechsfache „Oscar“-Nominierung, zwei gewonnen) Regie führte, interessiert sich nur nebensächlich für die inhaltlichen Ausgangsereignisse. Um – war er es oder nicht. Sitzt der Kandidat zu Recht in der Todeszelle oder nicht. Viel lieber seziert er hier seine Menschen. Über Zwischentöne, unorthodoxes Verhalten, exzentrische Bewegungen. Faszinierende atmosphärische Seelen-Tunke. Gespaltenes, groteskes Handeln. Also aus unserer – anständigen – (Bürger-)Sicht. Entwickelt ein quer und durcheinander laufendes Geflecht von Extrem-Emotionen. Setzt auf „liebevolle“ Exzesse. In Sachen der Mensch als Abrundung armseliger interessanter Schäbigkeit. Fuck & Gewalt. Seine Rundum-Bestimmung. Dazwischen, in den Atempausen – das vergebliche, lächerliche Bemühen um „Reinigung“. Am und im Körper. Wer doch überlebt, scheibt am Schluß schließlich einen Bestseller. Und setzt sich ab. Aus dieser Drecksgegend.

Der kürzlich verstorbene Roger Ebert (18. 6. 1942 – 4.4.2013), 1975 der erste Pulitzer-Preisträger für Filmkritiken, einer der bedeutendsten US-amerikanischen Filmkritiker, schrieb in „seiner“ „Chicago Sun-Times“ über dieses beeindruckende Machwerk, dass der Film zwar einen grauenhaften Plot habe, er aber trotzdem „great trash“ sei. Definitiv. Und in der Star-Besetzung = mit der ungeheuerlich überragenden NICOLE KIDMAN („Golden Globe“-Nominierung hierfür) sowie mit MATTHEW McCONAUGHEY, DAVID OYELOWO (nebenrollen-bekannt aus „Der letzte König von Schottland“), ZAC EFRON, SCOTT GLENN und mit einem geradezu wunderbar absurd hässlichen JOHN CUSACK = geradezu prächtig „dirty“.

„Gute Geschmäckler“ seien also filmisch vorgewarnt: Dieser Film ist durchaus auch „was zum Unterhaltungshassen“. Andere finden es sicherlich bemerkenswert, erfahren zu haben, WIE eine Quallen-Attacke im Meer anschließend an Land „medizinisch“ schnell und am besten zu behandeln ist. Viel Vergnügen!

Anbieter: „Studiocanal“