OFFENES GEHEIMNIS

„OFFENES GEHEIMNIS“ von Asghar Farhadi (B + R; Spanien/Fr/Italien 2017; K: José Luis Alcaine; M: Javier Limón; 132 Minuten); Ende letzten Jahres wurde „Todos lo saben“, so der Originaltitel („Alle wissen es“), von Kritikern des Branchenblattes „Variety“ zu den 20 am meisten erwarteten Filmen für 2018 gezählt. Als der Film am 5. April 2018 als Eröffnungsfilm der Filmfestspiele von Cannes lief, war hinterher „Ernüchterung“ annonciert. Darum wie berechtigt:

1.) Der iranische Drehbuch-Autor und Regisseur ASGHAR FARHADI, zweifacher „Oscar“-Preisträger – für „Nader und Simin – Eine Trennung“ (auch „Goldener Berlinale Bär“/2011/s. Kino-KRITIK) sowie für „The Salesman“/2017 -, ein weltweit geachteter, beachteter Filmkünstler.

2.) Drehte zum zweiten Male – nach der französisch-italienischen Co-Produktion „Le passé – Das Vergangene“/2013 – einen Film außerhalb des Irans.

3.) Konnte als Spitzen-Hauptbesetzung das Ehepaar/die Weltstars und „Oscar“-Preisträger JAVIER BARDEM („No Country for Old Men“) & PENÉLOPE CRUZ („Vicky Cristina Barcelona“) verpflichten.

4.) Was soll denn dabei schiefgehen? Leider: so einiges. Zwar schwelgt die Kamera in einem Weinbaugebiet in Kastilien, aber das Personal dort bleibt mager interessant. Laura (Cruz) lebt seit mehr als 16 Jahren in Argentinien und kehrt – mit ihren zwei Kindern Irene und Diego – anlässlich der Hochzeit ihrer jüngsten Schwester zurück in ihr Heimatdorf. Dort hat sich natürlich vieles verändert, auch die Gutsherrenatmosphäre, die ihr starrköpfiger Vater einst verbreitete, ist gewichen. Vor ihrem Ausstieg verkaufte sie einst ihre „Erb“-Parzelle an ihre Jugendliebe, den strebsamen Paco (Bardem). DER ist inzwischen glücklich verheiratet, aber kinderlos. Es stellt sich heraus, dass die Region stark unter der Wirtschaftskrise leidet. Dann geht das Licht aus, und als es wieder leuchtet, ist Tochter Irene (CARLA CAMPRA) verschwunden. Offensichtlich entführt.

5.) Agatha Christie-Stimmung. Innerfamiliäre Panik. Wer war’s und wieso? Viele Verdächtige, das heißt: viele verdächtigen sich gegenseitig, das Umfeld wird mit-einbezogen; die Stimmung schlägt um. Jeder weiß irgendetwas über andere, die Sippe hat sich lange vertragen und beginnt sich nunmehr zu „schlagen“. Zu duellieren. Demaskiert sich dabei. Na dann bin ich ja mal gespannt, wie dies überraschend entlarvt/aufgelöst wird. Von wegen:

6.) Denkste. Auf einen Krimi hat es Asghar Farhadi gar nicht abgesehen. Folglich ist er auch an einer plausiblen, verblüffenden Aufklärung (zu) wenig interessiert. Was enttäuscht. Denn dieses Interagieren der Beteiligten entpuppt sich mehr als heiße Luft denn als prickelnde, hintergründige Suspense. Vielmehr geht es um Eitelkeiten, Geltungssucht und natürlich um Besitz und Ansprüche.

7.) Was als reiz-intensives Melodrama begann, dann zum rätselhaften Krimi mutiert, verblasst schließlich im Gesamtblick als Selterlaune ohne Sprudel. Indem Asghar Farhadi einmal mehr über die Zwiespältigkeit und Charakterlosigkeit von Menschen und ihrem Denken und Handeln eigentlich erzählen möchte, verhaspelt er sich in krimi-technischer Schwerfälligkeit und zunehmender oberflächlichen Gesellschafts-Panorama-Langeweile.

8.) Asghar Farhadi: Ein hochrangiger Filmkünstler, diesmal in/mit einer Schwäche-Phase. (= 2 1/2 PÖNIs).