NUREJEW – THE WHITE CROW

PÖNIs: (4/5)

„NUREJEW – THE WHITE CROW“ von und mit Ralph Fiennes (GB/Fr/Serbien 2017/2018; B: David Hare; K: Mike Eley; M: Ilan Eshkeri; 122 Minuten; deutscher Kino-Start: 26.09.2019); Genies sind – menschlich – oft extrem. Wie auch dieser Rudolf Chametowitsch Nurejew (*1938 – †1993). Sowohl begnadeter Ballett-Tänzer wie auch ein aufbrausender Egozentriker. „The White Crow“, „die Weiße Krähe“, russisch Belaja Worona, beschreibt einen untypischen, außergewöhnlichen Außenseiter. Hier: mit bäuerlicher Provinz-Herkunft. Geboren in der Transsibirischen Eisenbahn wächst er in einer bettelarmen Familie in der sowjetischen Provinz auf, fernab jeder Hochkultur. Doch als seine liebevolle Mutter einmal in der Lotterie Karten für eine Ballettaufführung gewinnt und ihn mitnimmt, ist es um ihn geschehen: Rudolf will Ballett-Tänzer werden. Fortan erkämpft er sich buchstäblich seine Existenz. Seine Identität.

Nurejews beschwerlichen wie eigenwilligen Berufs- wie Lebensweg erzählt der britische Schauspieler (der neue „M“ in den James Bond-Filmen) und Regisseur RALPH FIENNES in seinem (nach „Coriolanus“/2011 und „The Invisible Woman“/2013) dritten eigenen Spielfilm; wobei Fiennes auch die Rolle des (legendären) Ballettmeisters Alexander Puschkin übernahm. Spiel-Ort, Ausgangspunkt: Paris im Mai 1961. In der Hochphase des Kalten Krieges reist das Leningrader Kirow-Ballett (heute: Mariinski-Ballett) in den Westen. Unter ihnen: der 22-jährige Tänzer Rudolf Nurejew (OLEG IVENKO). Der sich alles andere als „unauffällig“ gegenüber den Aufpassern verhält. Nurejew setzt sich dauernd ab, erkundet Paris, „so viel wie möglich“, geht in den Louvre, um Géricaults Gemälde „Das Floß der Medusa“ zu betrachten. Rudolf will in den verbleibenden fünf Wochen so viel Hochkultur aufsaugen wie möglich. Dabei überschreitet er oft die Anweisungen seiner „Reiseleiter“, freundet sich mit Künstlern an, zieht durch Restaurants, Nachtclubs, besucht Partys. Kostet das freie Glück seiner Bisexualität aus. Dabei begleiten ihn (und uns) Erinnerungen an seine Kindheit in der Provinz und Jugend in Leningrad, als er sich – erfolgreich – unter großen Druck setzte, um sich dann von einem Ensemble-Talent zu einem der besten und umjubelsten Ballett-Tänzer entwickeln zu können.

Doch Rudolf Nurejew war offensichtlich zwiegespalten, mal ein Jekyll, mal der Hyde. Mal der begehrte Künstler und Liebhaber, mal als aggressiver, ungehaltener und beleidigender, rebellischer Tölpel unterwegs. Der 22-jährige russisch-ukrainische Tänzer und Schauspieler OLEG IWENKO taucht mit Extrem-Charisma in dieses Ausnahme-Talent mit Diven-Touch ein und vermag zudem mit viel tänzerischer Präsenz zu überzeugen. Ralph Fiennes inszenierte nach einem Drehbuch des britischen Spitzen-Dramatikers DAVID HARE („Der Vorleser“; „The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit“) und sorgt schließlich für immense Hitchcock-Spannung auf dem Flugplatz, als Nurejew mitbekommt, dass seine Offiziellen ihm „an den Kragen“ wollen und er deshalb eine Für-Immer-Entscheidung treffen muss. Eine Nervenschlacht beginnt.

Ein Genie will „nur“ frei sein. Politik interessiert ihn dabei nicht. Doch seine Freiheit will erkämpft sein. „Nurejew – The White Crow“ ist sowohl im Innern wie auch Nach-Außen-Hin ein vorzüglicher intimer Spannungsfilm; unterhält richtig gut (= 4 PÖNIs).

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