NO TURNING BACK

NO TURNING BACK“ von Steven Knight (B + R; GB/USA 2013; K: Haris Zambarloukos; M: Dickon Hincliffe; 85 Minuten; Start D: 19.06.2014); ab und an tauchen SIE auf, die Total-Solisten: „Helden“, die einen ganzen Film lang ALLEINE bestreiten müssen. Gefangen in einem Sarg unterhalb der Erdoberfläche wie Ryan Reynolds in „Buried – Lebend begraben“ (2010) oder wie damals Tom Hanks (jedenfalls die meiste Film-Zeit über) allein auf einer einsamen Insel in „Cast Away – Verschollen“ (2000) oder vor einigen Wochen der großartige Robert Redford auf seiner Yacht als „Unser Mann“ auf hoher See in „All Is Lost“. Und die prächtige Sandra Bullock hatte ja in „Gravity“ vor geraumer Weile die meiste Zeit auch alleine im All ums Überleben zu fighten. Lauter spannende Solisten, zu denen sich nun TOM HARDY als Bauleiter Ivan Locke gesellt. In diesem dramatischen EIGENTLICH-Movie.

Denn Ivan Locke ist eigentlich ein zuverlässiger Geselle. Kann als hingebungsvoller Ehemann, guter Vater und hart arbeitender Leiter einer Großbaustelle bestens lebens-punkten. Pflichtbewusst lautet sein Name. Eigentlich. Nun aber hat er Mist gebaut. Und will sich der Verantwortung stellen. Befindet sich die ganze filmische „Normalzeit“ über in seinem Auto, auf der Fahrt zwischen Birmingham und London, und bemüht sich, über sein Telefon sein Leben EHRLICH wie kontrolliert in den Griff zu kriegen. Der Typ ist im Suff fremdgegangen. Mit einer Frau, die ihn eigentlich wenig interessiert(e). Eigentlich. Doch Bethan wurde schwanger. Und er hat ihr versprochen, bei der Geburt seines dritten Kindes dabei zu sein. Was er unbedingt einhalten will. Also muss er klären. Erklären. Sich total öffnen. Gegenüber Allen.

Für den nächsten Morgen ist eine Großlieferung von Beton angesagt. Als Fundament für ein kommendes riesiges Gebäude. Eine Herausforderung, die für den gestandenen Ingenieur wie gemacht ist. Eigentlich. Doch dann sagt er seinem Chef ab. Der ihn natürlich feuert. Während er sich vor seinem noch Boss rechtfertigt, versucht er zugleich seinem jungen (überforderten) Kollegen Donal die Verantwortung für die Betonlieferung zu erklären, minutiös zu übertragen. Bethan, die bereits in den Wehen liegt, lässt sich kaum von ihm beruhigen. Während seine Ehefrau Katrina von seinem Telefon-Geständnis entsetzt ist. Parallel halten ihn seine Söhne über den Verlauf des Fußballspiels ihres gemeinsamen Lieblingsvereins auf dem Laufenden. Und natürlich gehören bei einer solchen Station „Lebensaufräumen“ auch die imaginären Zwiegespräche mit seinem verstorbenen Vater dazu, von dessen Fehlern er sich immer abgrenzen wollte. Eigentlich.

Die Nerven liegen blank. Die Seelen poltern. Das fahrende Auto, der Typ drin, sein Telefon. Seine Äußerungen. Die die bisherigen Lebensfundamente sprengen. Völlig umdrehen. Und die Anderen, irgendwo da draußen. An der Hör- und Sprechmuschel. Mit ihren fassungslosen Reaktionen. Weil Locke alles offenlegt. Auf sämtliche Gefahren hin. Die daraus resultieren. Können. Und werden. Aber WARUM, lautet natürlich die philosophische (An-)Spannungsfrage? Wieso nachts, auf der Autobahn, stellt der gut situierte Ivan Locke plötzlich alles Existenzielle in Frage? Will einen neuen Anfang? Und eine ungewisse Zukunft? Wieso? Verdammt nochmal? Will dieser sympathische Kerl mittenmal über sich hinauswachsen und sich quasi „ehrlich“ machen? Die neue Unschuld fabrizieren? Ist das normal? Wir lügen doch alle. Damit es „gut“ weitergeht. Na und?

Und wieso entstehen bei uns permanent Schweißperlen? Und gekitzelte Nerven? TOM HARDY, 36, ist hypnotisch gut. Neulich gab er als bulliger Bane den Schurken-Part in Christopher Nolans „The Dark Knight Rises“ (2012). Derzeit steht er für den vierten „Mad Max“-Film als Titel-Hero vor der australischen Kamera und beerbt dort immerhin Mel Gibson. Hier nun ist er faszinierend eingezwängt. In seiner Karre. Hat in seinem minimalen Kosmos kaum Bewegungsmöglichkeiten. „Hantiert“ nur mit seinem Gesicht. Und seiner Sprache. Doch diese Mixtur, auf engstem Raum fesselndes Ein-Mann-Kino entstehen zu lassen, gelingt. Dank seiner physischen wie psychischen Präsenz. Absolut überzeugend. Packend. Dicht. Über Gesicht, Arme und Pein. Sprich: sichtbare Seele. Ein enormer darstellerischer Kraftakt. Der alte Mann und das Meer war (vor-)gestern, heute heißt es magisch: Der Mann in seinem Auto. Und diese flirrenden, glitzernden Straßen-Motive drum herum. Die für einen kribbelnden Rhythmus reizvoll sorgen; bei dieser fatalen wie faszinierend minimal choreografierten Exkursion durch die Innereien des Ivan Locke.

Autor und Regisseur STEVEN KNIGHT, der 2002 für sein Drehbuch zum Stephen Frears-Film „Kleine schmutzige Tricks“ eine „Oscar“-Nominierung bekam und für sein vorjähriges Regie-Debüt mit dem Jason Statham-Film „Redemption – Stunde der Vergeltung“ eher „gemischte“ Kritiken erhielt (= der Film kam hierzulande nicht ins Kino, sondern wurde gleich im Heimkino veröffentlicht), hat sich bei seinem zweiten Spielfilm imponierend was getraut, wie es sein Kameramann Haris Zambarloukos (im Presseheft) zutreffend beschreibt: „Das interessanteste Fotomotiv der Welt ist ein Gesicht“.

Was für ein ganz und gar ungewöhnlicher Film. KINO kann so wunderbar erstaunlich sein! (= 4 PÖNIs).