Nordkurve

NORDKURVE“ von Adolf Winkelmann (D 1992; 105 Minuten; Start D: 18.02.1993)
Samstag, das wissen wir, Samstag ist Fußball-Tag. Und: Ein „richtiges“ Bundesliga-Fußballspiel, das wird am Samstag um 15.30 Uhr angepfiffen. Das hat Tradition und das ist wichtig, damit sich Tausende von Menschen vorbereiten und auf den Weg machen können. Aber: Der Fußball -Tag beginnt schon sehr viel früher. Zum Beispiel in der Stamm-Kneipe

Zum Fußball gehören mehr als die „11 Freunde“, die miteinander kicken. Denn oft ist das, was sich auf dem Rasen abspielt, weitaus langweiliger als das, was drum herum passiert. 1982 veröffentlichte der Autor Michael Klaus, vor einiger Zeit mit dem Literaturpreis des Ruhrgebiets ausgezeichnet, ein Buch mit dem Titel „Nordkurve“. In dem geht es weniger um die Spieler und mehr um die „Szene Fußball“. Um die Geschehnisse hinter den Kulissen und um die Menschen dort, deren Schicksale eng mit dem Fußball verbunden sind. Also um die Personen in der Chef-Etage, um die anrückenden Fans, um die Alten in der Kneipe, um die Reporter, Sponsoren Spieler-Vermittler. Also: Um das Lauf-Publikum zwischen Lack- und Turnschuhen.

Der Ruhrpott-Filmer und Grimme-Preisträger Adolf Winkelmann, Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre durch seine Filme „Die „Abfahrer“ und „Jede Menge Kohle“ bekannt geworden, schuf daraus ein der spannendsten Sittengemälde unserer Zeit.“Nashville“ hieß 1975 ein amerikanischer Spielfilm von Robert Altman. In dem ging es um die Mechanismen einer „funktionierenden“ Metropole, und zwar die der Western- und Country-Musik. Altman beobachtete und porträtierte damals über ein Dutzend Menschen und zog aus ihrem Auftreten und ihren Schicksalen Parallelen zur Gegenwart. „Nordkurve“ ist heute das Ruhrpott-„Nashville“-Epos. Geschickt, spannend und entlarvend wird anhand von einem überschaubaren und unverwechselbaren Typen-Kreis die Chronik eines Fußball-Samstags beschrieben, die zugleich eine gesellschaftliche Zustandsbeschreibung unseres Landes ist.

Dieser „Krieg am Samstag“, ein Filz aus Liebe, Hiebe, Leidenschaft, Alkohol und Geschäftemacherei, betrifft uns inzwischen alle. Dennoch regt sich Winkelmann mit „Nordkurve“ nicht künstlich auf. Klagt nicht blindlings, sondern erzählt höchst originell spannend, bitter, also typen-echt und unterhaltsam. Sein Team besteht aus einem erstklassigen Ensemble, sowohl vor wie auch hinter der Kamera. „Nordkurve“ ist einer der besten und klügsten deutsche Filme der letzten Zeit (= 4 ½ PÖNIs).