NO ONE LIVES

Rache-Stories zählen seit jeher zu den beliebtesten Film-Motiven. Wenn „das Böse“ letztlich überführt und abgestraft wird. Deshalb kann ich auch immer und immer wieder gerne Ur-Werke wie „Der Graf von Monte Christo“ genießen. Wo es allerdings eine zum Heute vergleichsweise „liebliche Rache“ gab bzw. gibt. Heute werden bei diesen Themen die ekligen Schurken gerne schon mal in Richtung Schlachtbank geführt und geschreddert. Wie in einem neuen, außerordentlich bizarren Splatter-Thriller-Movie. DEN der am 30. Mai 1969 in Japan geborene, danach in Australien (an der „School of Visual Arts“ in Sydney) ausgebildete, dann wieder in Japan als Produzent und Regisseur arbeitende RYUHEI KITAMURA schuf, der seit 2008 („Midnight Meat Train“/ mit Bradley Cooper + Brooke Shields) in den USA tätig ist. Und mit seinem zweiten US-Streifen seine kompromisslose Art von stilisierter Amok-Rache eindrucks- wie wirkungsvoll weiterführt. Was auch so viel bedeutet wie – sensible Gemüter und empfindsame Kunstsachverständige bekommen hier bei diesem Kälte-Schocker möglicherweise Sinn- wie Emotionsprobleme:

NO ONE LIVES“ von Ryuhei Kitamura (USA 2011/2012; B: David Cohen; K: Daniel Pearl; M: Jerome Dillon; 89 Minuten; Heimkino-Veröffentlichung: 02.10.2013).

Ein Mann und eine Frau. Ein Liebespaar auf Urlaubsfahrt. Mit einem Anhänger im Schlepptau. Alles paletti. Kleine Stimmungsschwankungen während der Autofahrt, aber nix Aufregendes. Er hört auf Treiber, sie heißt Betty. Man macht irgendwo in einem Kaff Motel-Übernachtungspause, fährt zum Essen in ein etwas entlegenes Restaurant, wo sie belästigt werden. Von einem schäbigen Typen, der einer Gang angehört, die gerade das Haus einer sich im Urlaub befindenden wohlhabenden Familie auszurauben versuchten. Doch als die Familie unerwartet zurückkehrt, wird sie bestialisch erschossen. In dem Paar glaubt die Gang eine vergleichsweise leichte „Ersatzbeute“ zu haben. Doch DIE haben nicht DAS vernommen, was wir vorab schon gehört haben. Als Treiber Sätze wie „Aus jedem Schlechten kann sich auch Gutes entwickeln“ oder „Es gibt immer eine Chance“ von sich gab. Zu Betty. Oder auch: „Ich bin nicht emotionslos, ich hab‘ nur ein anderes Empfinden dafür“. Merkwürdige, anspielungsreiche verbale Signale. Betty: „Ich mag das Normale“. ER: „Ich würde mich ändern, aber ich kann es nicht“. Die Familien-Gang glaubt indes, mit den Beiden leichte Beute (Kreditkarten, Money) zu haben und muss dann checken, genau an den Total-Falschen geraten zu sein: An Jemanden „WIRKLICH Schlimmen“. Besonders, als Betty Selbstmord verübt. Treiber, der „besonnene“ Killer und der coole Entführer der in seinem Anhänger festgesetzten, seit Monaten in der Region gesuchten Millionärstochter Emma Ward, ist jetzt „herausgefordert“. ER, ausgestattet mit (sehr) viel Denk- und noch mehr „phantasievollem“, geschickten Handlungsvermögen, kriegt die volle Profi-Wut. Und schlägt, schießt, trickst präzise wie überlegen (als Solist) zurück. Motto: „Weißt du, was ich an gewöhnlichen Kriminellen so hasse, die sind alle so mittelmäßig!“ In der Tat. Doch die deftige, pechschwarze wie packend atmosphärisch entwickelte Geschichte ist noch für einige Überraschungen und Wendungen gut. Insbesondere der Satz von Emma Ward, der einmal fällt: „Ich denke, er hat versucht, mich zu formen“, bekommt im weiteren Verlauf noch einiges Story-Gewicht.

Ein Spannungsfilm, der seine Erwartungen in Sachen stereo-typische Figuren und Gemetzel augenzwinkernd böse ebenso bedient wie er seine Klischees immer auch wieder „liebevoll“ umschifft: „No One Lives“, „Keiner überlebt“ heißt es falsch im Pressepapier als verführerischer Zusatztitel, setzt einen überdurchschnittlich intelligenten und keineswegs unsympathischen „Philosophie-Psychopathen“ in Bewegung („What motivates me is to get the job done“), der sein „Handwerk“ diesmal „an den Richtigen“ ausübt. Der aus Wales stammende Hollywood-Promi LUKE EVANS, 33, bekannt aus Filmen wie „Kampf der Titanen“, „Die drei Musketiere“ (2011) und „Der Rabe“ (2012), mimt seinen „freundlichen Fiesling“ mit Hardcore-Charme und akribischer Präzision. Als eine spannende Dreckstype. Die weitgehend unbekannten Ensemble-Stichwortgeber um ihn herum (er-)füllen souverän ihre zumeist überheblichen Opferrollen.

Es wird immer dunkler, jetzt auch im Heimkino. „No One Lives“ ist Prima Düster-Kino.

Anbieter: „Sunfilm Entertainment“