Mustang

MUSTANG“ von Deniz Game Ergüven (Co-B + R; Fr/D/Türkei 2015; Co-B: Alice Winocour; K: David Chizallet, Ersin Gok; M: Warren Ellis; 97 Minuten; Start D: 25.02.2016); du bist jung, hast Lust auf das Leben, plantscht mit deinen Geschwistern und Schulkameraden im Meer herum, schließlich haben die Sommerschulferien gerade begonnen, Lebensfreude und Spaß flirren ausgelassen in der Sonnenluft. Was für ein schöner Tag. Was für kein schöner Tag! Für Lale, Nur, Ece, Selma und Sonay, die das Pech haben, als Teenager in diesem – wertemäßig “ – vorgestrigen türkischen Dorf zu leben. Wo sie für ihr Planschen denunziert und schließlich Zuhause eingesperrt werden. Denn „so etwas“, frisch-fromm-fröhlich-frei „einfach so“ das Leben unbekümmert zu genießen, darf nicht sein. Jedenfalls nicht hier, nicht an diesem kleinen Ort an der Schwarzmeerküste, etwa 1000 Kilometer von Istanbul entfernt, wo Tradition und „Ehre“ hochgehalten wird und die Alten bestimmen, was junge Mädchen dürfen und was nicht. Sich – „angezogen“, in ihrer Schuluniform – im Meer zu vergnügen, gehört nicht zu den Disziplin-Erwartungen, die die Erwachsenen an den weiblichen Nachwuchs hegen. Und einfordern.

Nach dem Tod der Eltern leben die fünf Schwestern – zwischen 10 und 16 Jahre jung – im Haus ihrer stockkonservativen und traditionsbesessenen Großeltern. Die sofort „reagieren“: die Jungfräulichkeit der Mädchen wird im Krankenhaus überprüft, das Wohnhaus wird zur Festung umgebaut; Fenster werden vergittert, die Mauern höher gezogen, Benimm-Unterricht „angesetzt“. Die alten ewigen Regeln ausgerufen: Haus, Herd, baldiges Heiraten. Motto: Zucht und Ordnung. Anstatt Selbstbestimmung und Fröhlichkeit. Der Druck auf die Mädchen wächst.

Doch, der Titel verrät es schon, sie sind nicht so einfach „zu zähmen“. Allesamt mit enormem Freiheitsdruck ausgestattet, lassen sie sich nicht so einfach bevormunden. Herumkommandieren. Und schon gar nicht dauerhaft einsperren. Sie sind freiheitsliebend wie Mustangs und wollen ihren eigenen Lebens-Weg gehen. Bestimmen. Und sie haben eins: sie verhalten sich untereinander absolut solidarisch. Sie mögen sich und bilden eine eigene moralische Festung. Ihr Zusammenhalt ist ihre Auflehnungswaffe gegen das Weiterbestehen der Unterdrückung, der würdelosen Missachtung und brutalen Misshandlung von Frauen. Die nicht nur an diesem türkischen Ort immer noch wie Menschen zweiter Klasse betrachtet und behandelt werden. Doch der gesellschaftliche Umbruch ist längst in vielen Köpfen. Und in vollem Gange.

Seit der vorjährigen Präsentation bei den Filmfestspielen von Cannes zieht „MUSTANG“, das Langfilmdebüt der in Frankreich lebenden türkischstämmigen DENIZ GAME ERGÜVEN, von einer Belobigung zur nächsten. Der Film wurde für den „Golden Globe“ nominiert; in Frankreich bekam er gleich 9 „Cesar“-Nominierungen; zudem hat ihn Frankreich für den Auslands-„Oscar“ eingereicht; er gewann den Nachwuchspreis beim „Europäischen Filmfest“ und den „Lux-Filmpreis“ des Europa-Parlaments. Um nur einige Auszeichnungen zu nennen. Für dieses grandiose filmische Plädoyer in Sachen Toleranz, Zivilcourage und Dagegenhalten-Mut. „Mustang“ ist auf bildhaft wunderschöne wie kluge Erzählweise sehr wirkungsvoll-unterhaltsam (= 4 ½ PÖNIs).