Mr. Holmes Kritik

MR. HOLMES“ von Bill Condon (GB/USA 2014; B: Jeffrey Hatcher; nach dem Roman „A slight trick oft the mind“ von Mitch Cullin/2005; K: Tobias Schliessler; M: Carter Burwell; 105 Minuten; Start D: 24.12.2015); lief in diesem Jahr im Berlinale-Wettbewerb. Holmes? Natürlich: SHERLOCK HOLMES. Wir befinden uns im Britannien von 1947. Der berühmte Meister-Detektiv ist inzwischen 93 Jahre alt und leidet an „Aussetzern“. Die man heute „Alzheimer“ nennt. Mit seiner Haushälterin, Mrs. Munro (LAURA LINNEY), und ihrem gescheiten, pfiffigen 11jährigen Sohn Roger (MILO PARKER) lebt er zurückgezogen auf seinem Landsitz im abgeschiedenen Sussex und kümmert sich vornehmlich um seine geliebten Bienen.

Sherlock Holmes ist verstört, beunruhigt, dass ihn mehr und mehr sein legendäres Gedächtnis im Stich lässt. Und auch sein Körper zeigt ihm auf unvorteilhafte Weise das Alter an. Vor allem aber eine Sache hat es ihm gedanklich angetan: Er kann sich nicht mehr daran erinnern, was ihn vor drei Jahrzehnten dazu gebracht hat, aus dem Ermittler-Geschäft auszusteigen. Mit Hilfe von Roger macht er sich daran, seinen letzten großen Fall zu rekonstruieren. Nach und nach aufzuschreiben. Dabei taucht er immer tiefer in das Labyrinth seiner Erinnerungen – und, erschreckend genug für Holmes – nun auch Phantasien ein. Was seine Prinzipien angreift, schließlich hat der Meister aller Detektive sich stets nur an „Tatsachen“ gehalten. Orientiert. Etwas anderes kam für ihn nie infrage. Jetzt aber muss er erstaunt erkennen, dass man gut und gern auch mit „Phantasie“ fein und vortrefflich hantieren kann. Ohne dass es „weh“ tut. Oder schadet.

Ein virtuoses Spiel um Genie und Zeit. Vereint in einer legendären Figur. Brillant dargestellt vom grandiosen britischen Theater-Mimen und Gandalf-Streiter aus den „Herr der Ringe“- und „Hobbit“-Trilogien: IAN McKELLEN. Der (zur Drehzeit) 75jährige füllt diese stolze, gebrechliche Sherlock-Figur mit listigem, wehmütigem und cleverem Leben. Haucht ihm wahrhaftige, stolze Seelen-Existenz ein und lässt ihn ein letztes Mal d a s geistige Genie sein, als das wir ihn kennen. Und alle schätzen. Verehren. Mögen.

Der Film als melancholisches wie tiefenpsychologisches Thriller-Poem. Bisweilen etwas träge verlaufend, aber dank des charismatischen Ian McKellen und seines kleinen, wunderbaren „Sancho Panza“ an seiner kämpferischen Seite, des außerordentlich präsenten 12jährigen MILO PARKER („Gespensterjäger“), entsteht ein ebenso reizvolles wie charmantes und atmosphärisches Spannungskino der Doppelbödigkeit.

„Mr. Holmes“ erreicht Liebhaber-Klima-Geschmack (= 3 ½ PÖNIs).