THE MASTER

THE MASTER “ von Paul Thomas Anderson (B, Co-Pr. + R; USA 2011; K: Mihai Malaimare Jr.; M: Jonny Greenwood; 137 Minuten; Start D: 21.02.2013); natürlich wurde von Produktionsseite bestritten, dass dieser Film etwas mit dem Leben des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard zu tun hat. Wie überhaupt der Sektenname „Scientology“ hier nie vorkommt. Dennoch ist mehr als deutlich ersichtlich, dass hier mit der Sekte „The Cause“ („Die Ursache“) DIE gemeint sind. Ebenso wie ihr (An-)Führer, ein Buch-Autor und Psychologe mit Namen Lancaster Dodd, von allen aber nur „The Master / Der Meister“ genannt, eindeutige Verführungschefzüge von Hubbard besitzt. Doch in Hollywood legt man sich ungern mit den mächtigen Scientologen an, also dauerte die Arbeit an diesem Projekt rund fünf Jahre und wurde dann – so hieß es in Venedig im Vorjahr, anlässlich der dortigen Festival-Wettbewerbsvorführung – vom Anderson-Freund und ranghohen Promi-Scientologen Tom Cruise nach einer Privatvorführung „abgesegnet“.

ER zählt zu den spannendsten Filmemachern überhaupt, der am 26. Juni 1970 in Kalifornien geborene PAUL THOMAS ANDERSON. DER zwischen 1996 und 2012 nur sechs Langfilme realisiert hat, die aber SÄMTLICHST auf große cineastische Begeisterung und weltweites Publikumsinteresse stießen: „Last Exit Reno“; „Boogie Nights“ (3 „Oscar“-Nominierungen / mit Burt Reynolds); „Magnolia“ (3 „Oscar“-Nominierungen / mit Tom Cruise); „Punch Drunk Love“ (Preis für die „Beste Regie“ in Cannes / mit Adam Sandler und Philip Seymour Hoffman) sowie „THERE WILL BE BLOOD“ (8 „Oscar“-Nominierungen / „Oscar“ für den „Besten Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis) und nun „The Master“ (drei „Oscar“-Nominierungen). Beginnend in den USA-Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.

„Ich bin Schriftsteller, Arzt, Kernphysiker, theoretischer Philosoph“: Lancaster Dodd (PHILIP SEYMOUR HOFFMAN) ist ein charismatischer Typ. Der sich und „sein Anliegen“ gut zu formulieren und geschickt „ans Volk“, an Immer-Mehr-Jünger, anzubringen versteht. „Erinnern“ und „Imaginieren“ lautet eine seiner Sinn-Botschaften, die über das „heiß“ erwartete „Buch Zwei“ verstärkt „fesseln“ soll. Das Buch, das dann den schön sinn-losen Titel trägt: „The Split Saber“. Und nicht kritisiert werden darf.

Dieser Freddie Dobbs (hinreißend kaputt: „Johnny Cash“ JOAQUIN PHOENIX) ist genau die Spezies Mensch, die Lancaster Dodd und seine Frau Mary Sue (AMY ADAMS) „benötigen“. Ein völlig traumatisierter Kriegsveteran, mit diversen Defiziten, von A wie Alkoholsucht bis S wie Sex-Besessenheit. Kein Wunder, dass er im zivilen Leben nur unangenehm „auffällt“. Stört. Sich quasi im selbstzerstörerischen Dauer-Rausch befindet. Auf einem Schiff, das „Wahrheit“ heißt, begegnen sie sich das erste Mal. Der neue Jünger und Der Meister. Der kultivierte Chef erweist sich als generös. Nimmt den blinden Passagier auf und mit offenen Armen an. Formt ihn zielstrebig zu einem „Freund“, aus dem er einen „besseren Menschen“ zu machen gedenkt. Bedingung: Abhängigkeit. Eingemeindung. In die Gemeinde. Und in deren spirituelle Triebfeder. Die da lautet: „The Master“ denkt, sagt, vermittelt die weitere Lebensrichtung. Ohne Kontra. Aber funktioniert DAS mit DIESEM Freddie? Einem permanenten Unruheherd? Innen wie außen? Dessen Fieber nie ganz erlöscht? Der sich wie ein streunender Hund nie völlig domestizieren lässt?

Zwei völlig unterschiedliche Kerle, zwei grandios aufregende sensationelle Schauspieler, zwei Charaktere, die wie ein permanenter Donnerhall kraftvoll „schäkern“. Eine Liebesgeschichte. Fast. The Bad & The Ugly. Der Böse und der Schlimme. Zwei Pole, die sich anziehen. Aufeinanderprallen. Intensiv „fighten“. Der (fast) stets beherrschte, überlegene, verführerische Mr. „Kultur“ Dodd und dieser bildungslose, wilde, amorale Unzivilisierte. DEN zu manipulieren eine echte Herausforderung ist. Für den Boss. Obwohl Dodds Weib diesen nervenden, störenden „Rivalen“ so schnell wie möglich loswerden möchte. Was für ein Ring. Für überragende Akteure wie „Oscar“-Star PHILIP SEYMOUR HOFFMAN („Capote“) und Beinahe-„Oscar“-Hero JOAQUIN PHOENIX („Walk The Line“). Ihr Psycho-Duell ist ein erstklassiger verbaler Boxkampf. Treffer hier, taktische Mätzchen und Listigkeit dort. Hoffman erinnert in seiner charismatischen Überlegenheit und in seinem cleveren Protz an den Orson Welles- „Charles Foster Kane“ aus „Citizen Kane“ von 1941; Phoenix wühlt sich in die Seelentiefen und das Aufbegehren von „Olymp“-Helden wie James Dean oder dem frühen Marlon Brando ein. Zwei Kult-Asse in ihrem faszinierenden und maßlosen Duell. Dabei für uns zuschauende, zuhörende Normalsterbliche bisweilen viel zu emotionslos erscheinend. Mit viel zu wenigen aussagestarken „K.O.-Treffern“. Natürlich geht es in „The Master“ hintergründig um eben jene Mechanismen einer totalitären Sippe, Sekte, vordergründig aber dominieren hier die ritualisierten „Spielchen“ um Macht, Vorrang, Bedeutung gegen Pöbel, Sündiger, Verlierer. Ungleich? Keineswegs. Beziehungsweise: Wer weiß? Es schon? Dieser Film „The Master“ wird gären. Wie ein überragender Wein. Wird öfters nachgesehen, möglicherweise neu interpretiert, filmisch umgedeutet werden. Müssen. In der Beschreibung von der Natur. Des Menschen. Seinem Klassen-Ich. Und seinem „irren“ Naturell. Wozu auch wieder dieser eigenwillige Soundtrack von „Radiohead“-Mitglied JONNY GREENWOOD beiträgt. Nix, was bloß rhythmisch „läuft“. Sondern eine eigene zusätzliche Ton-Stimme dazusetzt. Beeindruckend. Wie überhaupt:

„The Master“ zu sehen, ist hochinteressant. Lohnend. Man darf großartig „forschen“. Denken. Empfinden. Und begeistert Staunen über zwei herausragende Hauptdarsteller im Psycho-Punch: Prächtiges Erlebniskino für den Kopf! (= 4 PÖNIs).